• The Wall Street Journal

Öl sprudelt in den USA so stark wie noch nie

    Von TOM FOWLER

Die Ölförderung in den USA ist noch nie so stark gewachsen wie 2012. Für das neue Jahr ist erneut ein historischer Wachstumsrekord zu erwarten. Die Anfänge der Ölförderung in Amerika gehen auf das Jahr 1859 zurück.

Im vergangenen Jahr wurden täglich im Schnitt 6,4 Millionen Barrel Öl in den Vereinigten Staaten aus der Erde geholt, ein Plus von 779.000 Barrel pro Tag gegenüber 2011. Nach Angaben des American Petroleum Institute wurde damit so viel gepumpt wie seit 15 Jahren nicht mehr.

Den größten Sprung verzeichnete die Ölbranche nach den bisherigen Aufzeichnungen, als Edwin Drake die erste kommerzielle Bohrung in Titusville in Pennsylvania niederbrachte, zwei Jahre bevor der amerikanische Bürgerkrieg begann.

Die US-Energiebehörde EIA rechnet für 2013 mit einem noch stärkeren Wachstum und prognostiziert konkret ein Plus von 900.000 Barrel pro Tag.

Everett Collection

Die erste, 1859 erschlossene Ölquelle Amerikas in Titusville, Pennsylvania. Mit ihr begann ein lange Boomphase. Nach Jahren rückläufiger Förderung erlebt Nordamerika derzeit eine neue Wachstumsphase im Ölgeschäft.

Das stürmische Wachstum verdankt sich der Kombination verschiedener neuer Fördertechniken. Horizontales Bohren in Verbindung mit hydraulischer Stimulation, das sogenannte Fracking, ist besonders erfolgreich. Beim Fracking werden mit Hochdruck Wasser, Chemikalien und Sand in die Tiefe gepresst, um Gesteinsformationen aufzubrechen, damit die dahinter eingeschlossenen Flüssigkeiten herausgepumpt werden können. Damit wurden Gas und Öl führende Schichten erreicht, die man bisher für unerschließbar hielt.

Alte Ölfelder sind wieder in Betrieb, etwa das Permian-Becken in Westtexas. An anderen Orten, wo bisher nur in geringem Maße gefördert wurde, ist inzwischen viel los, etwa in der Bakken-Region von Nord Dakota, wo vor allem Schiefergas gefördert wird. Während dort vor fünf Jahren rund 125.000 Barrel am Tag aus dem Boden geholt wurden, sind es mittlerweile 750.000 Barrel täglich.

Von dem Förderwachstum profitiert nicht nur der Arbeitsmarkt in einigen Regionen, auch kehrt in verstärktem Maße industrielle Fertigung in die USA zurück. Michael Levi, leitender Wissenschaftler für Energie und Umwelt beim renommierten Studienzentrum Council on Foreign Relations, spricht von Jobs und einem gewissen Wohlstand, die es in diesem Maße in den Förderregionen noch nicht gegeben habe.

Auch werde Amerika autonomer in Energiefragen und müsse sich um den Nahen Osten und eventuelle Lieferausfälle weniger Sorgen machen. „Die Vorfälle in Algerien zeigen zum Beispiel die Bedeutung wachsender Inlandsförderung sowie des Bezugs aus anderen Ländern", sagte Amy Myers Jaffe, Geschäftsführende Direktorin des Bereichs Energie und Nachhaltigkeit der University of California Davis.

Der Boom in der Erschließung von Schiefergesteinen war zunächst auf die Förderung von Erdgas ausgelegt, doch nachdem große Mengen Erdgas am Markt für sinkende Preise sorgten, wandten sich die Erschließungsfirmen dem Erdöl zu.

Während die US-Förderung des Öls massiv zunahm, sank angesichts der wirtschaftlichen Schwäche und verbesserter technischer Standards bei der Energieeffizienz von Motoren die US-Nachfrage nach dem Brennstoff 2012 auf ein 16-Jahres-Tief. Laut dem Wirtschaftsverband API gingen die Einfuhren ebenfalls um 6,9 Prozent und lagen damit so niedrig wie seit 15 Jahren nicht mehr.

Raffinerien, die im letzten Jahrzehnt massiv in die Erneuerung und Erweiterung ihrer Anlagen investiert haben, kämpfen inzwischen mit Überkapazitäten und suchen neue Kunden in Südamerika und andernorts für ihre überschüssige Benzin- und Dieselproduktion.

Exxon Mobil schätzt im jährlichen Energieausblick, dass sich Nordamerika bis 2025 zu einem Nettoexporteur von Energie entwickeln wird, mit wachsender Ausbeutung kanadischer Ölsande ebenso wie den Ausfuhren von Benzin und Diesel.

Eine Fortsetzung des Trends sei nicht naturgegeben, sagen Experten allerdings, die Branche müsse an der Verbesserung ihrer Erschließungs- und Fördertechniken arbeiten, besonders wenn sich die Förderstationen stärker bevölkerten Gebieten näherten. Auch müsse sich die Ölindustrie auf stärkere Regulierung durch Behörden einstellen. Umweltfragen könnten sich zu einem Stolperstein entwickeln, wenn das Fracking ausgeweitet werde.

Autofahrer sollten sich von einer verstärkten Ölförderung im eigenen Land nicht zu viel versprechen. Für die Benzinpreise sei der weltweite Markt entscheidend, weshalb der Preis an der Zapfsäule nicht unbedingt deutlich fallen werde.

Dramatische Folgen hat die starke Inlandsförderung für das Raffineriegeschäft, das sich in den vergangenen Jahren darauf ausgerichtet hatte, verschiedene nicht einfach zu verarbeitende Ölqualitäten zu verarbeiten. So kündigte erst kürzlich das Raffinerieunternehmen Valero Energy aus San Antonio an, man werde die Anlage in Houston erweitern, um das leicht zu verarbeitende Erdöl aus dem Schieferölfeld Eagle Ford in Texas zu verarbeiten.

„Seit Jahren hat keine US-Raffinerie derartige Ausrüstung angeschafft", sagte der auf Energiefragen spezialisierte Ökonom Philip Verleger.

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