• The Wall Street Journal

Was macht Schneewittchen kostenlos bei Youtube?

    Von AMIR EFRATI

Googles Videodienst Youtube muss immer noch mit einem alten Problem kämpfen. Immer wieder finden illegal hochgeladene Filme ihren Weg auf die Website.

Hunderte von Filmen in Originallänge wurden illegal im beliebtesten Videonetzwerk der Welt eingestellt. Blockbuster von großen Studios – darunter Walt Disney, Columbia und Tristar – lassen sich ohne Probleme finden. Alleine im vergangenen Jahr fanden diese Videos hunderte von Millionen von Zuschauer.

Warum die Filmstudios nicht versucht haben, die Videos zu blockieren, bleibt ein Rätsel. Schließlich gibt es dafür sogar ein spezielles Youtube-Programm mit Namen Content ID.

Disney/Everett Collection

Viele Klassiker von Disney, darunter auch Schneewittchen, wurden bei Youtube hochgeladen.

Am Donnerstag blockierte Disney nach Nachforschungen des Wall Street Journal per Content ID erfolgreich einige klassische Animationsfilme wie „Peter Pan", „Schneewittchen und die sieben Zwerge" und „Fantasia". Fast ein Jahr waren diese zuvor abrufbar gewesen.

Sprecher von Disney, Sony, MGM Studios und Warner Bros. wollten sich nicht zur Situation äußern. Auch gaben sie keinen Kommentar dazu ab, warum sie die Filme bisher nicht per Content ID blockiert hatten.

Eine Sprecherin von Youtube sagte, das Unternehmen habe „viel Geld in Copyright- und Content-Management-Systeme investiert, um Rechteinhabern die Kontrolle über ihre Inhalte auf Youtube zu überlassen". Mehr als 4.000 Medienunternehmen würden Content ID nutzen. Weiter sagte sie, dass Youtube die Technologie hinter Content ID kontinuierlich weiterentwickeln würde. Bisher habe man mehr als 200 Millionen Videos identifizieren können, die gegen Urheberrechte verstießen.

Howard Gantman ist Sprecher der Motion Picture Association of America. Er und seine Organisation vertreten die Studios in Copyright-Angelegenheiten. Gantman erklärte, der Lobbyverband wisse von der Angelegenheit und sei besorgt. „Unsere Mitglieder haben Kontakt zu Youtube aufgenommen und auf das Problem hingewiesen. Wir hoffen, dass sich das Unternehmen kooperativ erweist und mit uns an einer Lösung arbeitet."

Die Rückkehr des Problems verdeutlicht, dass weiterhin urheberrechtlich geschütztes Material bei Youtube auftaucht. Dabei hatte das Unternehmen Maßnahmen ergriffen, um das Problem anzugehen. In den vergangenen fünf Jahren hatte das Thema daher auch weitgehend geruht.

Youtube war 2006 von Google übernommen worden. 2007 verklagte Viacom das Unternehmen und behauptete, dass es tausende unautorisierte Videos bei Youtube gäbe. Google sei für die Urheberrechtsverletzungen verantwortlich. Zu Viacom gehören verschiedene Fernsehsender, darunter auch MTV.

Youtube erklärte, das Videoportal könne wegen des Digital Millennium Copyright Act nicht für Urheberverstöße verantwortlich gemacht werden. Außerdem würde Youtube geschützte Inhalte entfernen, sobald das Portal darauf hingewiesen werde. Ein Urteil steht bislang noch aus.

Content ID wurde 2007 gestartet

Google hat Content ID 2007 gestartet. Mit dem Programm sollen Rechteinhaber in der Lage sein, als urheberrechtlich geschützt identifizierte Inhalte zu blockieren, damit diese komplett von dem Portal verschwinden oder in bestimmten Regionen nicht mehr angezeigt werden. Alternativ können die Eigentümer der Rechte auch Werbung platzieren, die dann in der Nähe des Videos oder darübergelegt angezeigt werden, wenn ein Film abgespielt wird. Der Großteil der Einnahmen fließt dann in die Taschen von Hollywood.

Einige der Filme, die in den vergangenen Monaten von unterschiedlichen Nutzern bei Youtube hochgeladen wurden, werden aktuell mit Werbung angezeigt. Unter anderem dabei: der 1990er-Blockbuster „Misery" der MGM Studios.

Content ID hat dabei geholfen, das Piraterie-Problem einzudämmen, berichten Branchenvertreter. Seit der Einführung der Software ist jedoch einiges passiert. Google hat Verträge mit Disney und anderen Studios abgeschlossen. Youtube ist inzwischen eine Plattform für professionell erstellte Fernsehsendungen und auch ganze Filme können kostenpflichtig gemietet werden.

Die jüngste Upload-Problematik könnte die Verleihbemühungen eingeschränkt haben. Filme wie „Ich bin Nummer Vier" und „Shanghai Noon" sind bei Youtube frei verfügbar, obwohl die Studios einen Verleihvertrag mit der Plattform abgeschlossen haben.

Es wäre vermutlich ein leichtes, die illegalen Uploads von der Seite zu entfernen, wenn die Studios das Problem angehen würden.

Mit zusätzlicher Software runterladen

Bei einigen der unter Pseudonym hochgeladenen Filme haben die Nutzer, die die Videos hochgeladen haben, in der Beschreibung des Videos sogar angegeben, dass sie nicht im Besitz der Urheberrechte sind. Andere fügen sogar noch eine Erklärung hinzu, wie sich die illegal eingestellten Filme mit zusätzlicher Software herunterladen lassen.

Verschiedene Personen, die Content ID eingesetzt haben, sagten, dass das System gut funktioniert. Allerdings werden häufig die Ton- und Videospuren bei hochgeladenen Videos manipuliert, damit die geschützten Inhalte nicht mehr automatisch gefunden werden. Außerdem wird berichtet, dass einige Medienunternehmen Content ID nicht richtig anwenden und manchmal sogar vergessen würden, die illegalen Inhalte zu blockieren.

In den sozialen Medien ist die Überraschung darum häufig groß, wenn Links zu ganzen Hollywood-Filmen auftauchen – frei und für alle sichtbar. Besonders bei Twitter machen solche Verweise dann schnell die Runde.

Kailey Fry ist Studentin in der Nähe von Toledo, Ohio. Sie berichtet, dass ihr schon häufiger Meldungen über entfernte Inhalte bei Youtube untergekommen seien, die wegen Verstößen gegen das Urheberrecht gelöscht wurden. Doch vor einigen Monaten hätte ein Freund ihr erzählt, dass sich immer mehr vollständige Filme auf der Videoplattform finden ließen.

Vergangene Woche entdeckte Fry bei Youtube „Eva mit den drei Gesichtern", einen Film von 1957. Es folgten weitere Filme – sogar einen Videoabend hat sie mit Freunden veranstaltet, um gemeinsam auf einem Laptop den Horrorfilm „Halloween" von 1970 anzuschauen. „Ich werde Youtube in Zukunft noch viel häufiger einsetzen", erzählt die 16-Jährige.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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