• The Wall Street Journal

China droht die Kreditblase

    Von BOB DAVIS

Peking—Um Immobilien- und Infrastrukturprojekte zu finanzieren, wurde in den vergangenen Jahren in China viel Geld verliehen. Nun fürchtet die Regierung eine Pleitewelle und versucht, die Kreditvergabe einzudämmen. Damit riskiert sie aber, dass sich auch das Wachstum der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt abschwächt.

Die gesamte Kapitalaufnahme, die unter dem Begriff „Total Social Financing" zusammengefasst wird, ist laut der chinesischen Zentralbank von April auf Mai um etwa ein Drittel auf 1,19 Billionen Yuan (147 Milliarden Euro) gefallen. Das ist der zweite Monat, in dem ein bedeutender Rückgang verzeichnet wird. Auch das Volumen neuer Bankkredite allein ist in den vergangenen zwei Monaten deutlich gefallen.

China Daily/Reuters

Ein Arbeiter sieht dabei zu, wie Stahlrollen verladen werden. Um Bau- und Infrastrukturprojekte zu finanzieren, sind in China viele Kredite vergeben worden.

Zum Total Social Financing, einem Begriff der chinesischen Zentralbank People's Bank of China, werden alle Arten der Finanzierung gezählt – Kredite von Banken und Fonds, Finanzunternehmen, Lieferantenkredite, Unternehmensanleihen sowie bestimmte Arten von Krediten, die Banken untereinander vergaben und Darlehen von Privatpersonen.

In den ersten fünf Monaten dieses Jahres war die Kreditvergabe um 52 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. Aufsichtsbehörden versuchen nun aber, den Geldverleih zu drosseln. Damit riskieren sie einen noch stärkeren Rückgang des Wirtschaftswachstums. Unternehmen und Immobilienentwicklern fällt die Finanzierung schwerer, auch Infrastrukturprojekte der Regierung leiden darunter.

Nach Zahlen für den Mai sieht es so aus, als würde das Wachstum in diesem Quartal wie schon im vorherigen enttäuschend ausfallen. Viele Ökonomen haben ihre Wachstumsprognosen für das Jahr gesenkt.

Chinesische Führung steht vor einem Dilemma

Nach dem Beginn der Finanzkrise 2008 hatte eine erhöhte Kreditvergabe für steigende Ausgaben gesorgt. Das befeuerte zwar das Wirtschaftswachstum, ließ Provinzregierungen und andere Kreditnehmer aber mit einem großen Schuldenberg zurück und warf Fragen nach der Gesundheit des Finanzsystems auf. Nun steht die chinesische Führung vor einem Dilemma: Wenn sie die Kreditvergabe drosselt, um zu verhindern, dass sich die Finanzprobleme verschlimmern, dürfte auch das Wachstum zurückgehen.

Im vergangenen Jahrzehnt konnte sich die Regierung darauf verlassen, dass die großen staatlichen Banken und andere Finanzinstitute genügend Kredite vergeben, um für Wachstum zu sorgen – vor allem an Immobilienentwickler und lokale Regierungen, die U-Bahnen, Autobahnen, Flughäfen und andere Infrastrukturprojekte bauten.

Doch seit der globalen Finanzkrise hat sich die Wirkung dieser Kredite abgeschwächt. Die Sorgen wachsen, dass viele Kreditnehmer ihre Schulden nicht zurückzahlen können. Das stellt die Regierung vor die Wahl, entweder einzugreifen oder sich auf eine Pleitewelle einzustellen.

Seit 2010 drängen die Finanzaufsichtsbehörden darauf, dass die großen staatlichen Banken die Kreditvergabe an solche Kreditnehmer einschränken. Doch eine Reihe von anderen Verleihern hat die Lücke ausgefüllt. Darunter sind Treuhandgesellschaften, die Geld von wohlhabenden Investoren für Immobilien- und Infrastrukturprojekte eintreiben. Die Gesellschaften sollen zwar unabhängig von Banken sein, sind es aber in der Realität oft nicht. Banken schicken ihre Kunden, die Kredite haben wollen, zu Treuhandgesellschaften und verkaufen Produkte von ihnen.

Am Freitag warnte die chinesische Zentralbank davor, dass die sogenannten Schattenbanken – unkonventionelle Kreditgeber – zunehmende Risiken für das Finanzsystem bedeuteten.

Im Mai ging sowohl die Kreditvergabe der Banken als auch der unkonventionellen Kreditgeber zurück. Treuhandgesellschaften vergaben knapp 100 Milliarden Yuan (12 Milliarden Euro) weniger an Krediten als im April, weil die Aufsichtsbehörden die Regeln zur Kreditvergabe verschärft haben. Ein hartes Durchgreifen gegen den Missbrauch von Ausfuhrrechnungen, um Kapital ins Land zu bringen, könnte auch dafür gesorgt haben, dass weniger Geld ins Schattenbankensystem floss.

Wenn sich das chinesische Wirtschaftswachstum abschwächt, hätte das weltweit Folgen. Unter anderem würden Rohstoffproduzenten, Bauern und Maschinenhersteller, die nach China exportieren und dort investieren, darunter leiden.

Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping sagte US-Präsident Barack Obama bei ihrem Treffen am Wochenende, dass er mit dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 7,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zufrieden sei, hieß es auf der Internetseite der chinesischen Regierung.

Es war zwar eines der schlechtesten Quartale seit 2009, doch Xi sagte laut der Seite, dass das gut sei, um „die Wirtschaft neu zu ordnen und die Qualität und Effizienz der Wirtschaft zu verbessern".

Heimische Nachfrage sinkt

Peking versucht, die Wirtschaft so umzubauen, dass sie weniger von Exporten und Investitionen in kapitalintensiven Branchen abhängig ist und dafür stärker von heimischer Nachfrage. Doch eine solche Veränderung herbeizuführen ist schwierig. Es ist unwahrscheinlich, dass die Menschen mehr Geld ausgeben, wenn sie das Gefühl haben, dass es mit der Wirtschaft bergab geht.

Jüngst veröffentlichte Zahlen der Regierung deuten darauf hin, dass die heimische Nachfrage zurückgeht. Im Mai sanken die Importe im Vergleich zum Vorjahresmonat um 0,3 Prozent, der Erzeugerpreisindex ging um 2,9 Prozent zurück. Die Erzeugerpreise sind 15 Monate in Folge gefallen – eine Folge der riesigen Überkapazität und mangelnder Nachfrage nach Stahl, Aluminium, Glass, Solarmodulen und Baugeräten.

Die Industrieproduktion stieg im Mai um 9,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Das war deutlich weniger als die Wachstumsraten aus den Jahren 2010 und 2011.

Die Stromerzeugung – ein Barometer industrieller Aktivität – stieg im Mai um 4,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, im April waren es 6,2 Prozent gewesen. Die Zahl neu begonnener Bauprojekte, die ein wichtiger Indikator für den Zustand des Immobilienmarkte ist, stieg von Januar bis Mai lediglich um ein Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Regierung steht unter Druck

„Wichtige Indikatoren in allen Bereichen haben sich abgeschwächt", sagt Nomura-Volkswirt Zhiwei Zhang. Er geht davon aus, dass das BIP im zweiten Quartel auf 7,5 Prozent fallen und den Rest des Jahres weiter zurückgehen wird. Ting Lu, Analyst bei der Bank of America, prognostiziert für das zweite Quartal ein Wachstum von 7,6 oder 7,7 Prozent.

Seine Regierung gehe die wirtschaftlichen Probleme gezielt an, lässt Staatspräsident Xi über die Webseite verkünden. Details werden dort allerdings nicht aufgeführt.

Doch die Kredite, die in den ersten fünf Monaten dieses Jahres verlängert wurden, könnten das Wachstum unterstützen, selbst wenn die Vergabe von neuen Krediten zurückgeht. Doch einige Analysten sagen, dass die schlechten Zahlen Druck auf die chinesische Führung ausüben dürften, eine neue Runde von Konjunkturprogrammen zu starten - selbst wenn das bedeutet, dass sie die Kreditvergabe ankurbeln muss, die sie eigentlich in den Griff zu bekommen versucht.

Es sei unwahrscheinlich, dass die Regierung sich bewege, wenn es keine Anzeichen für eine steigende Arbeitslosigkeit gebe – und danach sieht es derzeit nicht aus, sagt Louis Kujis, Analyst bei der Royal Bank of Scotland . In der Vergangenheit sei man in Peking davon ausgegangen, dass ein Wachstum von 8 Prozent nötig sei, um die Arbeitslosigkeit im Griff zu halten. Nun könnte auch deshalb die Wachstumsrate auf 7 Prozent sinken, weil die arbeitende Bevölkerung kleiner wird, sagen Demografen.

—Mitarbeit: Richard Silk und Liyan Qi

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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