• The Wall Street Journal

Ein Flughafen, den in Deutschland keiner braucht

    Von FLORIAN BAMBERG

Ein bisschen sieht es in Kassel-Calden nach Berlin-Schönefeld aus. Nach der alten Version des Flughafens mit DDR-Vergangenheit. Die Version, mit der die deutsche Hauptstadt vorlieb nehmen muss, bis der neue Hauptstadtflughafen endlich kommt. Die für Billigflieger bekannt ist und die einen niedrigen, schmucklosen Kasten als Terminal hat - so wie das Hauptgebäude des neuen Flughafens Kassel-Calden, das aus der Schneelandschaft schaut.

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Einsam: Ein Mitarbeiter des Flughafens Kassel-Calden steht beim Probebetrieb an der Gepäckabgabe.

Und tatsächlich scheint es, dass der Airport in der hessischen Provinz schon vor der Öffnung datiert ist: Deutschland wartet auf den Hauptstadtflughafen, aber der kommt nicht, weil sich immer neue Pannen und technische Schwierigkeiten auftun. Einem erweiterten und um gut einen Kilometer verpflanzten Regionalflughafen bei Kassel zittert dagegen niemand entgegen - aber er wird jetzt in Bälde eröffnet.

Beim Pressetermin anlässlich des Probebetriebs in Kassel muss der Berliner Flughafen für allerlei Lacher herhalten. Was denn hier anders gemacht worden sei als in der Hauptstadt, fragt ein Journalist – schließlich scheint der Regionalflughafen tatsächlich zum 4. April zu eröffnen, wie geplant. Alles, was dazu noch fehlt, sind ein paar Straßenbeläge. Selbst die Toiletten funktionieren perfekt – mit dem Hinweis "Probebetrieb" an der Tür.

Warum lief in Calden beim Bau alles glatt?

Die Frage beantwortet Jörg Ries, der als Sprecher der Geschäftsleitung bis zur Eröffnung die Entscheidungen trifft. Er schmunzelt, mit dem Vergleich hat er sicher gerechnet. Vielleicht ist er auch etwas stolz auf sein Werk. "Mit Berlin können wir uns nicht vergleichen, wir sind ein kleiner Flughafen", sagt er.

Mit grauer Weste, grauem Jackett und grauen Haaren ist der bodenständige Macher die personifizierte Antithese zu Klaus Wowereit. "Aber wir haben klar gesagt, wer für was verantwortlich ist." Das ist dann doch ein Vergleich von dem 69-jährigen Manager, den der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport an die Bauherren des Airports bei Kassel verliehen hat.

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Phantombetrieb: Ein Statist und eine Flughafenmitarbeiterin üben an der Gepäckabfertigung in Kassel-Calden für den Ernstfall. Ab dem 4. April heben dort Flieger ab.

Koffer, Rollstühle und ein Surfbrett liegen in der Terminalhalle. Kassel Airlines fliegt nach Antalya. Ein netter Name für eine Fantasie-Fluglinie, die für den Probebetrieb an den drei Check-In-Schaltern Statisten abfertigt. Heute ist das Computersystem ausgefallen, die Mitarbeiter müssen die Passagiere mit Formularen einbuchen. Lokaljournalisten halten den 27 Freiwilligen, die für zwei Mahlzeiten Fluggäste spielen, Mikrofone unter die Nase, Kameras blitzen.

Eine Etage tiefer läuft das Paketband, auch dort stehen die Hobbyschauspieler, Fraport-Mitarbeiter und einige Zollbeamte. Zwei Busse halten jeweils als ein Flugzeug her an diesem Dienstag, weil die Maschinen noch nicht landen dürfen. Dann stehen die Freiwilligen wieder vor dem Terminal und spielen den nächsten Schub Reisende. "Wir schauen nach Fehlern, damit wir sie bis Anfang April in den Griff kriegen können", sagt Jörg Ries, der Anti-Wowi.

Ries wirkt vertrauenswürdig. Mit der Entscheidung, den sehr kleinen Flughafen Kassel-Calden einzustellen und einen etwas größeren, aber immer noch kleinen Airport nebenan neu aufzubauen, hatte er auch nichts zu tun. Ersonnen hat den Umbau das Land Hessen, das auch den Großteil der Kosten trägt.

Calden - ein Politikerdenkmal

Der Rest kommt aus EU-Töpfen, von der Stadt Kassel, dem Landkreis Kassel und Calden, einer Gemeinde mit knapp 7.500 Einwohnern. Manch einer sagt, dass sich Politiker hier ihr Denkmal erbaut haben, wie vor 250 Jahren der hessische Landgraf, der Calden das Lustschloss Wilhelmsthal im feinsten Rokoko hinterließ. Für Kassel-Calden zeichnen verantwortlich Hessens ehemaliger Finanzminister Karlheinz Weimar, ein Landrat und Kassels Bürgermeister Bertram Hilgen.

Flughafen BER - 23 Jahre des Versagens

Von einem bloßen Denkmal in Beton spricht etwa der Bauplaner und Flughafen-Experte Dieter Faulenbach da Costa. „Ich habe von Anfang an gesagt, dass niemand den Flughafen braucht", sagt er auch kurz vor der Eröffnung noch aufgebracht. Vor Gericht hat er umliegende Gemeinden bei ihren Klagen gegen die Erweiterung beraten, erfolglos. Er argumentierte, dass der Flughafen dort, wo er war, völlig ausreichte.

Die andere Seite bekam Recht: Am bisherigen Standort steht ein Berg, darum müssten die Maschinen in einem ungünstigen Winkel landen. Ein neuer Flughafen musste deshalb her, ohne Hindernisse. Dann kommen auch die Fluglinien, und mit ihnen die Passagiere, so argumentierten die Befürworter. Und die Industrie, die sich außen herum breit machen soll.

Die Hoffnung auf wirtschaftliche Belebung ist in Kassel-Calden doppelt so teuer geworden wie geplant: 271 Millionen Euro soll der Flughafen am Ende kosten, etwas mehr als zwei Drittel zahlt das Land Hessen. Man kennt das aus Berlin, von dem Hauptstadtflughafen, auf den alle warten. Auch dort sind die Kosten aus dem Ruder gelaufen.

Die Kosten für Kassel-Calden erscheinen gering im Vergleich zu den 4,3 Milliarden, die mittlerweile für den Flughafen Berlin Brandenburg "Willy Brandt" veranschlagt werden. Ein anderes Bild ergibt sich aber, wenn man die Investitionen mit den erwarteten Fluggästen ins Verhältnis setzt: In Kassel-Calden heben laut offizieller Prognose im Jahr 2020 eine halbe Million Passagiere ab.

Calden ist eigentlich teurer als Schönefeld

In Berlin werden dann 30 Millionen Fluggäste erwartet. Teilt man die Kosten beider Airports durch die Zahl der angepeilten Fluggäste für zehn Jahre, kostet in Kassel jeder Fluggast den Steuerzahler 54 Euro. Ein teurer Spaß, selbst im Vergleich zum Pannen-Airport: Dort kostet der Airport pro Passagier nur 14 Euro.

Kassel-Calden-Kritiker Faulenbach glaubt nicht, dass sich die Investitionen in der hessischen Provinz jemals lohnen werden. Er rechnet im laufenden Betrieb mit einem jährlichen Defizit von acht bis zehn Millionen Euro. Was meint der Chef dazu? Ein Flughafen muss sich betriebswirtschaftlich nicht rechnen, sagt Ries vage: "Es geht auch darum, die Wirtschaft vor Ort anzukurbeln".

Heißt das, dass das Land, die Stadt Kassel, der Landkreis Kassel und die Gemeinde Calden ewig Geld dazuschießen wollen? "Wir hoffen, ab 2018 bis 2020 eine schwarze Null zu schreiben." Und wenn nicht? Ries spricht von der Industrie, die hoffentlich irgendwann kommt. Und sagt, dass alles davon abhängt, ob man die Fluggesellschaften und Reiseveranstalter ins Boot kriegt.

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Er wurde von Fraport ausgeliehen, damit beim Bau alles glatt läuft: Jörg Ries, noch Geschäftsführer der Flughafengesellschaft.

Dafür ist Vertriebschef Gordon Jenner zuständig, Mitte 30, braune kurze Haare und sehr gesprächig: "Ich gehe mit meinem Koffer umher wie ein Vorwerk-Vertreter". Bisher haben vor allem Billigairlines und Ferienflieger zugegriffen – Germania fliegt nach Mallorca, der Rewe-Flieger XL-Airways nach Antalya, Mallorca, Fuerteventura und Teneriffa. "Warmwasserziele" sind das im Jenner-Jargon. "Jetzt brauchen wir noch Reiseveranstalter" – über sie buchen die meisten Kunden. Außerdem sollen mit der Zeit die lukrativeren Linienflieger abheben. "Das geht alles nicht von heute auf morgen, und es wird nicht leicht", sagt der Mann mit dem Koffer. „Aber sonst wäre es ja auch langweilig."

Die Lufthansa hat im Vorfeld kräftig Stimmung gegen das Projekt gemacht; einen "Kleinstflughafen" hatte Deutschlands mit Abstand größte Fluglinie ihn genannt. Offenbar fürchtete die Airline, dass er Billigflieger anlockt, die ihr noch mehr Fluggäste wegnehmen könnten als ohnehin schon. "Wenn die Lufthansa jetzt doch kommt, dann wegen irrsinnig hoher Subventionen", sagt Flughafen-Experte Faulenbach. „Einfach so kommen nur Billigflieger – die kommen immer, wenn es billig ist."

Einer Taxifahrerin aus Calden ist das Großprojekt ziemlich egal – fliegen kann sie auch von Paderborn aus, sagt sie. Aber eins belustigt sie: "Fast jede Woche fahre ich Leute von der Flugbehörde, die nach dem Rechten schauen – die haben wohl Angst, dass es hier endet wie in Berlin", sagt sie glucksend.

Die Gefahr besteht nicht. Kassel-Calden geht mit strammen Schritten voran. Die Frage ist nur, wohin.

Kontakt zum Autor: florian.bamberg@dowjones.com

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