• The Wall Street Journal

Energiewende: Rückenwind durch Crowdfunding

    Von LOTHAR LOCHMAIER
[image]

Mit „LeihDeinerUmweltGeld" ist in Deutschland die erste Crowdfunding-Plattform im Bereich der erneuerbaren Energien gestartet. Die Idee: Menschen versammeln sich im Netz, um Wind- oder Solarprojekte mit Hilfe eines Kredites zu finanzieren.

Neu ist die „Crowdfunding"-Idee in Deutschland nicht. Bereits vor zwei Jahren wurde in Mainz beispielsweise die LeihDeinerStadtGeld GmbH gegründet, die sich auf die Beteiligung von Bürgern bei der Finanzierung von kommunalen Vorhaben via Netz spezialisiert hat. So gelang es ihr im Herbst vergangenen Jahres, über die Plattform „LeihDeinerStadtGeld" bei den Bürgern Geld einzusammeln, um dringend benötigte Funkgeräte für die Freiwillige Feuerwehr anzuschaffen.

Die erfolgreich verlaufene Finanzierung hat das Unternehmen offenbar dazu ermuntert, den neuen Dienst nun auch auf die Finanzierung von Umweltprojekten zu erweitern. Über die Plattform „LeihDeinerUmweltGeld" kann sich der (Netz-)Bürger bereits mit kleinen Beträgen an der Finanzierung von Umweltprojekten beteiligen.

Und das funktioniert so: Engagierte Bürger kaufen und verkaufen ihre Kredite direkt untereinander. Der Plattformbetreiber wiederum steht für die gesamte Abwicklung des Handels gerade. Dabei soll der Kapitalgeber aber nicht leer ausgehen. Im Unterschied zu einer reinen Spendenplattform will „LeihDeinerUmweltGeld" eine Investmentplattform sein, die ihre Kapitalgeber am Erfolg der Projekte in Form von Zinsen oder Gewinnausschüttungen beteiligt. Der große Vorteil dieses Finanzierungskonzepts ist, dass es als privat zu qualifizieren ist, Banken außen vor lässt - und damit aufwändige Genehmigungsverfahren der Finanzaufsicht (BaFin) entfallen.

Bürgernahe Finanzierung von Umweltprojekten

Grundsätzlich haben die Betreiber der Plattform also Großes vor. Sie wollen nicht weniger als den Grundstein für eine dezentrale und bürgernahe Finanzierung von Umweltprojekten legen und zu diesem Zweck ihr Finanzierungsspektrum erweitern.

So sollen zukünftig auch Umweltvorhaben finanziert werden, die sich nicht nur direkt, sondern auch indirekt mit Fragen der Energiegewinnung beschäftigen, kurz: von denen ein positiver Einfluss auf Umwelt, Klima und Gesellschaft zu erwarten ist. In Hessen und Niedersachsen sollen in den kommenden Monaten bereits erste Umweltkredite von Bürgern für Bürger bereitgestellt werden.

Blicken wir also auf die zwei Seiten einer Medaille. Einerseits ist zu bedenken, dass das Projektziel beim Crowdfunding von Umweltideen grundsätzlich natürlich nicht darin liegen sollte, um jeden Preis ein Finanzloch zu stopfen, noch dazu für ein Vorhaben in Schieflage. Im negativen Szenario fiele ein etwaiger „shitstorm" im Netz direkt auf den Urheber einer derartigen Kampagne zurück. Dann wäre der Schaden einer in Misskredit gezogenen Crowdfunding-Initiative gerade bei der dezentral gestalteten „Energiewende von unten" deutlich größer als der potentielle Nutzen für alle Beteiligten.

Doch sollten wir hier nicht vorschnell urteilen und mäkeln. Positiv betrachtet bleibt festzuhalten: Nach einer gewissen Lernphase der Beteiligten dürfte sich die Spreu vom Weizen trennen. Richtig angewendet bietet das Crowdfunding von Umweltprojekten direkt durch die Bürger ein großes Potenzial. Schließlich kann nur so die „Energiewende von unten" auf die Dauer verlässlich gelingen. Mit anderen Worten: Nur wenn die Bürger „ihre Energiewende" aktiv mitgestalten, kann sie zu einer tragenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Säule werden.

[image]

Lothar Lochmaier arbeitet als freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Energie, Informationstechnologie und Banken. Er betreibt zudem das Experten-Weblog „Social Banking 2.0 – der Kunde übernimmt die Regie".

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Haus der Woche

  • [image]

    Australische Villa im Zeichen des Drachens

    Feurig kommt dieses Luxusanwesen im australischen Melbourne daher: Auf dem Dach wacht ein mächtiger Terrakotta-Drache und im Haus lodern dutzende Kaminfeuer. Die Ausstattung mit Tennisplatz, Pool und ausgiebigen Ländereien lässt es jedem Australien-Fan warm ums Herz werden.

  • [image]

    Alt, neu, kurios und nicht chancenlos – Parteien zur Europawahl

    In Deutschland sind 25 Parteien zur Europawahl zugelassen. Neben den etablierten Bundestagsparteien können sich die Wähler für eine Menge kurioser Alternativen entscheiden – von der Christlichen Mitte bis zur Bayernpartei. Da die 3-Prozent-Hürde gefallen ist, haben die Kleinen sogar eine Chance.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 15. April

    Wilde Tulpen in Afghanistan, Wasserfontänen in China, der Vollmond über Schanghai und Ordensbrüder mit wunden Füßen in Spanien. Das und mehr zeigen unsere Fotos des Tages.

  • [image]

    Die furchterregendste Gondelfahrt der Welt

    Was Besuchern den Angstschweiß auf die Stirn treibt, ist für die Einwohner der georgischen Stadt Tschiatura Alltag. Die Seilbahnen aus der Stalin-Zeit an den Hängen des Kaukasus fahren trotz Rost noch immer.

  • [image]

    Diese Länder sind die Wachstums-Stars

    Die Weltwirtschaft gewinnt weiter an Schwung. Wachstums-Impulse kommen aus den Industrieländern, auch aus Europa. Die höchsten Wachstumsraten sitzen aber woanders. Wir zeigen Ihnen, wo die Wirtschaft am stärksten boomt.

  • [image]

    Wie sich die Nasdaq seit dem Tech-Crash verändert hat

    Vor gut 14 Jahren begann in den USA die Tech-Blase zu platzen. Jetzt bewegt sich der Nasdaq Composite wieder auf dem Niveau von damals. Ist das ein Grund zur Sorge? Wir zeigen, was sich seitdem an der Nasdaq verändert hat und was das für Anleger heute bedeutet.

  • [image]

    Die bestverdienenden Bankenchefs der Welt

    Das vergangene Jahr hat sich für die Chefs der internationalen Großbanken wieder gelohnt. Doch auch in der Liga der Großverdiener gibt es deutliche Klassenunterschiede. Wir haben aufgelistet, wer wie viel erhalten hat.