• The Wall Street Journal

EU-Banken wollen "billiges" EZB-Geld zurückzahlen

    Von DAVID ENRICH
Associated Press

Die eingezäunte Baustelle für das neue EZB-Hauptquartier in Frankfurt. Etliche europäische Banken wollen auf ihre Liquiditätshilfen zunehmend verzichten, weil sie damit Geld verlieren.

LONDON--Vor fast einem Jahr haben sich hunderte europäische Banken in zwei Transaktionen insgesamt mehr als 1 Billion Euro von der Europäischen Zentralbank geliehen, als sie angesichts der eskalierenden Eurokrise billiges Geld auf den Markt warf. Jetzt scheint es in der Wirtschaft teilweise wieder bergauf zu gehen. Denn einige der größten Banken des Kontinents bereiten sich darauf vor, diese Kredite baldmöglichst zurückzuzahlen.

Beobachter warnen, dies könnte verfrüht sein. Ohne die Liquiditätshilfen der EZB wären die Banken aus ihrer Sicht verwundbar, sollte sich die Krise wieder verschärfen. Die Kredite aus dem sogenannten LTRO-Programm der EZB vom Dezember 2011 und Februar 2012 haben eine Laufzeit von drei Jahren. Aber ab Januar dürfen die Banken mit der Rückzahlung beginnen.

Mit der Commerzbank hat zumindest eine Bank öffentlich gemacht, dass sie im Januar einen Großteil des geliehenen Geldes zurückzahlen will. Die Manager anderer Institute, inklusive der großen Drei aus Frankreich, wollen zu Beginn des neuen Jahres ebenfalls zumindest Teile zurückzahlen, sagen gut informierte Personen.

80 Milliarden Euro EZB-Kredit vor der Ablösung

Eine von Morgan-Stanley-Analysten durchgeführte Umfrage kommt zu dem Ergebnis, dass Europäische Banken voraussichtlich Anfang 2013 insgesamt rund 80 Milliarden Euro an die EZB zurückzahlen werden. Ein Großteil davon komme wohl aus Nordeuropa, schreiben die Analysten. Die Umfrage zeigt, dass die Institute heute besser in der Lage sind alleine klarzukommen, als noch vor einem Jahr. Seinerzeit hatte die sich massiv verschärfende Eurokrise vielen Banken den Zugang zu den Kapitalmärkten blockiert.

Auch zeigt sich, dass die von der EZB zur Verfügung gestellten Mittel teuer sind. Banken beschweren sich, dass es nur wenige Einsatzmöglichkeiten gibt. Ein Großteil des Geldes wird am Ende bei der Zentralbank geparkt. Für die Geschäftsbanken ist das ein Verlustgeschäft, denn die von den Zentralbanken gezahlten Zinsen decken nicht die Kosten, die die Institute für das geliehene EZB-Geld aufbringen mussten.

Die Commerzbank hat sich im Rahmen des LTRO-Programms insgesamt etwa 16 Milliarden Euro Liquidität von der EZB gesichert. Im Januar sollen 10 Milliarden davon wieder zurückfließen, sagte Konzernchef Martin Blessing im November zu Analysten. Nach seinen Worten verliert die Bank jährlich rund 75 Millionen Euro allein dadurch, dass das Geld bei der Deutschen Bundesbank geparkt wird. Die EZB-Mittel seien nicht die billigste Finanzquelle, die man auf dem Markt finden könnte, sagte der Manager.

Einige Analysten fürchten, dass den ersten Rückzahlern eine Welle von Nachahmern folgen könnte, was sich für die Bankenbranche insgesamt als ungesund herausstellen könnte. Durch das Vorpreschen einiger könnten sich andere Banken ebenfalls genötigt fühlen, das Geld möglichst schnell zurückzuzahlen, um eine Stigmatisierung zu vermeiden, indem sie der Welt zeigen, dass sie nicht von dem Zentralbank-Geld abhängig sind. Das könnte sogar gefährlich werden, sollten sie eigentlich auf die EZB-Mittel angewiesen sein.

Banken fürchten Stigmatisierung

In der Tat äußerte bereits der Finanzchef einer der größten Banken Europas, sein Haus tendiere dazu, die Milliarden in jedem Fall zurückzuzahlen, um auch die Gefahr zu bannen, vor den Kunden als abhängig dazustehen.

„Sobald eine Bank anfängt zurückzuzahlen, wird jede andere Bank gefragt werden: 'Warum zahlt Ihr nicht zurück?'", bringt Analyst James Chappell von der Berenberg Bank das Dilemma auf den Punkt. Diesem Druck nachzugeben, könnte sich für jedes Institut und das Bankensystem insgesamt als destabilisierend erweisen, warnt er. „Es ist besser, jetzt über die Liquidität zu verfügen", sagte der Analyst. „Wer weiß schon, was im nächsten Jahr passiert?"

Die EZB wollte mit ihrem Programm damals in erster Linie verhindern, dass Banken wegen mangelnder Liquidität Schlagseite bekommen. Das sekundäre Ziel war, die Banken dazu zu bringen, das Geld über Kredite an Kunden und andere Kreditinstitute weiterzugeben. Letzteres hat nicht so funktioniert, wie die Verantwortlichen sich das seinerzeit vorgestellt haben, auch wenn einige Institute Staatsanleihen ihrer Länder in Milliardenumfang aufgekauft haben. Stattdessen fließt das Geld an die Zentralbanken zurück, zu schlechteren Konditionen.

Die Kreditvergabe an Einzelpersonen und Unternehmen in der Eurozone ist unterdessen mau geblieben. Bei der jüngsten Umfrage der EZB vom Oktober zu den aktuellen Kreditbedingungen stellte sich heraus, dass Banken vor allem bei kleineren Unternehmen auf der Hut sind - ein Trend, der sich in den nächsten Monaten fortsetzen dürfte. Ökonomen und Entscheider meinen, dass diese Entwicklung die Probleme in der Euro-Peripherie noch verstärken wird.

Im Süden Europas behalten die Banken das Geld

Natürlich sind viele Banken auch mit dem LTRO-Geld zufrieden und werden nicht zurückzahlen. In südeuropäischen Ländern wie Spanien, Griechenland und Portugal, wo die Banken von der normalen Refinanzierung am Markt ausgeschlossen sind, haben sie kaum eine andere Wahl. Auch von den italienischen Banken heißt es, man habe mit der Rückzahlung keine Eile. Das rührt zum Teil daher, dass sie ordentliche Gewinne damit erzielen, dass sie mit dem billigen Geld hoch verzinste italienische Anleihen kaufen.

Enrico Cucchiani, Chef von Intesa Sanpaolo, sagte kürzlich bei Vorlage der Neunmonatszahlen, die „clevere Nutzung" der EZB-Kredite sei auch dafür verantwortlich, dass ein Handelsgewinn von 753 Millionen Euro erzielt worden sei. Eine informierte Person sagte, die zweitgrößte Bank des Landes wolle ihr EZB-Geld nicht vorzeitig zurückzahlen.

Die drei großen französischen Banken BNP Paribas, Société Générale und Crédit Agricole haben sich jeweils Milliarden von der Zentralbank geholt, die exakten Summen aber nie genannt. Öffentlich haben sie bislang zu ihren Rückzahlungsplänen geschwiegen. „Wir werden schauen, wie stürmisch es im Januar wird, und dann werden wir entscheiden", sagte BNP-Finanzchef Lars Machenil vergangene Woche in einer Telefonkonferenz mit Analysten.

Unter der Hand haben Manager von BNP Paribas und Société Générale einigen Analysten, Investoren und Investmentbankern allerdings erzählt, dass sie zumindest eine Teilrückzahlung anstreben, sagen informierte Personen. Das könne sich aber ändern, wenn sich die Finanzmärkte in den nächsten Wochen noch eintrübten. Manager von Crédit Agricole tendieren einem Insider zufolge in dieselbe Richtung. Vertreter der drei Banken wollten diese Informationen aber nicht kommentieren.

—Noemie Bisserbe hat zu diesem Bericht beigetragen.

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