• The Wall Street Journal

Asiens Fußball-Wettmafia ist nicht zu stoppen

    Von MATHIAS PEER
Reuters

In Asien werden mit illegalen Sportwetten Milliarden umgesetzt.

BANGKOK – Die Fußball-Europameisterschaft im vergangenen Jahr war für die Wettmafia in Singapur ein lukratives Geschäft. Als die Ermittler wenige Tage nach dem Endspiel von Kiew die Räume eines Syndikats durchsuchen, finden sie Bündel voller Bargeld: Die Beamten beschlagnahmen umgerechnet rund 50.000 Euro. Was für sie aber noch viel wichtiger ist: Laptops, Modems, Handys und USB-Sticks – Beweismaterial, das dabei helfen soll, die Hintermänner des gigantischen Zockergeschäfts im asiatischen Untergrund zu finden. Beinahe zeitgleich schlagen Polizisten auch in China, Malaysia, Indonesien und Vietnam zu. 300 Verdächtige nehmen sie fest, die mit illegalen Fußballwetten rund 85 Millionen US-Dollar umgesetzt haben sollen.

Die konzertierte Polizeiaktion war der jüngste großangelegte Einsatz, mit dem Behörden in Asien versuchten, den gewaltigen Wettsumpf in der Region trocken zu legen. Doch ins Netz gingen nur kleine Fische. Der zwielichtige Markt für Sportwetten in Fernost, den Strafverfolgungsbehörden und Sportverbände als Nährboden für Spielmanipulationen rund um den Globus sehen, ist ein Milliardengeschäft: Interpol schätzt die Umsätze der illegalen asiatischen Glücksspielanbieter auf mehrere Hundert Milliarden US-Dollar im Jahr.

Die enormen Summen gehen jedoch nicht nur auf das Konto von Wettbetrügern und Geldwäschern: Weil Sportwetten in Ländern wie China, Thailand, Vietnam oder Malaysia bis auf wenige Ausnahmen verboten sind, werden auch normale Sportfans, die auf den Sieg ihrer Mannschaft setzen wollen, auf den illegalen Wettmarkt getrieben. Die Situation erinnert an die Zeit der Prohibition in den USA: „Große Teile der Bevölkerung tun etwas, was die Regierung verbietet. Das legt den Grundstein für die organisierte Kriminalität", sagt der britische Experte Declan Hill, der mehrere Sportorganisationen im Kampf gegen Spielmanipulationen berät. Um die Nachfrage zu befriedigen, sei in Asien ein riesiges Netzwerk an Buchmachern entstanden, das im Untergrund operiert und sich der Kontrolle von Behörden weitgehend entzieht. Für Wettbetrüger, deren Netzwerk bis nach Europa reicht, bietet das die idealen Voraussetzungen.

Funktionäre wollen kontrollierte Öffnung

Auch die Hintermänner des aktuellen Skandals platzierten ihre Wetten vermutlich in Südostasien und verdienten dort ihr Geld. Mehrere Hundert europäische Fußballspiele stehen im Verdacht, von Verbrechersyndikaten mit Sitz in Singapur manipuliert worden zu sein, wie diese Woche bekannt wurde. Der undurchsichtige Markt macht es ihnen dort besonders leicht, ihre Einsätze zwischen Millionen gewöhnlicher Wetten zu verstecken. „Es würde uns im Kampf gegen Korruption im Sport schon erheblich weiterbringen, wenn wir wüssten, wer dort wann welche Wetten abschließt", sagt Chris Eaton, ehemaliger Sicherheitschef des Weltfußballverbands Fifa und heutiger Direktor bei der Forschungseinrichtung International Centre for Sport Security (ICSS). Doch weil die Anbieter quasi keiner Regulierung unterliegen, fehlt den Behörden der nötige Einblick in die Transaktionen. Genau das mache den Markt für Betrüger so attraktiv, sagt Eaton.

Reuters

Der Polizei in Singapur gelang im vergangenen Jahr ein großer Schlag gegen die Wettmafia. Die Wurzel der kriminellen Machenschaften sind aber nicht ausgerottet.

Funktionäre mehrerer asiatischer Sportverbände verlangen deshalb eine kontrollierte Öffnung der Wettindustrie. Die Wetten normaler Sportfans sollten entkriminalisiert und die Transaktionen bei lizensierten Anbieter staatlich beaufsichtigt werden, forderten zuletzt indische Cricket-Veranstalter und Vertreter von malaysischen Fußballverbänden. Nur so könnten Verbrecher, die mit manipulierten Spielen Millionengewinne erwirtschaften, schnell identifiziert werden

Stattdessen führen die Behörden in Metropolen wie Bangkok und Kuala Lumpur weiterhin einen vergeblichen Kampf gegen die Wettleidenschaft ihrer Bürger. Wer in der thailändischen Hauptstadt eine Fußballwette platzieren möchte, muss fast zwangsläufig auf die Strukturen krimineller Organisationen zurückgreifen: Die Internetseiten der meisten asiatischen Glücksspielanbieter sind in Thailand gesperrt. Gezockt wird dennoch: an Straßenecken, in Bars und per Telefon.

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Die Pekinger Glücksspielforscherin Wang Xuehong hat im vergangenen Jahr in einer gemeinsamen Studie mit europäischen Forschungseinrichtungen beschrieben, wie die asiatischen Untergrundmärkte funktionieren: Boten vor Ort nehmen die Wetten in ihrem Viertel entgegen - entweder telefonisch oder persönlich. Sie geben die Einsätze weiter an regionale Buchmacher, die wiederum das Geld ins Ausland transferieren und bei den großen Online-Anbietern platzieren.

Die Martkführer IBCBet, SBOBet und 188Bet dominieren dieses Internetgeschäft. Sie verfügen über eine Lizenz in Manila. Im Gegensatz zu den meisten anderen asiatischen Staaten sind Sportwetten auf den Philippinen vollkommen legal, die Regierung lockt mit niedrigen Steuersätzen und wenigen Vorschriften. Die drei in Europa weitgehend unbekannten Unternehmen haben dort in den vergangenen Jahren eine fast unglaubliche Finanzkraft aufgebaut. Alleine die drei Plattformen transferieren jede Woche Gelder im Volumen von zwei Milliarden US-Dollar, schätzt Eaton.

Bei den Anbietern bleibt zwar nur ein Bruchteil der Milliardeneinsätze als Gewinn übrig – Schätzungen gehen davon aus, dass sie 97 bis 99 Prozent der Gelder wieder an die Spieler auszahlen. Doch aufgrund der enormen Summen, die von sämtlichen Teilen des Kontinents auf den Plattformen zusammenkommen, fällt es den Anbietern leicht, Verluste durch Wettbetrug zu verkraften. Sie selbst haben deswegen keinen Anreiz, gegen die Manipulationen vorzugehen. „Selbst wenn Betrüger mit Hilfe manipulierter Spiele erhebliche Beträge erwirtschaften können, bringt das die finanzielle Stabilität der Anbieter nicht in Gefahr"" stellt das chinesische Zentrum für Glücksspielforschung an der Universität Peking fest.

Pyramidensystem der Buchmacher

Die Summen, die mit Spielmanipulationen verdient werden, dürften für die Anbieter lediglich Peanuts sein, glaubt auch Chris Eaton: „Die Unternehmen setzen so viel Geld um, dass ihnen die organisierte Kriminalität kaum auffällt." Europol geht davon aus, dass die Betrüger im aktuellen Fall gerade einmal acht Millionen gewonnen haben.

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Sportwettexpertin Wang Xuehong vergleicht die Plattformen mit hochliquiden Finanzmärkten, auf denen sowohl professionelle Spekulanten tätig sind, als auch kriminelle Organisationen, die versuchen, den Markt zu manipulieren. Die Fahndung nach zweifelhaften Wetten zwischen den riesigen Geldströmen gleicht deswegen der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Ein Indiz für eine manipulierte Wette ist beispielsweise ein großer Einsatz. Doch auch professionelle Buchmacher, die mit Manipulationen nichts am Hut haben, platzieren große Summen, um ihre Risiken abzusichern.

Ein weiteres Problem: Regionale Buchmacher geben die Wetten ihrer Kundschaft gesammelt in einem Block an die Plattformen weiter. Große Einzelwetten von Betrügern fallen deswegen selten auf. Weil in dem Pyramidensystem der illegalen Buchmacher Wetten regelmäßig über mehrere Ecken weitergegeben werden, ist kaum nachzuvollziehen, von wem welcher Einsatz stammt. Einzelne Personen zu identifizieren, die mit ihren Wetten regelmäßig richtig liegen, weil sie über Insider-Informationen verfügen oder Spieler und Schiedsrichter bestochen haben, ist dadurch fast unmöglich.

Chris Eaton, der vor seinem Engagement bei der Fifa in leitender Funktion bei Interpol arbeitete, sieht in erster Linie die Regierungen Südostasiens in der Pflicht, den ausufernden Wettmarkt in geordnete Bahnen zu lenken: „Den Regierungen fehlt aber der Wille, die Glücksspielindustrie stärker zu regulieren." Rufe nach einer Entkriminalisierung normaler Sportwetten und der Etablierung staatlich kontrollierter Anbieter stießen in der Vergangenheit nicht auf politisches Gehör. Lediglich Vietnams Regierung kündigte im vergangenen Jahr an, die Legalisierung von Sportwetten zu prüfen.

In Malaysia, einer der Hochburgen des asiatischen Wettgeschäfts, zeigten die Behörden erst vor wenigen Tagen, dass sie weiterhin mit aller Macht gegen Sportwetten vorgehen wollen: Die Polizei stürmte eine Superbowl-Party. Sechs Personen haben sich unabhängig vom Endergebnis verzockt. Die Beamten nahmen sie wegen illegaler Wetten auf das Spiel fest.

Mathias Peer arbeitet für das Pressebüro JP4 und die Seite jp4sport.biz. Für das Wall Street Journal Deutschland schreibt JP4 über Sport-Business-Themen.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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