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Die bittere Heimkehr der Armenier aus Syrien

    Von JOE PARKINSON
Agence France-Presse/Getty Images

Armenier begrüßen am Flughafen von Eriwan im August aus Syrien geflohene Verwandte.

ERIWAN – Der Bürgerkrieg in Syrien hat zu Flüchtlingskrisen an den Grenzen zur Türkei, Jordanien und dem Libanon geführt. Doch auch das kleine Armenien, hunderte Kilometer entfernt, bekommt die Folgen immer mehr zu spüren.

In der Hauptstadt Eriwan ist mittlerweile eine düstere Seitenstraße zum Treffpunkt syrischer Armenier geworden. Sie sind vor allem aus dem Wirtschaftszentrum Aleppo geflohen, seit Monaten ein blutiges Schlachtfeld in dem innersyrischen Konflikt. In den tristen Gebäuden aus der Sowjetzeit in der Glinkai-Straße dröhnt Maschinenlärm; es riecht nach Motorenöl. In mehr als einem Dutzend Metall- und Autowerkstätten treffen sich syrisch-armenische Männer, um nach Jobs zu suchen, Tee zu trinken und die jüngsten Schreckensnachrichten aus der Heimat auszutauschen.

„Ich habe Glück gehabt. Hier gibt es sonst nicht viel Arbeit", sagt ein 27-Jähriger, der sich Tigran nennt. Er kam im September mit seiner Mutter aus Aleppo und verdient jetzt umgerechnet etwa 150 Euro im Monat, indem er Kolben in Automotoren austauscht. „Wer nicht arbeitet, hat nichts, um sich von den Gedanken an die Heimat abzulenken."

Syrische Christen fliehen nach Armenien

Justin Vela for The Wall Street Journal

In den 20 Monaten, in denen der Bürgerkrieg in Syrien tobt, sind etwa 6.000 in Syrien lebende Armenier geflohen. Die Menschen, deren Vorfahren vor fast einem Jahrhundert vor den Übergriffen des osmanischen Reichs flohen, werden nun erneut zu Vertriebenen. Viele sind erst in den vergangenen Monaten angekommen, erklärt man im armenischen Diasporaministerium, das sich um die Auslandsbürger kümmert. Die Kaukasusrepublik stellt sich auf weitere Flüchtlingswellen ein.

Etwa 100.000 Armenier lebten vor dem Ausbruch der Gewalt in Syrien. Sie sind Teil der christlichen Bevölkerung, die sich vor allem vor Übergriffen durch die Rebellen fürchtet. Denn die Christen gehören mehrheitlich zu den Unterstützern des Regimes von Präsident Baschar al-Assad. Schon im Irak zwang religiös motivierte Gewalt etwa die Hälfte der dort lebenden Christen zur Flucht, nachdem der Diktator Saddam Hussein gestürzt worden war.

Armenien ist auf das Problem nicht eingestellt. „Die Regierung wirkt überfordert", sagt Richard Giragosian, Leiter des unabhängigen Zentrums für Regionalstudien in Eriwan. „Niemand redet darüber, aber alle rechnen mit einem Anstieg der Flüchtlingszahlen, wenn die Christen wie im Irak verfolgt werden."

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind bereits mehr als 400.000 Syrer in die Nachbarländer geflohen. Verglichen damit erscheint die Zahl von 6.000 Flüchtlingen, die es nach Armenien verschlug, eher unbedeutend. Trotzdem stellen sie das kleine, arme Land, das nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 unabhängig wurde, vor große Probleme. In dem Land mit drei Millionen Einwohnern ist jeder Fünfte ohne Arbeit. Die Geldsendungen durch Auslandsarmenier gehen zurück. „Wir haben erklärt, dass uns alle Armenier willkommen sind. Aber unser Land ist wirtschaftlich nicht in der besten Lage", räumt Diasporaministerin Hranusch Hakobyan ein. „Die Leute benötigen mehr Arbeitsplätze und Einkommen.

Gefährliche Busfahrt durch Rebellengebiet

Das Land bietet den Auslandsarmeniern Visa an, akzeptiert syrische Führerscheine und hat ein beschleunigtes Verfahren eingerichtet, mit dem die Flüchtlinge die doppelte Staatsbürgerschaft erhalten können. Zwei Grundschulen in der Hauptstadt Eriwan haben Förderklassen für syrisch-armenische Kinder eingerichtet. Viele Neuankömmlinge leben bei Verwandten in Eriwan. Andere sind in Notunterkünfte gezogen. Jeden Sonntag platzt die Sankt-Sarkis-Kathedrale in Eriwan wegen der Flüchtlinge aus allen Nähten.

Der Zustrom begann im Spätsommer, als Aleppo zum Brennpunkt der Kämpfe zwischen den Rebellen und den Truppen Assads wurde. In Aleppo lebte etwa 80 Prozent der syrisch-armenischen Gemeinde, schätzt das Diasporaministerium. Doch in den Straßen der Stadt liefern sich seit Monaten Militär und Widerstandskämpfer blutige Schlachten. Von al-Qaida unterstützte Extremistengruppen machen die Lage noch unübersichtlicher.

Einige Armenier flohen schnell mit nur wenigen Habseligkeiten, per Direktflug mit der ehemaligen staatlichen Airline Armavia von Aleppo aus. Andere sind schwer beladen in Busse gestiegen und haben sich auf die gefährliche, zweitägige Fahrt durch das Rebellengebiet, den Norden der Türkei und Georgien gemacht.

Die überwiegend aus der Mittelschicht stammenden Kaufleute lassen in ihren Berichten ein anderes Bild von Syrien und Assad erscheinen, als es die Rebellen schildern. Die Opposition spricht von einer einseitigen Aggression des Regimes. Auch die Vereinten Nationen schätzten im Oktober, dass seit Februar 2011 mehr als 20.000 Zivilisten durch Regierungstruppen getötet wurden.

Christen wurden in Syrien protegiert

Aber viele Exilanten in Eriwan nennen die Rebellen, meist Sunniten aus ländlichen Gebieten, genau wie der syrische Präsident Assad Terroristen. Sie unterstützen das Vorgehen von Damaskus gegen die Aufständischen. Ein 22-jähriger Flüchtling, der sich Hakob Jackian nennt, betrieb in Aleppo einen eigenen Laden. Er berichtet, er sei mit seinem Bruder und seiner Mutter im September geflohen. Die andauernden Schießereien und Autobomben hätten es unmöglich gemacht, in der Stadt zu bleiben.

Video auf WSJ.com

More than six thousand Christian Armenians from Syria have poured into Armenia in recent months, escaping the civil war back home. WSJ's Joe Parkinson reports from Yerevan.

„Man wusste nie, wann es wieder losgeht. Erst war es ruhig, und dann kamen plötzlich die Terroristen mit Maschinengewehren, und uns flogen die Granatsplitter um die Ohren", berichtet er. Auf YouTube zeigt er Bilder von Zusammenstößen in seinem Stadtteil, die zeigen sollen, wie sunnitische Milizen durch die Straßen fahren und Häuser plündern. „Ich liebe meinen Präsidenten noch immer. Selbst jetzt sind 80 Prozent der Leute glücklich mit ihm."

Das Regime von Assad, das von Alawiten dominiert wird, hat sich immer besonders um die 2,5 Millionen Christen in Syrien bemüht. Sie wurden als Bollwerk gegen die etwa 17 Millionen sunnitischen Muslime gesehen. Die Protektion brachte ihnen Wohlstand. Viele Flüchtlinge mussten Immobilien, Gold und Sparkonten zurücklassen. Internationale Sanktionen und eine Kontensperre der Regierung machen es fast unmöglich, Geld außer Landes zu überweisen.

„Wir haben das gesamte Gold der Familie geschmuggelt, zum Beispiel in den Windeln meines Sohnes", sagt Hovig Asmaryan. Der 34 Jahre alte Kaufmann floh Ende September mit Freunden und Verwandten in einem Autokonvoi aus Aleppo. Er will in Armenien bleiben. „Die Gewalt wird nicht so bald aufhören, und unser Präsident wird sich nicht an der Macht halten."

„Wir sind wieder Vertriebene"

Asmaryan ist einer der wenigen Flüchtlinge, der sich mit seinem vollen Namen nennen lassen will. Der syrische Geheimdienst ist immer noch aktiv in Armenien, berichten Exilanten und die armenische Regierung. Die Flüchtlinge fürchten, dass die Nennung ihres Namens ihre Chancen schmälert, später nach Hause zurückzukehren oder dass deswegen ihre Verwandten in Syrien Repressalien ausgesetzt sein könnten.

Die aktuellen Ereignisse wecken bei vielen Armeniern traumatische Erinnerungen. Die meisten in Syrien lebenden Armenier sind die Nachfahren derer, die 1915 vor dem Genozid durch Türken beim Zusammenbruch des osmanischen Reiches flohen. 1,5 Millionen Armenier sollen dabei ums Leben gekommen sein. Die Türkei bestreitet diese Darstellung und spricht von großen Verlusten auf beiden Seiten.

„Mein Großvater hat seine drei Brüder verloren, als die Familie aus der Türkei floh", sagt Samvel, ein 62-jähriger Handwerker. Er hatte damit gerechnet, nach einem Monat nach Aleppo zurückkehren zu können. Jetzt weiß er nicht, ob er seine Heimat jemals wiedersehen wird: „Wir sind wieder Vertriebene."

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