• The Wall Street Journal

In Indien ist die Gummi-Blase geplatzt

    Von BIMAN MUKHERJI

Pukhraj Parihar, ein 50-jähriger Bauer aus dem indischen Bundesstaat Rajasthan, hat alles auf eine Karte gesetzt. Wie viele andere Bauern auch hat er auf seinen Hirse-, Linsen- und Karottenfeldern Platz für Guarbohnen gemacht, als sich der Preis für Guaran aufgrund der Nachfrage von amerikanischen Gasbohrfirmen auf dem indischen Markt in acht Monaten versechsfachte. Doch diese Blase ist gerade geplatzt.

85 Prozent der Weltproduktion an Guaran kommt aus Indien. Dank der boomenden Nachfrage nach dem Rohstoff konnten viele arme Bauern ihren Lebensstandard heben und zum Beispiel von Lehmhütten in Steinhäuser umziehen. Parihar, der sieben Dollar am Tag verdient, beantragte zu dieser optimistischen Zeit zum ersten Mal im Leben einen Kredit.

Biman Mukherji/The Wall Street Journal

Ein Arbeiter trägt einen Beutel Guarbohnen auf den Gemüsemarkt in Jodhpur - der Preis für die Bohnen ist verfallen.

Doch der Preis für Guaran ist gerade auf 7000 Dollar pro Tonne gefallen, nach einem Höhepunkt von 27.000 Dollar im Mai. „Ich hoffe nur, dass die Preise wieder steigen", sagt Parihar, „sonst bin ich ruiniert."

Aus den Guarbohnen wird Guargummi hergestellt, das Indien in die ganze Welt exportiert. Ölförderer verdicken mit dem Stoff Wasser, geben Sand zu dem Gemisch hinzu und pumpen es in Spalten im Schiefergestein, um an die Gasreserven zu kommen. Der Prozess ist als Fracking bekannt.

In der Nahrungsmittelindustrie wird mit Guaran zum Beispiel Eiscreme und Zahnpasta verdickt. Die indischen Produzenten des Rohstoffs schätzen, dass global etwa 900.000 Tonnen davon produziert werden. Die Exporterlöse summieren sich auf etwa sieben Milliarden Dollar.

Doch die Preisentwicklung von Guaran entspricht einer klassischen Blase. Amerikanische Ölfirmen befürchteten, dass eine Trockenperiode in Indien der Guaranproduktion schaden könnte, und fingen an, das Gummi zu horten. US-Firmen kaufen den Stoff direkt von den indischen Produzenten oder von Rohstoffhandelsfirmen wie Connell Bros.

Biman Mukherji/The Wall Street Journal

Wenig wert: Ein Bauer untersucht seine Guarpflanze.

Indische Rohstoffspekulanten trieben die Preise für Guarbohnen und Guargummi gleichzeitig am heimischen Terminmarkt nach oben. Im März setzte die Börsenaufsicht den Terminhandel mit Guaran aus, als die Preise in den Himmel schossen. Das löste bei den Anlegern den Verdacht der Marktmanipulation aus.

Diese Handelssperre und die Verspätung der Monsunregen in Indien haben zu einem Verfall der Guaranpreise geführt. Die aktuelle Ernte, die gerade eingebracht wird, dürfte doppelt so hoch ausfallen wie im vergangenen Jahr.

Der US-Konzern Halliburton, der der Ölindustrie zuarbeitet, hat laut Firmenchef David Lesser im zweiten Quartal zu viel Guargummi zu überhöhten Preisen gekauft. Das habe auch den Margen des Unternehmens geschadet, sagt er.

Ein Rückgang der globalen Ölpreise hat den Guaranpreisen ebenfalls nicht gut getan. Die US-Erdgasproduktion ist in den vergangenen fünf Jahren um ein Drittel gestiegen. Doch seit die Ölpreise fallen, sinkt die Nachfrage nach Erdgas, und Förderfirmen sind seltener bereit, die hohen Kosten für Schiefergasbohrungen zu tragen.

Die Zukunft von Guaran ist unsicher

Die Zukunft von Guaran – dessen Name von dem indischen Wort für Kuhfutter abstammt – ist derzeit unsicher. Rajasthan ist durch sein semiarides Klima einer der ärmsten Staaten Indiens, aber auch der perfekte Ort, um Guarbohnen anzupflanzen. Pakistan, einige afrikanische Länder und die USA bauen ebenfalls kleine Mengen der Bohne an.

Normalerweise verkauft Indien 60 Prozent seiner Guargummi-Exporte an die Ölindustrie und 40 Prozent an die Nahrungsmittelindustrie. Dieses Jahr hat letztere aufgrund der hohen Preise jedoch nur 20 Prozent des Angebots von 625.000 Tonnen aufgekauft.

Der US-Chemiekonzern DuPont zum Beispiel suchte stattdessen nach billigeren Alternativen wie Johannisbrot, das vor allem in der Mittelmeerregion angebaut wird. Eine Sprecherin von DuPont sagte, der Guaranmarkt sei nach wie vor volatil, wodurch die Kunden trotz der jetzt niedrigeren Preise noch warteten, bis sie wieder auf Guaran umstellen.

Halliburton und die Ölfeldservice-Firma Schlumberger haben dieses Jahr außerdem zum ersten Mal Ersatzstoffe auf Polymer-Basis benutzt, die Guargummi eines Tages ersetzen könnten. Laut Michael Mbogoro, Analyst bei Frost & Sullivan, dürften US-Ölfirmen stärker solche alternativen Stoffe nutzen, falls die Guaranpreise wieder steigen sollten. Wenn Ölfirmen ihre Reserven an Guargummi aufgebraucht haben, dürften sich die Preise wieder erholen, glaubt er. Eine Sprecherin von Halliburton sagt, das Unternehmen dürfte seine Reserven bis zum Ende des Jahres abgebaut haben.

Doch in Rajasthan können die Bauern oft mit dem Verkauf ihrer Bohnen nicht warten, bis die Preise wieder gestiegen sind. Die meisten Bauern verkaufen ihre Ernte an Zwischenhändler, die die Bohnen dann am Großmarkt an die Guargummihersteller weiterverkaufen.

Einige Bauern stellten auf Guarananbau um, nachdem Indiens größter Guaranverarbeiter Vikas WSP kostenloses Saatgut an sie verteilte und ihnen versprach, dass die Firma ihnen ihre Ernte direkt abkaufen würde.

Der Vorsitzende des Unternehmens, B. D. Aggarwal, sagt, er habe den Bauern geraten, nur einen Teil ihrer Ernte zu verkaufen und auf höhere Preise zu warten. Vikas will bei der Regierung durchsetzen, dass die Handelssperre auf Guarbohnen aufgehoben wird, da die Bauern Preissicherheit bräuchten.

Viele der Bauern müssen jedoch ihre Kredite und die hohen Zinsen bezahlen und werden ihre Ernte bald verkaufen müssen, egal wie die Preise bis dahin aussehen.

Ramsarup Daga, ein 60-jähriger Bauer, sagt, er hätte mehr Hirse anbauen sollen, aus dem die Inder Brot backen. „Ich wünschte, ich hätte mehr Hirse anstatt Guarbohnen angebaut. Aber ich bin in diese Falle gegangen, so wie alle anderen", sagt er.

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