• The Wall Street Journal

Der Riesenvorteil der US-Industrie

    Von JAMES R. HAGERTY
[image] Daniel Acker for The Wall Street Journal

Bei Flugzeugen und schwerer Ausrüstung sind die USA immer noch vorne. Auf dem Bild: Arbeiter in der Komatsu-Fabrik in Peoria, Illinois, bauen an einem Minenwagen.

Die amerikanische Regierung hat ein großes Ziel: einen Teil der Fabrikproduktion aus Billiglohnländern wieder zurück in die USA zu holen. Doch es gibt einen Bereich, wo die Produktion nie abgewandert ist. Die USA sind nach wie vor Weltmarktführer bei der Produktion von riesigen Bergbaumaschinen.

Mitte der Dreißigerjahre suchte sich der Erfinder Robert LeTourneau ein Grundstück nordöstlich der Stadt Peoria im Bundesstaat Illinois aus, um dort Bagger und ähnliche Maschinen zu bauen. Qualifizierte Arbeitskräfte gab es genug, und die Verkehrsanbindung war gut.

Fast 80 Jahre später ist die Firma, die heute zu dem japanischen Unternehmen Komatsu gehört, immer noch dort, und das, obwohl die meisten der dort hergestellten Bergbaumaschinen nach Lateinamerika, Australien, Asien und Afrika geliefert werden.

Etwa 130 Kilometer südlich von Peoria, in der Stadt Decatur im Bundesstaat Illinois, stellt der Wettbewerber Caterpillar ebenfalls riesige Bergbaumaschinen her, und auch diese werden zum Großteil exportiert. Caterpillar und Komatsu, die beiden größten Unternehmen in diesem Markt, stellen zusammen etwa 85 Prozent der globalen Produktion solcher Maschinen her, die etwa so groß wie ein zweistöckiges Haus sind.

Daniel Acker for The Wall Street Journal

Die Fabrik von Komatsu in Illinois.

In einer Produktionshalle von Komatsu, die etwa so groß ist wie sieben Fußballfelder, schweißen Arbeiter den 30 Tonnen schweren Rahmen eines Bergbaulasters zusammen. Sie planen ihre Arbeit so, dass sie einander nicht mit Funken besprühen. „Es ist fast wie ein Ballett", sagt Jim Mathis, Produktionsleiter in der Fabrik. Einige der Angestellten arbeiten hier schon in der zweiten oder dritten Generation.

In den ersten neun Monaten des Jahres summierte sich das Handelsdefizit der USA mit Industriegütern auf 509,7 Milliarden Dollar, vor allem, da die überwältigende Mehrheit der hier verkauften Unterhaltungselektronik und Bekleidung im Ausland hergestellt wird.

Doch in einigen Schlüsselbereichen – vor allem bei Industriemotoren, Baggern sowie Schienen-, Luftfahrt- und Bergbauprodukten – exportieren die USA weit mehr als sie importieren. In diesen Branchen wird meist eine kleine Anzahl sehr teurer Produkte und Maschinen hergestellt, für die besondere Technologien und qualifizierte Arbeitskräfte nötig sind.

„Wir haben eine starke und sehr innovative Armee", sagt Cliff Waldman, leitender Ökonom beim Forschungsverband Manufacturers Alliance for Productivity and Innovation in Arlington im Bundesstaat Virginia. Das stärkt die Infrastruktur der Industrie und fördert Innovationen in Bereichen wie Metallurgie und Motoren. Dass die USA dadurch einen Handelsbilanzüberschuss erzielen können, glaubt Waldman nicht. „Aber wir können besser werden", sagt er.

„Wir müssen unsere Fähigkeiten erweitern", sagt Gary Pisano, Professor an der Harvard Business School und Autor zum Thema weltweite Wettbewerbsfähigkeit. Das ist seiner Ansicht nach mit einer besseren Ausbildung für Ingenieure und Maschinenbauer, langfristigen Investitionszielen und staatlicher Unterstützung für die Materialforschung, Nano- und Biotechnologie zu erreichen.

Industriekonzerne profitieren von einer hohen Konzentration an Zulieferern und Arbeitskräften mit besonderen Qualifikationen. Diese Voraussetzungen machen Taiwan zu einem Marktführer bei Halbleitern und China bei Smartphones und anderer Unterhaltungselektronik. In Illinois sind die idealen Voraussetzungen für Maschinenbauer wie Caterpillar und Deere zu finden.

Diese konzentrierte Expertise hat auch Komatsu angezogen. Die Fabrik in Peoria gehörte nach dem Erfinder LeTourneau zuerst Westinghouse Electric, dann Dresser Industries, bis sie vor zwei Jahrzehnten an Komatsu verkauft wurde. In Japan stellt das Unternehmen kleinere Bergbaulaster her, doch die größten Maschinen, die bis zu 360 Tonnen Erz transportieren können, werden in Peoria hergestellt.

Dieses Umfeld in Illinois hat sich über Jahrzehnte entwickelt. „Es ist nicht so leicht, das einzupacken und woanders aufzubauen", sagt Rod Schrader, CEO von Komatsu in den USA. Die globale Nachfrage nach großen Bergbaulastern ist nicht groß genug, um mehr als eine Fabrik zu unterhalten.

Der weltweite Markt für Bergbaulaster, die mehr als 200 Tonnen tragen können, dürfte in diesem Jahr auf jährlich 1900 bis 2000 Stück steigen. 2011 wurden davon noch 1591 hergestellt, sagt Peter Gilewicz, Managing Director von Parker Bay, einer Marktforschungsfirma für die Bergbaubranche. Die Laster kosten meist zwischen 2,5 und sechs Millionen Dollar, berichten Unternehmensvertreter.

Mehr als 90 Prozent davon werden in Nordamerika in Fabriken von Caterpillar, Komatsu, Hitachi Construction Machinery und der Schweizer Firma Liebherr hergestellt. Hitachi will seine Produktionskapazitäten in Guelph im kanadischen Ontario mehr als verdoppeln und dafür 33 Millionen kanadische Dollar investieren. Liebherr produziert in der Stadt Newport News im Bundesstaat Virginia.

Komatsu hat seine Fabrikflächen in Peoria in den vergangenen zwei Jahren um sieben Prozent auf 71.000 Quadratmeter ausgeweitet. Eines der drei Fabrikgebäude stammt noch aus dem Jahr 1935, und auch die Ausstattung der Fabrik ist nicht gerade auf dem neusten Stand: Es gibt dort etwa 575 Fabrikarbeiter und keine Roboter.

Vor einigen Jahren hat Komatsu mit Schweißrobotern experimentiert, doch die Qualität sei nicht so gut wie gewünscht gewesen, sagt Schrader. Das Unternehmen ziehe weiterhin andere Möglichkeiten der Automatisierung in Erwägung.

In der Bingham-Canyon-Kupfermine des Bergbauriesen Rio Tinto nahe Salt Lake City tun 89 Laster von Komatsu ihren Dienst. Weil die Laster so groß sind, werden sie in Peoria nur zum Teil zusammengebaut, zur Mine transportiert und dort fertiggestellt.

Die Zulieferer von Komatsu sind über den Globus verstreut: Die Dieselmotoren kommen aus einer Fabrik der amerikanischen Firma Cummins im britischen Daventry. Ein Teil der Elektronik kommt aus Asien, während einige Stahlbauteile in Brasilien hergestellt werden. Trotzdem bestehe der am häufigsten verkaufte Laster von Komatsu zu 70 Prozent aus Teilen, die in den USA hergestellt werden.

—Mitarbeit: John W. Miller

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