• The Wall Street Journal

"Was für ein Herzschlagfinale"

    Von BEATE PREUSCHOFF und SUSANN KREUTZMANN

BERLIN--Das Kopf-an-Kopf-Rennen bei der Niedersachsen-Wahl beschert den Parteien ein Wechselbad der Gefühle. Nach wie vor bangen Schwarz-Gelb wie auch Rot-Grün darum, wer künftig die Regierung in Niedersachsen stellen kann. Dabei zählt jede Stimme. Die Ausschläge auf den Stimmungsbarometern bei den Wahlkämpfern und in den Parteizentralen sehen entsprechend aus: Eine verhalten zufriedene CDU, eine euphorische FDP, eine enttäuschte SPD und selbstbewusste Grüne.

dapd

Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU, links) und der Spitzenkandidat der FDP bei der niedersächsischen Landtagswahl, Stefan Birkner, am Sonntag im Landtag in Hannover in einem Fernsehstudio.

CDU-Spitzenkandidat David McAllister wurde in Hannover mit lautstarkem Jubel empfangen, obwohl die niedersächsische CDU deutliche Verluste einfuhr. Es war das erste Mal, dass McAllister sich in einer Wahl dem Votum stellen musste. "Was für ein spannender Wahlabend, was für ein Herzschlagfinale", rief McAllister seinen Anhängern zu. Die Aufholjagd habe sich gelohnt, die CDU sei die Nummer eins in Niedersachsen. "Wer hätte das vor ein paar Wochen noch gedacht." Da habe Rot-Grün noch zehn Prozentpunkte vorne gelegen. Die CDU könne nun die "berechtigte Hoffnung" haben, die Koalition in Hannover fortzusetzen.

Sichtlich erleichtert kommentierte der umstrittene FDP-Vorsitzende Philipp Rösler das Abschneiden seiner Partei. Und er machte den Liberalen Mut für die kommende Bundestagswahl. Das Rennen habe jetzt erst angefangen, rief er aus. "Die freien Demokraten werden jetzt loslegen", versicherte der FDP-Chef. Zumindest an diesem Abend verstummten die Stimmen, die Röslers Ablösung an der Spitze der FDP fordern. "Rösler ist Niedersachse. Ein Erfolg in Niedersachsen ist auch ein Erfolg von Philipp Rösler", betonte FDP-Generalsekretär Patrick Döring. Auf die Frage, ob Rösler der richtige Parteichef sei, antwortete er nachdrücklich: "Aber ja." Selbst Wolfgang Kubicki, FDP-Fraktionsvorsitzender in Schleswig-Holstein und als einer der schärfsten Rösler-Kritiker bekannt, zeigte sich angesichts des für ihn "überraschend" hohen Ergebnisses handzahm. Einen vorgezogenen Parteitag werde es jetzt "jedenfalls nicht geben", die FDP vielmehr "in aller Ruhe und Harmonie" entscheiden, wie sie sich zur Bundestagswahl aufstelle.

Angesichts des knappen Ausgangs der Landtagswahl schlossen McAllister wie auch Weil eine große Koalition aus CDU und SPD nicht aus. "Bei einem solchen Ergebnis kann man überhaupt nichts ausschließen", sagte McAllister in der ARD-Tagesschau. Es sei nun Geduld notwendig, bis die Stimmen ausgezählt seien. Auch Weil wandte sich nicht grundsätzlich gegen ein solches Bündnis, betonte aber, eine rot-grüne Koalition bleibe sein Ziel.

Nach Überzeugung von SPD-Parteichef Sigmar Gabriel hat sich der Wahlkampf in Niedersachsen gelohnt. "Die SPD hat zugelegt, die CDU hat verloren, bei der FDP merkt man: Eigentlich gibt es die nur, wenn sie Fremdblutzufuhr bekommen", sagte Gabriel. Zugleich unterstreiche die Niedersachsenwahl, dass Stimmen an die Linkspartei oder die Piraten verloren seien, wenn ein Richtungswechsel gewollt werde. Rückenwind für den Bundestagswahlkampf habe Niedersachsen nicht geliefert, räumten Gabriel wie auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück ein. "Ich bin mir maßgeblich bewusst, dass ich dafür eine gewisse Mitverantwortung trage", sagte Steinbrück.

Grünen-Parteivorsitzende Claudia Roth freute sich "narrisch" über das Ergebnis in Niedersachsen. Gleichzeitig erteilte sie einer Ampelkoalition eine deutliche Absage. Man sei "sehr, sehr weit weg von der FDP", sagte sie. Es habe eine Verschiebung der Blöcke in Richtung Rot-Grün gegeben, die vor allem den Grünen zu verdanken sei, sagte Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin. Diese hätten allein so viel gewonnen, wie CDU und FDP zusammen verloren hätten. "Die FDP hat aufgehört, als eigenständige Partei zu existieren", kommentierte Trittin das FDP-Wahlergebnis.

Kontakt zu den Autorinnen: beate.preuschoff@dowjones.com und susann.kreutzmann@dowjones.com

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