• The Wall Street Journal

Südkorea bringt Elektrobusse ohne Kabel auf die Straße

    Von JEYUP S. KWAAK

SEOUL--In Südkorea laufen derzeit vielversprechende Tests mit neuen Technologien für den Elektroantrieb von Bussen. Dabei werden die Fahrzeuge komplett ohne Kabel mit Strom versorgt. Sollte sich die ausgefeilte Technik im Feldversuch bewähren, könnten die Busse vor allem in Asiens Großstädten zum Einsatz kommen und die von Luftverschmutzung geplagten Metropolen entlasten.

Die Idee hinter der Antriebstechnik klingt vielversprechend: Im Gegensatz zu den in Deutschland diskutierten Themen wie Anzahl der Ladestationen oder Reichweite der Fahrzeuge gibt es diese Probleme in Südkorea nicht. Dort fahren neuerdings Elektrobusse mit Akkus, die permanent während der Fahrt aufgeladen werden - ohne Kabel.

Video auf WSJ.com

South Korea developed what they say is the most advanced electric vehicle option in the world, a wireless charging system that charges as the bus moves along the road. The WSJ's Jeyup S. Kwaak shows us how it's gaining traction.

Entlang der Buslinie über 24 Kilometer sind im Straßenbelag Kabel verlegt, die elektromagnetische Felder erzeugen und darüber die Busse mit Strom versorgen. In der Stadt Gumi, rund 240 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Seoul, mussten dafür aber nicht alle Straßen aufgerissen werden. Für den Betrieb des Netzes sei es ausreichend, wenn fünf bis fünfzehn Prozent der Strecke mit den Kabelsträngen ausgelegt sind.

Derzeit fahren zwei Busse mit der neuen Technik die Strecke bis zu zehn Mal am Tag ab. Ein Abstand von lediglich 17 Zentimetern zwischen dem Fahrzeugunterboden und der Straße sei ausreichend, um die Busse mit Strom zu versorgen. Die Rechte an dem ausgeklügelten System hat die Dongwon OLEV Corp, eine Tochter der koreanischen Dongwon Group.

Der Feldversuch ist Teil der Bemühungen, mit denen die Regierung Südkoreas die Treibhausgasemissionen um 30 Prozent bis 2020 verringern will. Die sogenannten Online Electric Vehicle (OLEV) sind besonders für Asiens Metropolen von Bedeutung. Städte mit zehn Millionen Einwohnern und mehr werden vor allem in Fernost erwartet, wie aus einem Bericht der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2011 hervorgeht.

Noch einige Hürden bis zur Marktreife

Allerdings gibt es noch ein paar Hürden zu überwinden, bevor die Technologie Marktreife erlangt. Zum einen ist sie alles andere als billig. Das System in Gumi kostete 4,8 Milliarden Koreanische Won, umgerechnet rund 3,2 Millionen Euro. In der Summe enthalten sind auch die Kosten für zwei Busse aus Karbonfasern, die alleine mit jeweils 650 Millionen Won zu Buche schlagen, wie es vom Entwickler der Fahrzeuge, dem Korea Advanced Institute of Science and Technology (KAIST), hieß.

Die hohen Kosten schrecken daher zunächst einmal ab. Langfristig würde sich der Einsatz aber rechnen, sagen die Projektentwickler. Im Laufe der Zeit würden die Kosten sinken, da Teile dieser Art der Stromversorgung in wesentlich größeren Stückzahlen hergestellt würden. Nach 14 Jahren dürfte sich die Investition rechnen, erwarten die Entwickler.

„Es wird sehr teuer und möglicherweise für die große Mehrheit des öffentlichen Nahverkehrs wirtschaftlich nicht umsetzbar sein", schätzt John G. Kassakian, Professor für Elektrotechnik am Massachusetts Institute of Technology.

Größe der Batterie kann verringert werden

Dongwon bemüht sich aber, die Vorteile der Technik hervorzuheben. Das permanente Aufladen während der Fahrt kann die Größe der Batterie und das Gewicht des Busses verringern. Zudem besteht keinerlei Gefahr durch Stromschläge an Ladestationen, da diese komplett wegfallen.

Dongwon OLEV habe Gemeinschaftsunternehmen in den USA und eine Tochter in Australien. Bisher seien aber keine Deals für die neue Technik abgeschlossen worden. An der neuen Technologie basteln die Koreaner nicht alleine, auch die kanadische Bombardier und der US-Chiphersteller Qualcomm arbeiten daran.

Ob sich die OLEV-Technologie im Rennen um die wirtschaftlichste Technik beim Fahrzeugantrieb durchsetzt, ist angesichts der Kritikpunkte fraglich. „OLEV verspricht eine deutliche Verringerung der Emissionen", erklärt zwar auch Tim Welch, Assistenzprofessor am Georgia Institute of Technology. „Ich befürchte aber, dass die hohen Investitionen zur Umsetzung der Technik besser zur Finanzierung anderer Technologien eingesetzt werden könnten, die günstiger sind und zudem möglicherweise ähnliche Vorteile für die Umwelt hätten."

Mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit

Eine weitere Sorge sind die möglichen Auswirkungen auf die Gesundheit, insbesondere von Personen mit Herzschrittmachern oder Hörgeräten. Allerdings sei die Strahlung von der Stromversorgung der Busse geringer als die Strahlung eines Laptops, sagen Ingenieure von KAIST.

Das System von Dongwon OLEV war zunächst auf Kurzstrecken in Südkorea getestet worden. Im Jahr 2010 wurde auf einer Teststrecke von 2,25 Kilometern gefahren, seit knapp zwei Jahren wird eine Strecke mit einer Länge von knapp vier Kilometern befahren. In den bisherigen Tests sei die Technologie höchst zuverlässig gewesen, betonte KAIST. Seit Anfang August wird das System auf der 24 Kilometer langen Strecke in Gumi eingesetzt.

Derzeit wird die Technik mit höherer Leistung auch bei Straßenbahnen und Hochgeschwindigkeitszügen getestet. Dadurch würden elektrische Oberleitungen komplett entfallen.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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