• The Wall Street Journal

Der Terror in Afrika erreicht eine neue Stufe

    Von DAVID GAUTHIER-VILLARS, JULIAN E. BARNES und LEILA HATOUM

Der Klang von Gewehrsalven zerreißt die morgendliche Stille, als Iain Strachan am vergangenen Mittwoch aus der Tür einer entlegenen Anlage zur Erdgasförderung in der algerischen Sahara tritt. Menschen beginnen zu schreien, verzweifelt und der Panik nah. Chaos bricht aus, und eine Alarmsirene stimmt in die düstere Kakophonie ein. Dann fällt der Strom aus.

Reuters

Die islamistische Miliz von Moktar Belmoktar hat sich zu der Geiselnahme in Algerien bekannt.

Strachan zieht sich zurück, er versteckt sich mit seinem Kollegen Darren Matthews in einem Zimmer. Es gelingt ihm, einem Freund eine Textnachricht zu senden. Dieser berichtet von Menschen, die erschossen oder gefangen genommen werden. „Es waren fürchterliche Nachrichten. Aber so hatten wir wenigstens irgendeine Information", erzählt Strachan. Dann ruft seine Frau an, die von den Angriffen gehört hat. „Sie konnte vor lauter Weinen kaum sprechen", erinnert er sich. Er schickt ihr eine SMS, schreibt, dass er sie liebt. Und dass sie den 4- und 8-jährigen Söhnen nichts sagen soll. Dann bricht das Telefonnetz zusammen.

In ihrem Versteck müssen sich Strachan und Matthews die Vorräte gut einteilen. Zum Frühstück gibt es eine Dose Thunfisch, das Wasser wird rationiert. An einen Fluchtversuch denken sie gar nicht erst.

Bedrohung erreicht neue Stufe

An anderen Orten wird eine andere Entscheidung getroffen. Alan Wright hat Zuflucht in einem angrenzenden Gebäude gesucht. Es ist früh am Donnerstagmorgen, als einige algerische Arbeiter versuchen, den Zaun zu überwinden, der die Anlage umgibt. Der 37-jährige Schotte schließt sich ihnen an. Gemeinsam können sie entkommen und schaffen es bis zu einem algerischen Militärstützpunkt.

Die Waffengeräusche und der Alarm waren das akustische Startsignal eines viertägigen Geiseldramas, bei dem mindestens 81 Menschen ums Leben kamen, darunter 37 ausländische Arbeiter, 29 islamistische Extremisten und ein Mitarbeiter des algerischen Sicherheitsdienstes.

Was bedeuten die Ereignisse für den Rest der Welt? Die Bedrohung durch islamistischen Terror hat im Zuge von Regierungswechseln überall in Nordafrika eine gefährliche neue Stufe erreicht. Neue Erkenntnisse offenbaren, dass mit Al-Qaida verbundene militante Gruppen immer bessere Waffen zur Verfügung haben, um ihren Terror in Nordafrika zu verbreiten.

Waffen aus Libyen

Algerische Staatsvertreter sprechen von einer gut organisierten, schwer bewaffneten extremistische Gruppe, die im Vorfeld systematisch Informationen über die ausgedehnte Gasförderanlage sammelten, inklusive Lageplan und der Anzahl der ausländischen Arbeitskräfte. Die Angreifer verfügten über ein ganzes Waffenarsenal: Raketen, Sprengstoff und Pistolen, die sie offenbar aus libyschen Beständen entwendet haben zu scheinen, wie Waffenexperten dem Wall Street Journal sagten. Die Extremisten überrannten die Fabrik ohne großen Widerstand. Die Geiselnahme dauerte vier Tage, bis sie das algerische Militär mit einer brutalen Offensive beendete.

Der Angriff macht eines deutlich: Die Bedrohung internationaler Ziele durch den afrikanischen Terrorismus ist gestiegen - obwohl die USA, Frankreich und andere Regierungen versuchen, seine Ausbreitung zu verhindern. Doch dabei stoßen die westlichen Terrorbekämpfer auf zahlreiche Hürden.

Der Gebrauch von Waffen, die denen ähneln, die libysche Rebellen im Kampf gegen Muammar al-Gaddafi einsetzten, zeigen laut algerischen und französischen Militärexperten auch, dass die malischen Islamisten vom Ende des Konflikts in Libyen 2011 profitiert haben.

Angesichts dieser Entwicklung haben einige US-Vertreter für eine Verschärfung der Antiterroroperationen in Nordafrika plädiert. Dabei könnten zum Beispiel Drohnen der US-Armee eingesetzt werden, eventuell auch Spezialteams, die von anderen Fronten abgezogen werden könnten. Zudem dürften sich die Geheimdienste mit den Regierungen vor Ort noch intensiver austauschen.

„Die mit dem Blut unterschreiben"

Am Wochenende klang der scheidende US-Verteidigungsminister Leon Panetta ganz so, als ob dies schon der Plan wäre. In London sagte er, die USA habe Antiterroraktionen im Irak, Afghanistan, Jemen und Somalia durchgeführt. „Nun werden wir dies in Nordafrika tun."

Canal Algerie/Reuters

Der algerische Youcef Yousfi führte am Sonntag eine internationale Delegation über das Gelände des Erdgasfeldes.

Doch ein solcher Einsatz muss gut vorbereitet werden. Noch fehlt es an belastbaren Daten über militante Netzwerke, lokale Kooperationen müssen organisiert werden. „Ohne solide Informationen mit voller Ausrüstung reinzugehen, wäre vorschnell", sagt ein hochrangiger Vertreter der USA.

Nach welchem Schema die USA im Kampf gegen den Terror auf dem afrikanischen Kontinent vorgehen will, ist jedoch unklar. In jedem der von Panetta genannten Länder unterscheiden sich die Vorgehensweise und der Einsatz von Militär, Spezialeinheiten sowie Agententätigkeiten der CIA.

Die algerische Regierung hatte die radikal-islamistische Miliz von Moktar Belmoktar für die Geiselnahme verantwortlich gemacht. Der etwa 40-jährige Algerier will in den Terrorcamps von Osama bin Laden in Pakistan ausgebildet worden sein, er hat sich in Mali einen Stützpunkt aufgebaut. Seine Gruppe Al Mouthalimin – „Die mit dem Blut unterschreiben" – hat sich zu dem Anschlag bekannt.

Proteste gegen Mali-Einsatz Frankreichs

Die Herkunft der 32 Geiselnehmer lässt den Schluss zu, dass die in Mali stationierte Gruppe erfolgreich rekrutiert und an Stärke gewinnt. Der Anführer der Extremisten, Mohammed Bencheneb, ist zwar Algerier. Die anderen Geiselnehmer kommen aber unter anderem aus sechs weiteren afrikanischen Ländern und Kanada. Das sagte der algerische Ministerpräsident Abdelmalek Sellal.

Geiseldramen

Zudem fiel es den Geiselnehmern extrem leicht, die Grenze zwischen Mali und Algerien zu überwinden – und das, obwohl die algerische Regierung nur wenige Tage vor dem Angriff sagte, es würde seine Grenzen zu Mali dichtmachen, nachdem die französische Armee der malischen Regierung im Kampf gegen die mit der al-Qaida verbundenen Rebellen im Norden des Landes zur Hilfe kam. Ein weiteres Problem ist also die Durchlässigkeit der Landesgrenzen in den westafrikanischen Ländern.

Die Extremisten sagten, mit ihrem Angriff auf die Gasförderanlage wollten sie gegen die französische Intervention in Mali protestieren. Dem widersprechen algerische Regierungsvertreter: Obwohl die Entscheidung Frankreichs, Kampftruppen nach Mali zu schicken, den Zeitpunkt der Attacke beeinflusst haben könnte, sei die Operation der Islamisten bereits seit mindestens zwei Monaten geplant gewesen.

Für Vertreter der US-Regierung ist es ein Ziel, Algerien im Kampf gegen extremistische Gruppen zu stützen. Das könnte zum Beispiel durch die Ausweitung von nachrichtendienstlichen Informationen geschehen – und dadurch könnte auch der Einsatz von allzu vielen Drohnen oder Spezialtruppen in der Region eingeschränkt werden, so ihre Hoffnung.

„Es gibt viele Wege, wie man Extremisten verfolgen kann", sagt ein hochrangiger Vertreter der US-Regierung.

Algerien will nicht unbedingt die Hilfe des Westens

Doch so einfach ist es nicht im Kampf der westlichen Länder gegen den Terror. In Algerien könnte der Einsatz von Drohnen auf Widerstand stoßen. Die algerische Regierung hatte bereits während des Geiseldramas ein Hilfsangebot ausgeschlagen. Laut Experten will Algier den Eindruck einer möglichen Abhängigkeit von den ehemaligen Kolonialmächten vermeiden. Die algerische Regierung könnte also durchaus weiterhin westliche Hilfe ausschlagen, ebenso könnte sie Militäraktionen westlicher Armeen auf algerischem Boden verweigern.

Das bestätigen auch einige Vertreter der US-Regierung. Möglicherweise verbietet Algier sogar den Zutritt für jegliche Art von Antiterroroperation. Ähnlich wie in Pakistan, wo immer noch um den Einsatz von US-Drohnen während der Jagd nach Osama bin Laden gestritten wird, könnten auch die Algerier solche Antiterror-Einsätze von Washington als Affront gegen ihre Souveränität einschätzen.

Doch würde man zumindest die Zusammenarbeit der Geheimdienste verstärken, könnte dies die Algerier mit der Zeit vielleicht von einer engeren Kooperation überzeugen, merkt ein hochrangiger US-Vertreter an.

Während der Belagerung des Gasfeldes drängten mehrere ausländische Regierungen auf eine friedliche Lösung des Dramas. Zudem beschwerten sie sich über die wenigen Informationen, die die algerische Regierung preisgab. Im Nachhinein beteuert Algeriens Präsident Sellal, dass die Spezialkräfte seiner Armee zunächst versucht hatten, mit den Geiselnehmern zu verhandeln.

Doch dann forderten die Extremisten die Freilassung von in algerischen Gefängnissen inhaftierten Islamisten. „Weitere Verhandlungen wurden dadurch unmöglich", sagt Sellal. „Unschuldige Opfer sind getötet worden", sagt er. „Es war ein Versuch, Algerien zu destabilisieren. Das konnten wir nicht akzeptieren."

„Ich wollte mein Schicksal in die Hand nehmen"

Die Gruppe habe den gesamten Komplex in die Luft sprengen wollen. In der Anlage werden 12 Prozent der gesamten Gasmenge des Landes produziert. Rund 790 Menschen haben dort gearbeitet, 136 von ihnen aus dem Ausland.

Zwei Tage vor dem blutigen Ende der Geiselnahme hörten Iain Strachan und Darren Matthews in ihrem Versteck, wie plötzlich ohrenbetäubende Gewehrsalven die Stille durchbrachen. Eine Explosion „schmiss uns beinahe aus dem Bett", sagt Strachan. Einige algerische Arbeiter beschlossen, abzuhauen. Doch mitnehmen wollten sie die beiden Ausländer nicht. Einer der Arbeiter schrieb sich Matthews Name und die Zimmernummer auf seinen Handrücken und versprach, er werde Rettung schicken, sobald die Lage sicher wäre. Strachan, der bis dahin relativ ruhig geblieben war, verfiel in Panik.

Dann hörten die zwei Männer, wie sich jemand näherte. An die Tür hämmerte. Matthews flehte Strachan an, er solle bloß nicht aufmachen. „Ich wollte mein Schicksal in die Hand nehmen", erzählt Strachan. Also öffnete er die Tür. Davor standen sieben oder acht algerische Soldaten. Und der Mann, der Matthews Namen aufgeschrieben hatte.

Der Kampf in In Amenas tobte noch bis Samstag. Dann hatte das algerische Militär die Kontrolle über die Gasförderanlage zurückerlangt. Der algerische Premier sagte: "Die letzten Worte des Terroristenanführers" sei die Anweisung gewesen, alle Ausländer zu töten. „Es gab eine Massenexekution. Viele Geiseln starben durch eine Kugel in den Kopf."

Strachan war da schon außer Landes. Er war mit einer Maschine der US Air Force in ein Krankenhaus in Europa ausgeflogen worden, dort wurde er zwei Tage lang befragt. Am Sonntag kehrte er in die USA zurück zu seiner Familie.

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