• The Wall Street Journal

Ratingagenturen stehen unter Beschuss

    Von JEANETTE NEUMANN

Die Ratingagenturen bleiben unter Beobachtung der Behörden. Jetzt hat auch die New Yorker Staatsanwaltschaft Untersuchungen gegen Standard & Poor's, Moody's und Fitch eingeleitet, wie eine mit der Sache vertraute Person sagte.

Der New Yorker Generalstaatsanwalt Eric Schneidermann hat in dieser Woche Standard & Poor's (S&P) vorgeladen und Informationen von den anderen beiden großen Ratingagenturen verlangt. Seine Behörde untersuche die Bewertungen, die die Firmen vor der Finanzkrise für hypothekenbesicherte Wertpapiere abgegeben haben, sagte die Person.

Reuters

Die Ratingagenturen geraten zunehmend unter Beschuss. Nun untersucht die Staatsanwaltschaft in New York ihr Verhalten vor der Finanzkrise.

Es ist aber nicht klar, ob Schneidermann rechtlich gegen die Bewertungen vorgehen kann, da sein Vorgänger 2008 eine Abmachung mit den Unternehmen getroffen hatte.

Die Arbeit der Ratingagenturen steht bereits seit längerem im Blickpunkt. Erst in dieser Woche haben die USA eine Klage gegen Standard & Poor's eingereicht. Dass Moody's und Fitch nun Informationen vorlegen müssen, könnte bedeuten, dass auch sie bald ins juristische Visier geraten.

Das Justizministerium fordert fünf Milliarden US-Dollar von S&P, auch 13 Bundesstaaten haben Klagen gegen die Ratingagentur eingereicht. Das Unternehmen soll zweifelhafte Hypothekenpapiere absichtlich überbewertet haben, um ihr Geschäft nicht zu gefährden und Kunden nicht zu verärgern. Banken und Kreditinstitute verließen sich auf die Bewertungen der Papiere, die später abschmierten. Die Ratingagentur nannte die Vorwürfe haltlos.

Die Ermittlungen kommen für S&P zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Die nach Anzahl der Bewertungen größte Ratingagentur der Welt versucht gerade, ihren beschädigten Ruf wiederherzustellen. Wie ihre Wettbewerber soll S&P mit ihren Ratings dazu beigetragen haben, dass die Finanzmärkte in ihre schlimmste Krise seit Jahrzehnten schlitterten.

Ob der New Yorker Generalstaatsanwalt seine Schritte vor oder nach der Klage des Justizministeriums eingeleitet hat, ist noch offen. Ungeklärt ist auch, warum S&P vorgeladen wurde und die anderen Firmen nur per Brief zur Herausgabe von Informationen aufgefordert wurden.

Wie S&P ist auch Moody's bereits von mehren Staaten verklagt worden. Beide Firmen müssen sich im Mai in einem New Yorker Gericht einem Prozess stellen. Die Abu Dhabi Commercial Bank und andere institutionelle Investoren haben geklagt, weil sie wegen der Ratings der Unternehmen finanzielle Verluste erlitten haben sollen. Die Ratingagenturen haben bereits angekündigt, dass sie sich gegen die Klagen wehren werden.

Die amerikanische Börsenaufsicht SEC ermittle schon seit längerem gegen S&P, berichten Insider. Auch Moody's Verhalten während der Finanzkrise werde von der SEC und dem Justizministerium untersucht. Nur die Ratingagentur Fitch, die Fimalac und Hearst gehört, wurde von den Strafverfolgern bislang übergangen. Bei den Firmen äußerte sich niemand zu den Vorwürfen.

Alte Abmachung könnte die Ratingagenturen schützen

Wenn der New Yorker Generalstaatsanwalt die Untersuchungen vorantreiben will, muss er beweisen, dass die Ratingagenturen eine Vereinbarung mit seinem Vorgänger Andrew Cuomo nicht eingehalten haben. Cuomo, der jetzt Gouverneur des Bundesstaats New York ist, hatte damals zugesagt, alle Untersuchungen gegen die Ratingagenturen einzustellen und keine Schritte gegen sie einzuleiten, wie Dokumente belegen, in die das Wall Street Journal Einblick hatte. In der bis 2011 geltenden Vereinbarung räumten S&P, Moody's und Fitch kein Fehlverhalten ein, versprachen aber mit der Staatsanwaltschaft zusammenzuarbeiten. Zudem wollten sie ihr künftiges Vorgehen bei der Bewertung von Hypothekenpapieren reformieren.

Unter anderem sollte ein jährlicher Bericht darüber Aufschluss geben, wie die Firmen mit Hypotheken besicherte Wertpapiere bewerteten. Zudem sollte die Bezahlung für diese Ratings geändert werden.

Wenn Schneidermann herausfindet, dass eine der Ratingagenturen die Abmachungen nicht eingehalten hat, könnte er einem Vertragsbruch nachgehen und sie womöglich wegen ihres Verhaltens im Vorfeld der Finanzkrise verklagen. Ansonsten genießen sie wegen der Abmachung für diese Zeit Immunität. Der New Yorker Generalstaatsanwalt hätte aber noch eine andere Möglichkeit: Er könnte das Verhalten der Ratingagenturen seit dem Beginn der Krise genauer in den Blick nehmen.

—Mitarbeit: Jean Eaglesham

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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