• The Wall Street Journal

Germanwings fliegt für Lufthansa mit Business-Klasse light

    Von KIRSTEN BIENK

Billigflieger mit Luxus-light, das ist in Kürze das Konzept, nach dem die Lufthansa künftig einen großen Teil ihrer innereuropäischen Flüge organisieren will. Ab Juli nächsten Jahres übernimmt die Billigtochter Germanwings Strecken, die bisher die Lufthansa bedient hatte. Das Vorhaben – angekündigt im September, um Kosten zu sparen – bekommt nun langsam Konturen.

Damit Geschäftsreisende nicht verprellt werden, die bisher den Service von Lufthansa gewohnt sind, demnächst aber auf Germanwings umsteigen müssen, soll es drei verschiedene Tarife geben - mit entsprechend abgestufter Leistung. Die vielgeschätzte Business-Klasse wird Germanwings aber nicht bieten. Ob der Plan aufgeht, ist ungewiss - Mitarbeiter und Kunden sind skeptisch.

Die Lufthansa steht seit Monaten unter einem extremen Kostendruck, Billigflieger wie Easyjet machen ihr zunehmend Konkurrenz. Bis 2015 will die Lufthansa-Führung das teure und wettbewerbsintensive Europageschäft wieder profitabel machen. Kurz- und Mittelstreckenflüge abseits der Drehkreuze Frankfurt und München werden günstiger und nur noch von dem Billigflieger Germanwings angeboten.

dapd

Lufthansa light: Der konzerneigene Billigflieger wird ab Mitte 2012 Teile des Streckennetzes von Lufthansa Passage übernehmen und wird dazu deutlich aufgewertet. Germanwings-Chef Thomas Winkelmann und Lufthansa-Konzernchef Christoph Franz stellten das Konzept am Donnerstag vor.

Das Angebot im Detail

Als „Low-Cost-Flieger 3.0" soll die Lufthansa-Tochter Germanwings ab Mitte nächsten Jahres Billigfliegern wie Ryanair und Easyjet Konkurrenz machen. Die „neue Germanwings" bekommt dazu ein neues Logo und soll unter dem Motto „Günstig, aber nicht billig" alle Europaverbindungen der Lufthansa übernehmen, die außerhalb der Drehkreuze Frankfurt und München stattfinden.

Germanwings-Chef Thomas Winkelmann muss im gleichen Flugzeug sowohl die Ansprüche von Geschäftsreisenden als auch die von Schnäppchenpreis-Jägern erfüllen. Das sei fast die „Quadratur des Kreises", räumte er ein. Mit dem Billigtarif Basic soll auch künftig bei Germanwings ab 33 Euro geflogen werden können.

Die hauptsächlich für Geschäftsreisende gedachte Kategorie Best kann dagegen bis zu 399 Euro pro Flug kosten. Dafür gibt es etliche Annehmlichkeiten wie den Zugang zu Lufthansa-Lounges und einen Priority-Check-in an den Warteschlangen vorbei und mehr Platz im Flugzeug. Dazwischen liegt das Angebot Smart, das mit 23 Kilogramm Freigepäck und kostenlosen Snacks dem klassischen Economy-Tarif entspricht.

Umstellen will die Lufthansa ihre Europaverbindungen auf die Marke Germanwings schrittweise. Ende 2015 soll die Lufthansa-Tochter mit 90 Maschinen jährlich rund 20 Millionen Passagiere zu 110 verschiedenen Zielen transportieren.

Durch die Umstellung will der Konzern die Kosten um gut 20 Prozent senken und bis 2015 sein Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. Das klappt aber nur, wenn das günstige Kostenniveau bei Germanwings bleibt. Vorstandschef Christoph Franz appellierte mit Verweis auf die laufenden Tarifverhandlungen an die Beschäftigten, einen Beitrag dafür zu leisten, dass die Strecken im Lufthansa-Netz erhalten werden könnten. dapd

Mit der neuen Germanwings will die Lufthansa den Beweis antreten, dass sie einerseits genauso günstig fliegen kann wie die anderen Discounter in der Luft, dass sie andererseits aber auch in der Lage ist, die Bedürfnisse von Vielfliegern zu erfüllen. Den Spagat zwischen den Zielgruppen will Germanwings mit den Tarifen Basic, Smart und Best schaffen.

Zum Tarif Basic gibt es den reinen Flug auf Sitzplätzen ab Reihe 11. Smart ist der neue Standardtarif mit Sitzplätzen in den vorderen Reihen, einem Snack und einem Getränk.

Mit Best will die Lufthansa vor allem die Geschäftsreisenden ansprechen, der Tarif ist quasi eine Business-Klasse light. Für einen bisher ungenannten Aufpreis spendiert Germanwings in den ersten drei Reihen mehr Beinfreiheit als im Rest des Flugzeugs. Best-Passagiere bekommen Zugang zu den Lufthansa-Lounges an den Flughäfen und höhere Meilengutschriften, können bevorzugt einchecken und – falls nötig - flexibel umbuchen oder stornieren.

Ob das ausreicht, um die Lufthansa-Passagiere in der Businessklasse zufriedenzustellen, ist fraglich. Die gewohnte Ruhe und besondere Aufmerksamkeit der Stewardessen in den ersten Reihen dürften einer allgemeinen Freizeitstimmung an Bord weichen.

Vielflieger reagierten deshalb skeptisch: „Ich erkenne in dem Konzept noch keine Vorteile", sagte etwa Tobias Eggendorfer dem Wall Street Journal. Für den Hamburger IT-Experten kommt es bei der Wahl der Fluggesellschaft vor allem auf Zeit und Service an. Wie lange dauert der Eincheckvorgang, wie viel Zeit vergeht beim Umsteigen, was wird im Flugzeug und am Boden geboten?

Eggendorfer fürchtet, dass die Lufthansa ihm mit dem neuen Billigkonzept nicht mehr gerecht wird. Wenn Germanwings und Lufthansa nicht auf allen Flughäfen die gleichen Terminals nutzen, dann verliere er Zeit.

Ähnlich äußert sich auch der Verband der Geschäftsreisenden (VDR). Damit Germanwings für Vielflieger akzeptabel werde, müsse sie die internen Buchungs- und Abrechnungsprozesse der Firmenkunden unterstützen und vergleichbare Vorteile wie die Lufthansa bieten. Außerdem müsse Germanwings Anschlüsse an internationale Lufthansa-Flüge gewährleisten, sagte VDR-Präsident Dirk Gerdom.

Aus Sicht der Lufthansa sind alle genannten Befürchtungen unbegründet. Germanwings werde die Anschlüsse garantieren, auch das Abrechnungssystem werde kompatibel sein. Lufthansa-Vorstand Carsten Spohr sagt der neuen Germanwings „große Beliebtheit auch bei den Fluggästen der Lufthansa" voraus.

Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt kann dem Germanwings-Konzept in einer ersten Enschätzung positive Aspekte abgewinnen: Reisende bekämen für einen guten Preis einen guten Service, sagte er.

Die Befürchtung, dass Geschäftsreisende abgeschreckt würden, teilt er nicht: Auch Vielflieger gäben nicht mehr unbedingt sehr viel Geld für ein paar Extras aus. Das zeige der großen Erfolg der Billigairline Easyjet, mit der viele Geschäftsreisenden fliegen. Immer weniger Kunden buchen nach den Worten von Großbongardt Business Class.

Aus seiner Sicht am spannendsten ist das Experiment der konzerninternen Billigfluglinie. Das gebe es in Europa und den USA sonst nirgends.

Kontakt zum Autor: kirsten.bienk@dowjones.com

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