• The Wall Street Journal

Nie wieder Oma-Grammys

    Von JOHN JURGENSEN
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Veränderungen in der Musikindustrie beschleunigen den Lebenszyklus junger Künstler.

Vierzig Millionen Menschen haben bei der Grammy-Verleihung im vergangenen Jahr eingeschaltet. So viele Zuschauer hatte die Show zuletzt, als Michael Jackson eine Trophäe für „Thriller" mit nach Hause nahm. 2012 war das Riesenpublikum vor allem dem Tod von Whitney Houston am Tag vor der Verleihung zu verdanken. Ohne solche besonderen Umstände dürfte die Show an diesem Sonntag die Lage der Musikindustrie besser reflektieren.

Die Verantwortlichen für die Grammy-Verleihung von der National Academy of Recording Arts and Sciences sind zeitgemäßer geworden: In den Sechzigern hinkten sie bei der Anerkennung von Rock'n'Roll hinterher, und ignorierten später bahnbrechende Alben von Eminem und Radiohead, um stattdessen den Jazz-Rocker Steely Dan 20 Jahre nach seiner Glanzzeit wieder auszuzeichnen. Doch heute scheint die Jury mehr im Einklang mit den Trends zu sein, die die Musikkultur prägen.

So sind die Nominierten für das Album des Jahres alles junge, neue Künstler, die ganz unterschiedliche Musikgeschmäcker und -Karrieren vertreten. Die britische Folk-Rock-Gruppe Mumford & Sons wurde vor allem durch Mundpropaganda und ihre starken Live-Auftritte bekannt. Hip-Hop-Sänger Frank Ocean hat sich einen innovativen Klang und die Macht des Internets zueigen gemacht. Die Rockband „Fun." zeigt, dass auch Radio, Fernsehen und einprägsame Singles noch zum Ruhm führen können. Selbst zwei bekannteren Namen in der Nominiertenliste, Jack White und die Black Keys, sind trotz allem noch unter 40.

Der Wandel, den die Musikbranche gerade durchmacht, verkürzt womöglich auch die Haltbarkeit der Stars. Drei der fünf Nominierten schafften es schon mit ihrem zweiten Album in die Auswahl, einschließlich dem knappen Favoriten Mumford & Sons. Auch in den vergangenen drei Jahren gewannen jedes Mal Künstler den Grammy für das beste Album, die gerade erst zwei oder drei Platten aufgenommen hatten: Adele (2012), Arcade Fire (2011) und Taylor Swift (2010). Noch nie zuvor in der 54-jährigen Geschichte der Grammys konnten Newcomer so häufig hintereinander den wichtigsten Preis der Veranstaltung erobern.

Junge Künstler statt Veteranen

Für eine Jury, die oft in Anlehnung an den Namen des Preises als „Grannies" oder „Omas" bezeichnet wurde, ist es ein wichtiger Schritt, jungen Künstlern den Vorrang vor den Veteranen der Musikindustrie zu gewähren.

REUTERS

Taylor Swift während der jüngsten Silvesterfeier auf dem Times Square in New York.

Andere nennen das eine Überkorrektur. Altbekannte Namen wie Dr. John, Bonnie Raitt und Bruce Springsteen wurden in Genre-Kategorien wie Blues, Americana und Rock verbannt. Andere Legenden wie Bob Dylan, Leonard Cohen und Lionel Richie, die 2012 ebenfalls neue Alben herausgebracht haben, wurden ganz von den Grammys ignoriert. Aber genauso erging es Teenie-Schwarm Justin Bieber und anderen Pop-Stars wie One Direction und Nicki Minaj.

All das deutet darauf hin, dass die digitale Technologie und Social Media für eine neue Chancengleichheit sorgen. Der Umsatz mit Tonträgern und Musikdownloads belief sich 2011 auf sieben Milliarden Dollar, weniger als halb so viel wie 1999, als die Branche ihren Höhepunkt erlebte, berichtet die Recording Industry Association of America. 2012 setzte sich die Talfahrt der CD fort. Die Umsätze schrumpften im Vergleich zum Vorjahr um 13 Prozent, und verglichen mit vor zehn Jahren haben sie bereits 70 Prozent abgenommen, berichtet Nielsen SoundScan. Apple hat vergangenes Wochenende verkündet, dass im iTunes Store gerade das 25-Milliardste Lied verkauft wurde.

Doch der Wandel geht über die Konkurrenz zwischen CDs und Downloads hinaus. Während viele Plattenläden schließen müssen, tauchen immer mehr alternative Musikquellen auf. Fast zwei Drittel aller Teenager nutzen laut Nielsen Youtube als wichtigstes Medium zum Musikhören. Auch andere Streaming-Dienste wie Pandora und Spotify werden immer beliebter. Selbst Myspace hat ein Comeback geschafft und will Musikfans so von Facebook weglocken.

Schnell zum Star - und wieder zurück

Im Internet kann ein Musiker über Nacht zum Star werden, aber genauso schnell kann ein Star auch wieder in Vergessenheit geraten. „Musikkarrieren sind deutlich kürzer geworden", sagt Jeff Rabhan, Vorsitzender des Clive Davis Institute of Recorded Music der New York University.

In den vergangenen Jahren haben zwei Frauen in den USA die Charts dominiert, Adele und Taylor Swift, deren jüngste Alben jeweils 10,3 und 3,3 Millionen mal verkauft worden sind. Doch Erfolg wird heutzutage anders gemessen. Das Erstlingswerk von Frank Ocean, „Channel Orange", schaffte es nicht unter die 50 meistverkauften Alben des Jahres 2012. Trotzdem wurden nur drei andere Alben häufiger in Musikblogs erwähnt.

Ocean arbeitete kurz vor seinem Durchbruch mit der Rapgruppe Odd Future zusammen, die eine ganze Reihe an Songs kostenlos im Internet veröffentlichte. Schnell wurde die Gruppe aufgrund ihres rohen Stils und ihrer unverblümten Texte berühmt.

Anfang 2011 veröffentlichte Ocean ein eigenes kostenloses Album namens „Nostalgia, Ultra", ohne die Zusammenarbeit mit seinem bisherigen Label Def Jam. Die Songs sollten sich rauer anhören als die polierten R&B-Songs, die es zu der Zeit in die Charts schafften. Im Internet wurde das Album berühmt, wodurch Ocean auch das Interesse von Def Jam wieder weckte und Kanye West und Jay-Z zu seinem nächsten Album beitrugen.

"Die Academy ist nicht gegenwartsfremd"

Zwei Wochen vor der Veröffentlichung seines ersten kommerziellen Albums „Channel Orange" veröffentlichte der Sänger im Internet eine Nachricht darüber, dass seine „erste Liebesbeziehung" mit einem Mann stattgefunden haben soll. Nie zuvor hatte sich in der Hip-Hop-Welt ein Star als homo- oder bisexuell geoutet. Seit der Veröffentlichung des Albums im Juli ist Ocean weniger als 20 Mal aufgetreten.

Rebecca Miller

Mumford & Sons haben bereits vier Millionen Alben verkauft.

Mumford & Sons hingegen haben seit März 75 Konzerte gespielt. Ihr erstes US-Konzert spielte die Band 2008, mittlerweile ist sie auf der 12. US-Tour. Einmal reiste sie im Zug durch den Westen des Landes, eine Reise, die in einem Dokumentarfilm festgehalten wurde. Vergangenen Sommer organisierte die Band sieben Mini-Festivals, bei denen jeweils ein halbes Dutzend ähnlicher Bands beteiligt waren. Kommenden Sommer sollen weitere fünf solcher Events stattfinden.

Nach der Veröffentlichung dauerte es ein Jahr, bis es das Debütalbum von Mumford & Sons, „Sign No More", auf die Nummer zwei der Billboard-Charts schaffte. Doch danach blieb die Platte 20 Wochen lang in den Top 10. Ihr zweites Album „Babel" verblüffte die Branche, als am ersten Wochenende nach der Veröffentlichung 600.000 Exemplare verkauft wurden.

Insider aus der Musikbranche sagen, dass die National Academy of Recording Arts and Sciences in der letzten Zeit aggressiv junge Künstler, Komponisten und Produzenten angelockt hat. Neil Portnow, Präsident der Recording Academy, wollte nicht bestätigen, dass die Mitglieder der Akademie jünger geworden sind, doch er verweist auf neue Projekte wie Grammy U, ein vier Jahre altes Programm, durch das Studenten auf dem Weg in die Musikindustrie begleitet werden sollen. „Niemand kann diese Academy beschuldigen, gegenwartsfremd zu sein", sagt Portnow.

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