• The Wall Street Journal

Dreamliner-Wette wird für LOT zum Albtraum

    Von MARCIN SOBCZYK und DANIEL MICHAELS
Reuters

Ein schöner Traum: Derzeit fliegt der Dreamliner bei LOT nur auf der Werbung am Warschauer Flughafen.

WARSCHAU – Keine Fluggesellschaft hat größere Hoffnungen in den Dreamliner gesetzt als LOT Polish Airlines. Mit Hilfe der 787-Modelle von Boeing wollte die angeschlagene staatliche Fluglinie Polens eigentlich lukrativere Fluggäste anlocken, die gern in weite Fernen reisen. Doch mittlerweile drohen die großen Erwartungen in das Renommierflugzeug, sich für LOT in einen bösen Traum zu verwandeln.

Zu den größten Abnehmern des Dreamliner gehört LOT zwar nicht. Aber die Manager der Staatslinie hatten bei ihren Umstrukturierungsanstrengungen die hochmodernen, treibstoffsparenden Jets fest eingeplant, um die trudelnde Fluggesellschaft nach Jahren der Verluste und sinkender Marktanteile wieder auf Kurs zu bringen. Zwei Dreamliner besitzt LOT bereits. Bis März sollten drei weitere dazu kommen. Basierend auf den Listenpreisen wäre für die Anschaffung fast eine Milliarde Dollar fällig geworden. Ziel war es eigentlich, vier ältliche Maschinen des Typs Boeing 767 zu ersetzen, aus denen die Interkontinentalflotte von LOT besteht.

Ausgeträumt – Die Pannengeschichte des Dreamliner

„Der Dreamliner war eine der wesentlichen Komponenten des Umbaus und der Bemühungen, das Unternehmen profitabel zu machen", sagt der frühere LOT-Chef Marcin Pirog im Interview. Pirog war im Dezember entlassen worden. Der elfte Boss der Fluglinie in zehn Jahren hatte zuvor eingestehen müssen, dass sich die Finanzlage des Unternehmens drastisch verschlechtert hatte und er die polnische Regierung um einen Kredit über rund 127 Millionen Dollar ersuchen müsse.

Am Mittwoch holte die Regierung in Warschau Pirogs Vorgänger Sebastian Mikosz wieder an Bord. Mikosz soll die Fluggesellschaft wieder flott machen, die nach Angaben von Unternehmensvertretern nun fast insolvent ist. Keine leichte Aufgabe, denn gemäß den EU-Richtlinien sind staatlichen Beihilfen enge Grenzen gesetzt und müssen von Brüssel abgesegnet werden. Der Druck ist groß. Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk hatte vor Kurzem erklärt, sein Finanzminister müsse sich auf den Verlust seines Amtes einstellen, wenn sich die Lage bei LOT nicht aufhelle.

Doch statt der ersehnten Silberstreifen am Horizont brauen sich immer mehr dunkle Wolken über LOT zusammen. Die Aussichten für die staatliche Linie verdüsterten sich mit jedem Dreamliner, der in den vergangenen Wochen am Boden bleiben musste. Anstatt sich damit brüsten zu können, über die modernsten Jets in ganz Europa zu verfügen, muss sich LOT darauf einstellen, seine in die Jahre gekommenen Boeing-767-Maschinen weiterzufliegen. Oder für teures Geld andere Modelle zu mieten. Die Aufgabe, mit den vorhandenen Flugzeugen herum zu jonglieren und mit der Unsicherheit unter den Passagieren umzugehen, ist komplex. Und die damit verbundenen Kosten für LOT sind hoch, meinen Analysten.

Wochenlange Tests ohne Ergebnis

„Selbst mit dem Dreamliner wird LOT möglicherweise nicht allzu lange überleben. Aber diese Situation macht alles nur noch schlimmer", kommentiert Grzegorz Sobczak, Luftfahrtanalyst und Publizist aus Warschau, die missliche Lage.

Die Fluggesellschaft plane, Schadensersatz von Boeing zu verlangen, kündigte LOT-Sprecher Marek Klucinski an. Die schleppende Nachfrage im Winter verschaffe dem Unternehmen allerdings gerade eine kleine Verschnaufpause. Und wenn die Dreamliner bald wieder in den Dienst gestellt würden, könnte sich der Betrieb bis zum Höhepunkt der Sommersaison erholen, hofft man bei LOT.

Doch ob das Boeing-Flaggschiff bald wieder abhebt, ist alles andere als klar. Seit Januar kleben die Riesenvögel am Boden, seit Januar bringen die lahmgelegten Flieger die LOT-Manager um den Schlaf. Luftfahrtbehörden auf der ganzen Welt hatten die Maschinen am Start gehindert, nachdem es in wenig mehr als einer Woche gleich bei zwei 787-Modellen zu einem Brand an den Lithium-Ionen-Batterien gekommen war. Trotz wochenlanger Tests und Analysen wissen die Inspektoren in den USA und Japan und anderswo immer noch nicht, was genau die Fehlfunktionen ausgelöst hat. Die Angst geht deshalb um, dass es Wochen oder gar Monate dauern könnte, bis die globale Dreamliner-Flotte wieder in die Lüfte entlassen wird.

Man stehe in ständigen Gesprächen mit den Kunden, wann die 787-Maschinen den Betrieb wieder aufnehmen können, beteuert eine Boeing-Sprecherin. „Wenn dieser Plan erst einmal steht, werden wir dabei helfen, die dafür notwendigen Schritte auszuführen."

Nach einem Bericht des Wall Street Journal will Boeing Änderungen an den Lithium-Ionen-Batterien des Dreamliner vorschlagen. Mit Hilfe dieser Modifikationen hofft der Flugzeugbauer, seine Flaggschiffe möglicherweise schon im März wieder flott zu machen, während weiter nach der Brandursache geforscht wird.

Alle acht Fluggesellschaften, die Dreamliner in der Flotte haben, haben mit der Unterbrechung ihres normalen Flugbetriebs zu kämpfen. Japan Airlines geht davon aus, dass sie das Startverbot für seine sieben 787-Flieger bis Ende März etwa 7,5 Millionen Dollar kosten wird, wie das Unternehmen am Montag mitteilte. Bei Air India, die über sechs Dreamliner verfügt, können Dutzende von 787-Piloten wegen Schulungseinschränkungen nicht auf den Maschinen eingesetzt werden, die sie vorher geflogen hatten, sagen mit dem Flugbetrieb bei Air India Vertraute. Ein Sprecher der indischen Fluglinie wollte dazu nicht Stellung nehmen.

Große Gesellschaften können Ausfall besser verkraften

Einige 787-Betreiber und andere Fluggesellschaften, die in diesem Jahr Dreamliner erhalten sollten, schauen sich jetzt nach Alternativen um. In Frage käme für sie dabei das ähnlich große Modell A330 des Boeing-Rivalen Airbus, einer Tochter der European Aeronautic Defence & Space (EADS ). „In den vergangenen Tagen sind bei uns mehr Anfragen zur Verfügbarkeit des A330 eingegangen als sonst in Monaten", berichtet Frank Pray, Chef der Flugzeugleasingfirma Intrepid Aviation Management.

Frisch verkabelt

Auf die großen Fluggesellschaften wirken sich die Störungen allerdings nicht ganz so verheerend aus, selbst wenn sie eine große Zahl an Dreamlinern im Bestand haben. Sie können teilweise auf eine umfangreiche Flotte und auf andere neu bestellte Maschinen zurückgreifen, um ihre Flugpläne umzustellen. All Nippon Airways, die mit 17 Dreamlinern unter allen Gesellschaften die meisten 787-Flugzeuge besitzt, will Boeing nach eigenen Angaben dazu bringen, die Auslieferung größerer Maschinen des Typs 777 zu beschleunigen. Bei United Continental Holdings fallen die sechs Dreamliner, über die die US-Airline verfügt, nicht sonderlich stark ins Gewicht. Sie machen weniger als ein Prozent der Linienjetflotte der Firma von insgesamt 700 Flugzeugen aus.

LOT dagegen fehlt ein solches Polster. Die vier 767-Maschinen, die auf interkontinentalen Routen eingesetzt werden, wurden in den neunziger Jahren angeschafft. Das Innere der Flieger ist schon seit Jahren nicht mehr nachgerüstet worden. Die Manager der polnischen Fluglinie hatten gehofft, mit Hilfe der verbesserten und erweiterten Business-Klasse des Dreamliner und aufgrund seines neuen Premium-Economy-Angebots die Schicksalswende bei LOT herbeiführen zu können. Der Umsatz gegenüber der bestehenden 767-Flotte werde um zwanzig Prozent klettern und dazu werde das reichhaltigere Angebot an unterschiedlichen Sitzen im Dreamliner einen großen Teil beitragen, hatte der damalige LOT-Chef Pirog noch Ende des vergangenen Jahres bei der Vorstellung eines Geschäftsplans geschwärmt.

Dass die US-Luftfahrtbehörde ausgerechnet am 16. Januar ein Startverbot für alle Dreamliner verhängte, erwies sich für LOT als besonders ungünstig. Einer der zwei Dreamliner der Fluggesellschaft befand sich zu dem Zeitpunkt gerade in der Luft. Er absolvierte seinen Jungfernflug von Warschau nach Chicago. Eigentlich hatte man das Ereignis gebührend feiern wollen. Doch als der Flieger nach seiner Landung am O'Hare International Airport umgehend aus dem Verkehr gezogen wurde, lud man die Gäste wieder aus. Die Party fand nicht statt. Am nächsten Tag zogen die europäischen Luftfahrtbehörden nach und stoppten ihrerseits alle 787-Flüge, so dass der zweite Dreamliner von LOT in Warschau ausgebremst wurde.

Werbung und Marketing auf Dreamliner aufgebaut

Ohne ihre 787-Flieger versucht die Fluglinie, sich in der Zwischenzeit einigermaßen zu behelfen. Drei Rundflüge nach Peking mussten in diesem Monat allerdings schon ersatzlos gestrichen werden. Passagiere mit Premium-Economy-Ticket werden in der Business Class umhegt. Oder sie werden im Economy-Abteil neben einen freien Sitz platziert und mit Speisen und Getränken aus der Nobel-Klasse versorgt. Außerdem werde ihnen eine Entschädigung angeboten, berichtet Konzernsprecher Klucinski.

Video auf WSJ.com

Boeing is telling customers it is working on a revised design for the batteries in its 787 Dreamliners that the company hopes will win permission for the planes to fly again. WSJ's Jon Ostrower reports on The News Hub. Photo: Getty Images.

„Das eigentliche Problem besteht derzeit darin, dass die Zukunft des Dreamliner ungewiss ist", sagte Pirog. „Unsere ganze Werbung und das ganze Marketing hatten darauf aufgebaut. Für LOT ist das ein großes Problem."

Nach Regierungsschätzungen beliefen sich die Verluste von LOT im vergangenen Jahr auf etwa 65 Millionen Dollar. Um weiterfliegen zu können, werde die Fluggesellschaft möglicherweise noch mehr Geld brauchen als den Kredit über 127 Millionen Dollar. Derzeit werde über den Abbau von Arbeitsplätzen und die Reduzierung der Kurzstreckenflotte der Fluglinie verhandelt.

Wie die anderen sieben Fluglinien mit Dreamlinern in ihrer Flotte erwartet auch LOT eine Entschädigung von Boeing. Eine Sprecherin des Flugzeugbauers sagt dazu lediglich, dass die Gespräche mit den Kunden vertraulich seien. „Wir verfolgen alle Kosten nach, die im Zusammenhang mit dem Startverbot entstehen", sagt LOT-Sprecher Klucinski, der keinen genauen Betrag nennen will. „Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, werden wir sie bei Boeing einfordern."

—Mitarbeit: Santanu Choudhury

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