• The Wall Street Journal

Vevo will mit Apple und Samsung das Musikfernsehen wiederbeleben

    Von HANNAH KARP

Der Fernseher könnte im Musikgeschäft ein erstaunliches Comeback erleben. Die Musikvideofirma Vevo kehrt der Internetseite YouTube den Rücken zu und will mit einem drastischen Schnitt ein an den legendären Musiksender MTV angelehntes Programm wiederbeleben. Anders als das Musikfernsehen von früher soll die Vevo-Neugeburt den Plattenfirmen, die die Videos produzieren, Umsätze bescheren. Die Google -Tochter YouTube gerät dadurch erheblich unter Druck. Im Herbst dürfte Vevo dann auch endlich in Deutschland an den Start gehen.

Vevo ist ein Gemeinschaftsunternehmen von Sony und Universal. Die Firma hat bereits Verträge unterschrieben, wonach sie auf individuelle Nachfrage hin Musikvideos anbietet. Außerdem soll ein neuer Musikkanal mit einem Rund-um-die-Uhr-Programm entstehen. Dieses soll über die Set-top-Boxen von Apple TV und über Samsung -Geräte ausgestrahlt werden.

Agence France-Presse/Getty Images

Vevo-TV soll ab Herbst auch in Deutschland zu sehen sein.

Apple könnte mit einer App, die sich Vevo Apple TV nennt, bereits diese Woche an den Start gehen. Samsung dürfte laut informierten Personen einige Wochen später nachziehen. Mittelfristig will Vevo eigene Kanäle im Kabelfernsehen hochziehen. Noch gibt es bei diesen Bemühungen aber keinen Durchbruch.

Hinter dem Vevo Schachzug steht eine klare Strategie: Musikfans sollen dafür begeistert werden, dass sie sich Videos und andere Inhalte auf den eigenen Internetseiten und Apps anschauen. Noch ist YouTube auf dem Markt das Maß aller Dinge. Die Internetseite erhält einen Großteil des Anzeigengeschäfts. Vevo wollte nicht verraten, wie viel Prozent Google einbehält. Branchenexperten schätzen aber, dass der Internetkonzern bis zu 50 Prozent in die eigene Tasche steckt. Google kassiere stets weniger als die Hälfte, hieß es von einer Unternehmenssprecherin. Zum Vergleich: Wenn die Musikfans Videos auf Vevo.com oder Vevo-Apps anklicken, erhält das Unternehmen 100 Prozent des Anzeigenumsatzes.

50 Prozent des Umsatzes geht an Plattenfirmen

Vor Vevo liegt ein steiniger Weg. Das Unternehmen muss die Verbraucher dafür begeistern, YouTube zu umschiffen. Auf Geräten wie Fernsehern mit Internetverbindung könnte das leichter gelingen. Noch steht YouTube für mehr als zwei Drittel der von Vevo ausgestrahlten Video-Streams in den USA.

Die eingefädelten Deals ermöglichen es Vevo bereits, Anzeigen zu vermarkten, die fürs Fernsehen maßgeschneidert sind. Das könnte gerade Werbekunden mit höheren Budgets ansprechen, hofft das vier Jahre alte Unternehmen. Vevo erlöste vergangenes Jahr mehr als 200 Millionen Dollar und verkaufte dabei Anzeigen, die online parallel zu den Musikvideos laufen. Rund 30 Prozent der Anzeigen verdankt Vevo dabei seinem Originalprogramm mit zusätzlichem Service wie dem Einblenden von Liedtexten. Rund die Hälfte seines Umsatzes musste Vevo in Form von Tantiemen an die Plattenfirmen abtreten.

Das ist ein mächtiger Wandel im Vergleich zur Paradezeit von MTV in den 1980ern und 1990ern. Damals erhielten Plattenfirmen und Künstler keinen müden Cent aus den Werbeeinnahmen, die mit ihren Videos eingespielt wurden. Zu jener Zeit nahmen die Künstler Musikvideos auf, um ihre Alben in die Charts zu bringen. Aber in dem Maße, in dem die CD-Verkäufe kollabierten, schauten sich die Plattenfirmen nach neuen Geschäftsmodellen um. Jetzt suchen sie händeringend neue Einnahmequellen, darunter Musikvideos.

Vevo fing mit Tests für sein Online-TV im März an, als das "Vevo-TV" an den Markt ging. Das Angebot ist ein Online-Kanal, der wie das normale TV-Angebot programmiert ist und den Zuschauern keine Wahlmöglichkeiten einräumt. Der Kanal spielt Videoblöcke und Original-Shows ab. Die Mehrheit der Musikfans hat den Kanal bisher auf TV-Bildschirmen mit Hilfe der Xbox-Videospielkonsole von Microsoft oder Streaming-Abspielgeräten von Roku angeschaut. Nur wenige klickten sich bisher auf Laptops oder mobilen Geräten ein. Vevo will nachbessern, so dass die Musikfans die Shows auf gewöhnlichen Fernsehern einschalten können. Eine App für die Playstation von Sony ist laut informierten Personen ebenfalls in der Entwicklung.

Erste Marktforschungen belegen, dass die Zuschauer Programme nicht sonderlich schätzen, bei denen zwischen den Musikgenres hin- und hergesprungen wird. Rockfans schalten zum Beispiel ab, wenn eine Rap-Show beginnt. Im November will Vevo drei neue Kanäle auf den Weg bringen. Einer konzentriert sich auf Live-Musik. Die anderen orientieren sich an speziellen Genres, die je nach Uhrzeit und Land variieren. Vevo gibt es in zwölf Ländern. Als 13. dürfte diesen Herbst Deutschland dazu stoßen, hieß es von informierten Personen.

Neuer Investor gesucht

Unterdessen schaut sich Vevo nach einem neuen Investor um, der einen Mehrheitsanteil an dem Unternehmen stemmt und Sony sowie Universal einige ihrer Anteile abkauft. Frisches Kapital würde es dem Unternehmen ermöglichen, die eigenen Inhalte über Musikvideos hinaus zu erweitern, hieß es von Informanten. Offenbar steht Vevo in fortgeschrittenen Verhandlungen mit Guggenheim Partners. Das Interesse verstärkte sich, nachdem das Angebot von Guggenheim für die Video-Seite Hulu scheiterte. Die Gemeinschaftsbesitzer 21st Century Fox, Walt Disney und NBCUniversal hatten das Unternehmen nicht zu den gebotenen Bedingungen abtreten wollen.

Vielen erscheinen die Bemühungen von Vevo als Kampfansage an Google. Doch der Internetkonzern erwarb selbst vergangenen Monat 10 Prozent an Vevo. Dadurch stärkte Google seine Rolle als Vertriebspartner des Unternehmens in den kommenden fünf Jahren und darüber hinaus. Ein Drei-Jahres-Vertrag wäre vor kurzem ausgelaufen.

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