• The Wall Street Journal

Luxus-Emirat Dubai entdeckt den Gigantismus wieder

    Von NICOLAS PARASIE

Der Gigantismus ist zurück: Im Bestreben, seine Position als Verkehrs- und Tourismuszentrum im Nahen Osten zu zementieren, hat Dubai einige grandiose Bauprojekte enthüllt, die gefährlich an die Zeit des schuldenfinanzierten Booms erinnern, der das Emirat fast in die Knie gezwungen hätte.

Im vergangenen Monat ordnete Dubais Herrscher Scheich Mohammed bin Rashid al-Makthoum den Bau einer neuen Stadt an, die nach ihm selbst benannt werden soll. Schätzungen zufolge soll das Projekt zehn Milliarden US-Dollar kosten. Vorgesehen sind 100 Hotels, das weltgrößte Einkaufszentrum, Parks, Kunstgalerien und Messezentren. Wenig später verkündete der Scheich weitere Pläne über einen 2,7 Milliarden Dollar teuren Freizeitkomplex, der fünf Themenparks umfassen soll.

[image] Reuters

Zeugnis eines früheren Booms: Burj Khalifa, das höchste Gebäude der Welt.

Unterdessen treibt Dubai seine Bewerbung um die Ausrichtung der Weltausstellung im Jahr 2020 voran. Es wäre das erste Mal, dass eine Stadt aus dem Nahen Osten die Expo veranstaltet. Damit verbunden wäre der Bau eines neuen Messezentrums am Rande des Emirats.

Dubai erlebt eine schwunghafte wirtschaftliche Erholung, angetrieben vom Wachstum in den Schlüsselbereichen Handel, Tourismus und Verkehr. Gleichzeitig muss das Scheichtum allerdings rund 100 Milliarden Dollar an Schulden aus der Zeit des vorhergegangenen Immobilienbooms zurückzahlen. Der hatte 2008 ein jähes Ende gefunden. Die jüngsten Pläne werfen die Frage auf, wie die ehrgeizigen Bauvorhaben finanziert werden sollen und ob sie nicht zu einem Überangebot auf dem immer noch fragilen Immobilienmarkt führen.

Für Scheich Mohammed ist klar, dass die Projekte Dubais Wirtschaft und Infrastruktur gut tun werden. Und auch Analysten der Citigroup erhöhten ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum des Emirats im laufenden Jahr kürzlich drastisch von 1,9 auf 5,1 Prozent – vor allem aufgrund der wachsenden Aktivität am Immobilienmarkt.

Doch die Zweifel bleiben, ob Dubai den Weg der Superlative nach dem zurückliegenden Immobilienboom wieder aufnehmen kann. Damals schuf das Emirat vor seiner Küste künstliche Inseln in Palmenform und den höchsten Wolkenkratzer der Welt, den Burj Khalifa.

"Dubai wurde auf einer grenzenlosen Vision erbaut. Die jüngst angekündigten Vorhaben werden aber vom Appetit der Kreditgeber gedämpft sowie von verstärktem Wettbewerb um Finanzmittel aus anderen Regionen sowie einer verschärften Prüfung durch erfahrenere Investoren", sagt Rizwan Shah, leitender Direktor des Bereichs Unternehmensfinanzierung bei Deloitte Middle East. "Die Finanzierungsquellen und die Strukturen Dubais müssen diesmal andere sein als die, die vor der Krise genutzt wurden."

In den Boom-Jahren 2004 bis 2007 wuchsen viele Geschäfte mit Dubai-Bezug zu schnell auf Basis günstiger Kredite, die von lokalen Banken und Kreditgebern aus der Region bereitwillig zur Verfügung gestellt wurden. Als die globale Krise ausbrach, brachen die Immobilienpreise in dem Emirat um 60 Prozent ein. Mit dem daraus resultierenden Schuldenüberhang kämpfen die Banken bis heute. Die Krise eskalierte 2009, als der staatliche Immobilienentwickler Nakheel eine Anleihe nach islamischem Recht mit einem Volumen von 4,1 Milliarden Dollar nicht zurückzahlen konnte. Dubai musste sich an seinen Öl-reichen Nachbarn Abu Dhabi wenden, der mit einem Kredit über 10 Milliarden Dollar zur Seite sprang.

Einige Beobachter sorgen sich, dass Dubai gerade dabei ist, seine Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, indem es einen neuen Immobilienboom schürt.

Bilder: Der Gigantismus geht weiter

"Haben wir gelernt? Wir alle sagen ja, aber viele Leute tun heute genau das gleiche, was sie vor drei oder vier Jahre getan haben", sagte Peter Jodlowski, Finanzchef der Emirates Investment Authority, einem der Staatsfonds Dubais, kürzlich auf einer Konferenz. "In fünf Jahren werden wir uns alle fragen: Wie konnte das passieren?". Auf der Konferenz diskutierten er und andere Teilnehmer über gute Unternehmensführung in der Region und darüber, welche Rolle Banken bei der Entstehung der Krise gespielt haben.

Details darüber, wie der Bau der "Mohammad Bin Rashid City" finanziert werden soll, sind unklar. Die lokale Investmentbank erwartet, dass die Mittel über einen Mix aus Schulden und Einnahmen aus Vorab-Verkäufen aufgebracht werden. Das Projekt, dessen exakter Preis ebenfalls noch nicht genannt wurde, wird von der Dubai Holding entwickelt, einem Investmentvehikel mit Verbindungen zu Dubais Herrscher und Emaar Properties, an der die Regierung des Emirats 31 Prozent hält.

Analysten von Shuaa Capital gehen davon aus, dass der Staat Dubai und einige seiner Partner in diesem Jahr acht Milliarden Dollar aufgenommen haben – zum Teil, um damit alte Kredite umzuschulden. Die Mittelaufnahme sei ein "Signal, dass der Anleihemarkt für das Emirat wieder geöffnet" sei. Aus Sicht der Analysten zeigt der Schritt, "das Wiederaufleben einer bedeutenden Quelle, mit der die Entwicklung der Projekte finanziert werden kann".

Örtliche Banken im Fokus

Da sich einige Banken aus Europa aus dem Geschäft mit Anleihen und Krediten in der Region zurückziehen, werden einmal mehr örtliche Banken wie Emirates NBC oder die Dubai Islamic Bank im Fokus stehen, die nach Jahren magerer oder sogar negativer Ergebnisse wegen hoher Abschreibungen auf faule Kredite erpicht darauf sind, über eine stärkere Kreditvergabe wieder zu wachsen.

Die Sorge ist, dass schon wieder eine neue Kreditblase entsteht. "Wir müssen sehr vorsichtig sein, dass wir nicht zu gierig werden und unsere Erfahrungen vergessen", sagt Abdulaziz Al Ghurair, Vorsitzender der Mashreqbank in Dubai und der Bankenvereinigung des Emirats. Er fordert eine stärkere Selbstregulierung der Branche, um eine Wiederholung der Fehler der Vergangenheit zu verhindern.

"Andernfalls werden wir ein massives Wachstum und einen ebenso massiven Abschwung erleben. Wir wollen aber kein Zickzack-Wachstum unserer Wirtschaft", sagt Al Ghurair. Einige lokale Banken hätten in der Vergangenheit Hypotheken angeboten, die 100 Prozent des Preises einer Immobilie abdeckten. Und es gebe Anzeichen, dass diese riskante Praxis nun wieder auflebe.

Optimistischer sind Analysten beim Immobilienberater Jones Lang Lasalle Middle East und North Africa. Ihrer Meinung nach bietet der Grad verfügbarer Finanzierungen einen "natürlichen Anker, der der Anzahl und dem Zeitplan der angekündigten Projekte Grenzen setzt".

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