• The Wall Street Journal

Wie die Fed die Gefahren der Krise unterschätzte

    Von JON HILSENRATH und KRISTINA PETERSON

Vertreter der amerikanischen Notenbank Federal Reserve haben den schlechten Zustand der amerikanischen Finanzmärkte im Jahr 2007 offenbar unterschätzt. Das geht aus den Protokollen der Sitzungen der Notenbank aus dem Jahr hervor, die 1.566 Seiten umfassen.

Die Protokolle, die nun wie üblich nach fünf Jahren veröffentlicht wurden, geben den bisher umfassendsten Einblick in den Entscheidungsprozess der Notenbank zu Beginn einer historischen Finanzkrise – und in die Ansichten einiger wichtiger Akteure, die in der amerikanischen Wirtschaft immer noch eine Rolle spielen.

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Ben Bernanke im Jahr 2007: Der Fed-Präsident zögerte vor Beginn der Krise lange, bevor er entschieden eingriff.

Es wird deutlich, dass Fed-Chef Ben Bernanke sich zunächst zurückhalten wollte und nur widerwillig den interventionistischen Kurs annahm, der seine Leitung der Notenbank bis heute bestimmt. Im Dezember 2007 sagte er, dass er hin- und hergerissen sei, ob die Fed die Zinsen drastisch senken solle. Mehrfach machte er klar, dass er es vermeiden wolle, Finanzmärkte und Unternehmen zu retten.

Vizepräsidentin Janet Yellen, die nach Ende von Bernankes Amtszeit 2014 als heiße Anwärterin auf den Chefsessel der Fed gilt, gehörte zu den kritischeren Stimmen. Schon zu Beginn der Krise machte sie sich über die Folgen der Probleme auf dem Immobilienmarkt Sorgen und zeigte sich als Befürworterin starker Eingriffe. Anders der amerikanische Finanzminister Timothy Geithner, der damals Chef der Fed in New York war: Er unterschätzte wohl die wachsenden Finanzprobleme – so wie viele andere auch.

Die Fed hielt die kurzfristigen Zinsen 2007 bei 5,25 Prozent. Doch als die Immobilienkrise anhielt und die Finanzmärkte belastete, wurde die Notenbank aktiv. Bis zum Jahresende hatte sie mit einer Reihe von Zinssenkungen begonnen und die ersten ungewöhnlichen Maßnahmen zur Stabilisierung der Märkte ergriffen.

Doch auch die pessimistischsten Notenbank-Vertreter sahen den Wirbelsturm, der die Weltwirtschaft Ende 2008 traf, nicht kommen. Die Aufzeichnungen geben den Kritikern der Fed neue Munition – sowohl denen, die sagen, dass die Notenbank zu langsam reagierte, als auch jenen, die sagen, dass sie zu stark in die Finanzmärkte eingriff.

Die Fed habe 2007 richtig reagiert, sagt Notenbank-Historiker Allan Meltzer von der Universität Standford University. Aber danach sei sie mit den groß angelegten Käufen von Hypotheken und Staatsanleihen Risiken eingegangen, die sich schwer rückgängig machen ließen. Seine Analyse der Protokolle hat Meltzer zu dem Schluss gebracht, dass die meisten Fed-Vertreter die langfristigen Auswirkungen ihrer Maßnahmen zu wenig im Blick haben.

Als der Streit in vollem Gange war, entschied sich Fed-Chef Bernanke einige Male für einen Mittelweg. Es sieht so aus, als habe er nicht erwartet, wie schlimm es tatsächlich kommen würde. Im Januar 2007 sagte er, dass es auf dem Immobilienmarkt wohl nicht zum Schlimmsten kommen werde. Und im Mai sah er „gute Gründe dafür, davon auszugehen, dass es ein moderates Wachstum gibt". Mitte des Jahres erkannte Bernanke, dass sich die Probleme auf die gesamte Wirtschaft und das Finanzsystem ausweiten könnten. Doch auch da er zeigte er sich zurückhaltend, wenn es um die Reaktion der Fed ging.

Im August 2007 versuchte er, die Turbulenzen auf den Märkten in ein positives Licht zu rücken. Es könne zwar schwierig werden, die Immobilienkrise und die Kreditklemme in den Griff zu bekommen, sagte er, aber der Markt könne stabilisierend wirken.

Bei einem Notfalltreffen wenige Tage später sagte er: „Wir sollten eine Zinssenkung vermeiden, bis es ganz deutlich aus wirtschaftlichen Daten hervorgeht, dass wir sie brauchen. Ich möchte den Eindruck vermeiden, dass wir Rettungsaktionen durchführen."

Anfang des Jahre spielte Geithner die Risiken noch herunter

Im Dezember waren die USA bereits in eine Rezession gerutscht, wie das Nationale Amt für Wirtschaftsforschung später mitteilte. Bei der Fed dachte man über eine deutlich Zinssenkung von einem halben Prozentpunkt nach, um die Probleme zu mildern. Bernanke sagte, dass er einen starken Eingriff positiv sehe, entschied sich aber für einen zurückhaltenden Weg: eine Senkung von 0,25 Prozentpunkten. „Sie sehen, dass ich hin- und hergerissen bin und es kann gut sein, dass wir bei den nächsten Treffen weiter gehen müssen", sagte er seinen Kollegen.

Im Verlauf des Jahres machte sich Geithner, der am 25. Januar als Finanzminister zurücktritt, immer größere Sorgen um die Probleme auf den Finanzmärkten und wies bei den Treffen eindringlich darauf hin. Aber Anfang des Jahres hatte er die Risiken noch heruntergespielt.

Im Januar 2007 sagte er, dass der Markt für Subprime-Hypotheken, der später zum Kern der Krise wurde, nur einen kleinen Teil des Hypothekenmarktes ausmache – eine damals verbreitete Sichtweise. Im Juni 2007 spielte er Probleme bei zwei von der Investmentbank Bear Stearns kontrollierten Hedgefonds herunter. Die Bank brach 2008 zusammen. Es war die erste große Rettungsaktion in der Krise und keine war bei der Fed so umstritten. „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Bear Stearns die Verträge mit seinen Partnern nicht erfüllt", sagt Geithner. Neben Yellen ist auch Geithner Anwärter auf die Nachfolge von Bernanke.

Einige Fed-Vertreter kommen besser weg als andere. Er sehe das Risiko, dass aus den Subprime-Problemen ein Teufelskreis entstehe, sagte William Dudley, heute Präsident der New Yorker Fed, deren Märkte-Abteilung er damals leitete. Janet Yellen, damals Präsidentin der Federal Reserve in San Francisco, zeigte sich im Laufe des Jahres zunehmend besorgt. „Es gibt immer noch ein unausgesprochenes Problem – und das ist der Immobiliensektor", sagte sie im Juni 2007. „Das Risiko, dass es auf dem Immobilienmarkt weiter bergab geht, dass die Hauspreise fallen und Zahlungsrückstände bei Hypothekenkrediten zunehmen, macht mir Angst."

Im Dezember drängte sie die Fed dazu, entschieden zu handeln. Sie stellte fest, dass es vor allem im Schattenbankensystem zu Problemen kam – also nicht bei den Banken, sondern in Anleihe- und Derivatemärkten, auf denen Hedgefonds und andere Akteure unter anderem mit Hypotheken handeln. „Auf diesem Sektor passiert noch einiges", warnte sie.

Bernanke legte sich bei dem Treffen auf eine Zinssenkung von 0,25 Prozentpunkten fest. Yellen wollte die Zinsen um 0,5 Prozentpunkte senken. „Zum Zeitpunkt unseres letzten Treffens hatte ich die Hoffnung, dass die Turbulenzen auf den Finanzmärkten langsam abebben würden und die Wirtschaft ohne große Schäden davonkommt. Die jüngsten Entwicklungen haben meinen Glauben daran aber erschüttert", sagte sie im Dezember.

Die Fed reagierte im darauffolgenden Monat: Die zunehmenden Sorgen um die wirtschaftliche Lage trieben sie dazu, die Zinsen um 1,25 Prozent zu senken.

Bis Ende 2008 hatte die Notenbank die kurzfristigen Zinsen fast auf null gesenkt, einen Hilfskredit nach dem nächsten ausgegeben und Programme wie den Kauf von Hypotheken gestartet – diese Maßnahmen gelten bis heute als die Antworten der Fed auf die Krise.

—Mitarbeit: Michael S. Derby und Eric Morath

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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