• The Wall Street Journal

Frankreich ärgert sich über Mali-Taktik der USA

    Von DAVID GAUTHIER-VILLARS und ADAM ENTOUS
Associated Press

Ein französischer Soldat wartet in Mali auf die Landung eines Transporthubschraubers. Die Regierung in Paris ärgert sich über die US-Regierung, die sich ziert, den Franzosen bei ihrem Einsatz gegen Islamisten uneingeschränkt beizustehen. Immerhin erklärten US-Vertreter am Sonntag, sie würden Flughilfe zwischen Europa und Afrika nun doch kostenlos zur Verfügung stellen.

PARIS—Frankreich ist zunehmend verärgert über das Verhalten der US-Regierung im Konflikt gegen Al-Qaida-Terroristen in Mali. Nach Auskunft gut unterrichteter französischer Diplomaten könnte der amerikanische Geheimdienst den Franzosen in ihrem Mali-Einsatz „unschätzbare" Hilfe bei der Beschaffung von Informationen leisten. Aber die Amerikaner ließen mit einer eindeutigen Antwort auf sich warten.

So steht etwa eine Entscheidung der US-Regierung noch aus, ob amerikanische Flugzeuge französische Jets in der Luft auftanken werden. Darum hat die französische Regierung gebeten, weil ihre eigene Tankerflotte veraltet ist. Um das Tempo der Luftangriffe im abgelegenen Mali aufrecht zu erhalten, braucht Frankreich aber nach eigenen Angaben mehr Tanker.

Außerdem haben die Franzosen die Amerikaner um zusätzliche bemannte und unbemannte Überwachungsflugzeuge gebeten, mit denen sie die Kommunikation der Rebellen ausspionieren wollen. Aber auch in der Frage hat sich das Weiße Haus bisher noch nicht zurückgemeldet.

Die USA wollen sich erst ein klareres Bild machen

Mitarbeiter der Obama-Regierung sagen, dass sie den Einsatz der Franzosen grundsätzlich unterstützten, aber sich zunächst ein klareres Bild von der Mission machen wollten und den Rebellen, auf die es Frankreich abgesehen hat. Erst dann wollten die USA mehr Hilfe leisten.

Ein Sprecher des französischen Präsidenten François Hollande sagte, es sei „unerlässlich", dass die Geheimdienste beider Länder in Mali zusammenarbeiteten und Informationen austauschten, um militante Gruppen in dem weiträumigen Wüstengebiet der Sahara zu bekämpfen. Weitere Auskünfte wollte der Sprecher nicht geben.

Französische Diplomaten sagen, dass sich die USA möglicherweise deshalb so zieren, weil sie sich nach 11 Jahren Krieg in Afghanistan nicht schon wieder an einem neuen Krieg beteiligen wollten. Die Insider sagen auch, dass sich Frankreich von den USA mehr Hilfe gegen Extremisten verspricht. Diese hatten Schläge gegen die Interessen des Westens angekündigt und jüngst in Algerien eine blutige Geiselnahme unternommen, bei der mindestens 23 Geiseln getötet wurden.

Die Diplomaten sagen, sie seien besonders „perplex" gewesen, dass die US-Regierung in der vergangenen Woche zwar begrenzte Unterstützung beim Lufttransport von Soldaten und Militärmaterial angeboten hatten, aber dafür zunächst eine Rechnung ausstellen wolle. Die Kosten für 30 Frachtflüge würden laut offiziellen französischen und amerikanischen Angaben bei 17 bis 19 Millionen US-Dollar liegen.

Nun doch keine Rechnung für Hilfsflüge nach Afrika

Nach Beschwerden der französischen Regierung haben die Amerikaner zumindest in der Sache inzwischen eingelenkt und wollen sich ihre Flughilfe nun doch nicht bezahlen lassen. „Wir verlangen von den Franzosen kein Entgelt", sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, George Little, dem Wall Street Journal.

Andere Länder, darunter auch Kanada, haben solche Transportflüge nach Mali dagegen kostenlos angeboten. Unklar ist noch, ob Frankreich das Angebot der Amerikaner nun annimmt oder die Flughilfe zwischen Europa und Afrika möglicherweise an westafrikanische Länder weiterleitet. Diese haben Mühe, ihre eigenen Truppen nach Mali zu entsenden.

Vertreter der US-Regierung hatten ihre Haltung, sich die Flüge bezahlen zu lassen, anfangs hart verteidigt. Der amerikanische Steuerzahler erwarte nach mehr als einem Jahrzehnt des Kriegs, dass die Europäer ihren Anteil an den Kosten für die Sicherheit selbst tragen. Die Kosten für die Flüge nach Afrika seien zwar gering, aber die US-Regierung und der Kongress machten Druck auf das US-Verteidigungsministerium, die Ausgaben zu drosseln.

Frankreich schickte am 11. Januar Truppen nach Mali, um die dortige schwache Armee im Kampf gegen Islamisten zu unterstützen. Die Extremisten haben die nördliche Hälfte des afrikanischen Landes besetzt.

Wie groß sollte der deutsche Beitrag sein?

In Deutschland bleibt derweil die Debatte über die Beteiligung der Bundeswehr an dem Konflikt hitzig. Nun stänkert die FDP gegen Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), der die Entsendung von zwei Transall-Transportflugzeugen als deutsche Unterstützungsleistung als zu gering erachtet. Er könne sich „nicht vorstellen, dass irgendjemand das für den deutschen Beitrag hält", hatte der CDU-Politiker der Saarbrücker Zeitung gesagt. Er verstehe sie „eher als ein erstes demonstratives Signal, dass wir uns nicht ähnlich wie im Fall Libyen positionieren".

dapd

Bundeswehrsoldaten: Die Debatte über den deutschen Mali-Einsatz bleibt hitzig.

Der außenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag, Rainer Stinner, reagierte daraufhin mit Unmut: „Die Aussagen des Bundestagspräsidenten sind nicht hilfreich", sagt er in der Montagsausgabe der Süddeutschen Zeitung. „Die Mär, dass wir überall Mitfahrer sind und keinen Beitrag leisten, weise ich mit allem Nachdruck zurück", fügte Stinner hinzu. Deutschland trage Verantwortung in Afghanistan, im Kosovo und zuletzt mit der Verlegung von Patriot-Flugabwehrraketen in die Türkei.

Der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, Rolf Mützenich, warf derweil Außenminister Guido Westerwelle (FDP) vor, sich verfrüht ablehnend zu einer deutschen Beteiligung geäußert zu haben. „Die öffentliche Debatte damit zu bereichern, was man alles ausschließt, ist auch nicht hilfreich", sagte Mützenich der Süddeutschen Zeitung. Westerwelle hatte unmittelbar nach Beginn des französischen Einsatzes gesagt, eine Beteiligung am Kampfeinsatz stehe nicht zur Debatte.

—mit Material von dapd

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