• The Wall Street Journal

Das Jahr der Schlange hat ein Imageproblem

    Von TE-PING CHEN und FIONA LAW
Eva Tam/The Wall Street Journal

Souvenirs mit dem aktuellen Tierkreiszeichen haben sich in diesem Jahr schleppend verkauft.

HONGKONG – Zu Beginn eines neuen Jahres nach dem Mondkalender ist das betreffende Sternzeichen in China eigentlich an jeder Ecke zu finden. Doch beim Jahr des Schlange, das am Sonntag anfängt, ist die Begeisterung für das Reptil eher gering.

Das ablaufende Jahr des Drachen hat nicht nur bergeweise Spielzeug und Nippes hinterlassen, sondern auch Tausende Ehen und Babies. Aber mit der Schlange werden die Chinesen nicht warm. An manchen Orten hat sie sogar Lokalverbot. Die Neujahrsparade in Hongkong ist der Höhepunkt der Feierlichkeiten zum Jahreswechsel. Normalerweise spielt das zuständige Tierkreiszeichen dabei eine Hauptrolle, sagt Mason Hung von der Tourismusbehörde. 2012 gab es etwa einen 30 Meter langen Drachen zu sehen. Im Jahr davor bezauberten 50 als Kaninchen verkleidete Kinder die Menge.

Chinesen soll die Schlange versüßt werden

Rosa de Acosta/The Wall Street Journal

Doch diesmal ist alles anders. Die Stadt hatte eine Designagentur beauftragt, ein Schlangenmotiv zu entwerfen. Alle Vorschläge wurden abgelehnt. „Der optische Effekt war nicht sehr ansprechend", sagt Hung. „In diesem Jahr verzichten wir auf Schlangen und ersetzen sie durch Süßigkeiten und Ballons, um eine echte Straßenparty zu schaffen". 100.000 Zuschauer werden erwartet,

Was alles noch schlimmer macht: Das anstehende Jahr gilt als „blindes Jahr", weil der erste Frühlingstag nicht hineinfällt. Nach dem Mondkalender beginnt ein neues Jahr immer zwischen Ende Januar und Mitte Februar. Das Frühlingsfest wird in China aber traditionell am 4. Februar gefeiert. Daher hatte das Jahr des Drachen zwei Frühlingsbeginne, das Jahr der Schlange gar keinen.

Aus diesen Gründen platzten beliebte Heiratsorte und Geburtsstationen im vergangenen Jahr aus allen Nähten. In den vergangenen Monaten nahm der Andrang noch einmal zu. „Wir hatten fast jeden Tag im November und Dezember Hochzeitsfeiern, weil die Paare sich im Jahr des Drachen vermählen wollten", sagt Sam Ip, Sprecher der Federal Restaurant Group. „Für das kommende Jahr haben wir weniger Buchungen, weil es ein blindes Jahr ist.

Einige Geschäftsleute in Hongkong versuchen sich aber an der Ehrenrettung der Schlange – indem sie das Tier verniedlichen. Sie setzen Fliegen, lange Wimpern oder Fliegerbrillen ein. Auf Postern in Läden erscheint die Schlange in Roben und mit Blumen im Arm. Der Schwanz wird geschickt unter Goldbarren verborgen. Aus gespaltenen Zungen werden Herzen geformt. „Der Kerl hier hat einen kurzen, kleinen Schwanz", sagt der Beamte Wong Yeung in Hongkong. Das Stofftier, das er in den Händen hält, hat einen so großen Kopf, dass es eher einer neonfarbenen Kaulquappe gleicht.

[image]

Auf einem Jahrmarkt im Victoria Park berichtet Händler Li Yeung, dass er Schlangen-Spielzeug in Betracht gezogen, sich dann aber für ein niedlicheres Tier entschieden hat. Er und seine Freunde gaben umgerechnet 6.000 Euro aus, um Plüsch-Enten herstellen zu lassen. Die Enten tragen Schlangenkostüme – auch wenn das so aussieht, als ob das Reptil den Vogel verschlingt. „Viele Leute glauben, dass Schlangen negative Tiere sind. Also haben wir gedacht, dass wir sie ein bisschen verpacken", sagt Li. „Das Kostüm kann aber auch ausgezogen werden".

Der Spielzeughersteller Rich Legend Enterprises stellt seit zehn Jahren Neujahrs-Accessoires her. Im vergangenen Jahr wurden 10.000 Drachen gefertigt. Das sei in diesem Jahr kein Thema gewesen, sagt Marketingchef Gary Wong. „Das ist das erste Mal, dass wir keine produzieren. Die meisten Kunden haben gesagt, dass sie keine wollen."

Auch die für ihre überbordenden Dekorationen bekannten Einkaufszentren der Stadt halten sich zurück. Im Times Square etwa setzt man mit Blüten und Herzen lieber auf Valentinstag. „Wir haben uns gedacht, das ist romantischer", sagt Sprecher Vernon Ma.

Video auf WSJ.com

This year's Chinese zodiac sign is the snake, a somewhat less auspicious symbol that is hard to warm up to. The WSJ's Te-Ping Chen reports on how street vendors are getting creative in their efforts to market the animal.

Noch haben die Schlangen aber ihre Fürsprecher. Sie gelten auch als „kleine Drachen", und im Jahr der Schlange Geborene sind laut Feng-Shui-Experten intelligent, vernünftig und organisiert – zeichnen sich aber auch durch Geltungsbedürfnis aus. Im Einkaufszentrum Metroplaza sind acht lebendige Schlangen in einem Terrarium unter einem goldenen Bogen ausgestellt. Zur Eröffnung der Installation trugen Models mit Orchideen geschmückte Hüte und posierten mit Pythons auf den Armen.

Das Jahr der Schlange gehört den Frauen", sagt Jenny Chan, die Marketingmanagerin des Zentrums. „Nach traditionellem Glauben wird ein Mädchen, dem im Traum eine rote Schlange erscheint, sich verlieben oder heiraten." Die Schlange sei in vielen Kulturen auch ein Symbol für Reichtum und Macht. Eine der Schlangen im Terrarium sei 57.000 Euro wert.

Kontakt zu den Autoren: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Fußball-WM

  • [image]

    Deutschland ist Weltmeister

    Es hat geklappt! In einem nervenaufreibenden Finale gegen Argentinien schoss Mario Götze in der Verlängerung das 1:0, mit dem die deutsche Elf zum vierten Mal Fußball-Weltmeister wurde.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 13. Juli

    Der Vollmond erleuchtete die Nacht, Deutschland wurde Fußball-Weltmeister und in Mazedonien feierten die Menschen Hochzeit - das und mehr waren die Foto-Highlights vom Wochenende.

  • [image]

    Formenspiel unter der Sonne von Kalifornien

    Geometrische Formen, Holz und roher Beton bestimmen das Design von unserem Haus der Woche. Draußen lockt die Bucht von Monterey, drinnen eine Geheimtür, die direkt ins Herzstück des Anwesens führt.

  • [image]

    Die Chinesen lieben das Nickerchen im Möbelhaus

    Chinesen mögen es, an merkwürdigen Plätzen ein Schläfchen zu machen. Neu ist dieses Phänomen nicht. Ein Fotograf hat sich nun aber erstmals auf die Lauer gelegt und das seltsame Verhalten bei Ikea in Peking dokumentiert.

  • [image]

    Wer seinen Aktionären im Dax reinen Wein einschenkt

    Unternehmen planen ihr Geschäft im Prinzip bis ins Detail. Doch nur wenige wagen es, die Zielzahlen auch ihren Aktionären zu verraten. Manche bleiben sogar ziemlich vage. Eine Studie zeigt jetzt, welche Dax-Konzerne ihren Anlegern reinen Wein einschenken.

  • [image]

    Der neue Villen-Boom in Berlin

    „Arm, aber sexy" war gestern. Heute zeigt Berlin wieder Luxus. Besonders die Altbauvillen im Südwesten der Hauptstadt erleben derzeit eine neue Blütezeit.