• The Wall Street Journal

Innovationen werden uns nicht retten

Mehr als ein Jahrhundert lang ist die US-Wirtschaft dank Innovationen stabil gewachsen. Diese Zeiten sind vorbei.

    Von ROBERT J. GORDON
dapd

Die restaurierte Dampflokomotive Sierra No 3 in einem Geschichtspark in Kalifornien. Die Dampfmaschine ermöglichte zahlreiche Innovationen und Wachstum. Verlangsamt sich die Wachstumsmaschine künftig?

Nichts ist wichtiger für das Selbstbewusstsein der USA als der Glaube daran, dass sich das stabile ökonomisches Wachstum ewig fortsetzt. Zwischen 1891 und 2007 erreichte die Nation ein robustes jährliches Wachstum von zwei Prozent. Unglücklicherweise weisen die Indizien darauf hin, dass das künftige wirtschaftliche Wachstum bestenfalls die Hälfte dieser historischen Rate beträgt. Die alte Wachstumsrate erlaubte es den Lebensstandard der Amerikaner alle 35 Jahre zu verdoppeln. Für die Mehrheit der Bevölkerung wird diese Verdopplung künftig ein Jahrhundert oder länger brauchen.

Das Wachstum des vergangenen Jahrhunderts basierte nicht auf vom Himmel gesandtem Manna. Zu großen Teilen war es das Ergebnis beachtlicher Erfindungen zwischen 1875 und 1900. Es begann mit Edisons elektrischer Glühlampe (1879) und dem elektrischen Kraftwerk (1882), wodurch alles vom Aufzug bis hin zu Konsumentengeräten ermöglicht wurde. Karl Benz erfand den ersten funktionierenden Verbrennungsmotor im selben Jahr wie Edison die Glühlampe.

In diesem engen Zeitfenster wurde fließendes Wasser ebenso eingeführt wie die ersten Innentoiletten. Es war das größte historische Ereignis zur Befreiung der Frau, da Frauen zuvor Tonnen von Wasser jedes Jahr zu Fuß transportieren mussten. Das Telefon, der Plattenspieler, derFilm und das Radio erblickten das Licht der Welt. Die Zeitperiode nach dem Zweiten Weltkrieg war ebenfalls durch eine Reihe großartiger Erfindungen geprägt: Fernsehen, Klimaanlagen, Düsenflugzeuge und Autobahnnetze – vieles, was in der Zeit des Zweiten Weltkriegs erfunden wurde, wurde zum Massenphänomen.

Der große Schub, den diese Erfindungen dem Wirtschaftswachstum verliehen, ist schwer zu wiederholen. Die Transportgeschwindigkeit kann nur einmal vom Pferd (10 Kilometer die Stunde) zu einer Boeing 707 (885 km/h) gesteigert werden. Nur einmal können Plumpsklos durch Wassertoiletten ersetzt werden. Nur einmal kann die Raumtemperatur durch Heizung und Klimaanlage das gesamte Jahr über stabil gehalten werden.

Computerrevolution ab den 1970er Jahren

Nachdem der Einfluss der Erfindungen des 19. Jahrhunderts um das Jahr 1970 langsam verblasste, übernahm die Computerrevolution die Aufgabe und erlaubte der Wirtschaft die historische jährliche Wachstumsrate von 2 Prozent fortzusetzen. Computer ersetzten menschliche Arbeit und verbesserten so die Produktivität. Doch ein Großteil dieser Vorteile fanden in der Frühphase der elektronischen Ära statt. In den 1960er Jahren produzierten Großrechner die Bankauszüge und Telefonrechnungen am Fließband und reduzierten so Büroarbeiten. In den 1970er Jahren ersetzten Computerschreibmaschinen mit Speicher ganze Armeen von Büroangestellten, die bis dato die immer wieder gleichen Dinge tippen mussten. In den 1980er Jahren wurden PCs mit automatischem Zeilenumbruch eingeführt, Geldautomaten ersetzten Bankschalterangestellte und Barcode-Scanner Arbeitskräfte im Einzelhandel.

Der Höhepunkt der Hochzeit zwischen Kommunikation und Computer war erreicht, als sich ab den 1990er Jahren das Internet verbreitete. Amazon.com wurde 1994 gegründet, Google 1998 und Wikipedia 2001. Seit 2002 allerdings führten die meiste Computerinnovationen nicht mehr zur fundamentalen Transformationen, sondern zur Miniaturisierung – so wie bei Smartphones, welche die Fähigkeiten von Laptops vor dem Jahre 2002 mit Fähigkeiten von Mobiltelefonen verbinden.

Innovationen entwickeln sich immer noch rasant und viele dieser neuen Innovationen scheinen der These zu widersprechen, nach der die Ära wirklich wichtiger Veränderungen für unseren Lebensstandard hinter uns liegt.

Immer weniger Fortschritt in der Medizin

Skeptiker meiner These verweisen gerne auf die Gesundheitsversorgung. Sie glauben, dass medizinische Forschung, insbesondere die Erforschung des menschlichen Genoms, enorme Fortschritte bei der Behandlung von Krankheiten ermöglichen werden. Doch die neuen Techniken auf diesem Gebiet lösen oft nicht ein, was sie versprechen. Kürzlich stellte beispielsweise eine Studie fest, dass die extrem teure Protonentherapie für Prostatakrebs keine besseren Heilungschancen verspricht als die althergebrachte Bestrahlung.

Die pharmazeutische Forschung scheint in eine Phase verminderter Ergebnisse einzutreten. Neue Medikamente zu entwickeln, wird zunehmend teurer und die Gruppe der möglichen späteren Patienten – überwiegend von seltenen Krebsarten betroffene – wird immer kleiner. Nur wenige der medizinischen Optimisten beachten eine historische Tatsache: Die Verbesserung der Lebenserwartung war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts drei Mal so hoch wie in der zweiten.

Die Fracking-Revolution und die steigende Förderung von Öl und Gas begeistert Wachstumsoptimisten ebenfalls. Doch Fracking ist nicht die Quelle für künftiges Wachstums – es hält höchstens den ökonomischen Niedergang auf. Im vergangenen Jahrzehnt wurde die Wirtschaft durch einen Ölpreis zwischen 50 und 150 US-Dollar pro Barrel belastet. Diesen Preis im Zaum zu halten ist bereits ein Fortschritt. Doch es ist kein Vergleich zu den 1960er Jahren, als mit dem Werbespruch „Sehen Sie die USA in Ihrem Chevrolet" geworben wurde und Benzin 25 Cent pro Gallone (3,78 Liter) kostete.

Revolution der Produktion durch 3D-Drucker?

Ein anderes Argument der Wachstumsoptimisten ist der Verweis darauf, dass 3D-Drucker und Mikroroboter die Produktion revolutionieren werden. Letztlich ist das eine alte Geschichte, die in dieser oder jener Form immer wieder erzählt wurde, nachdem der erste Industrieroboter 1961 bei General Motors eingeführt wurde. Die durch Automatisierung angetriebene Fertigungsproduktivität war in der gesamten Nachkriegszeit hoch, sogar in den vergangenen fünf Jahren. Doch der Anteil der Industrie an der gesamten US-Wirtschaft ist unaufhaltsam geschrumpft: Von 28 Prozent im Jahre 1953 auf 11 Prozent im Jahre 2010. Es ist also, als ob dieser Sektor der Wirtschaft eine fabelhafte Performance abliefert – aber auf einer schrumpfenden Bühne.

Kann das Wirtschaftswachstum durch Googles selbstfahrenden Auto gerettet werden? So bizarr dieses Argument klingt – es wird nicht nur von Googles Aufsichtsratschef Eric Schmidt vertreten, sondern auch von Erik Brynjolfsson vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). Die Leute nutzen Autos, um zu einem bestimmten Ort zu kommen – sei es die Arbeit oder ein Kaufhaus. Sobald sie einmal im Auto sitzen macht es aber keinen großen Unterschied, ob sie selbst fahren oder das Auto fahren lassen. Größere Sicherheit? Verkehrsunfälle auf die gefahrenen Kilometer gerechnet sind bereits seit 1950 um den Faktor 10 gesunken.

Da ich mich für Pessimismus ausspreche, wurde mir von einigen mangelnde Vorstellungskraft vorgeworfen. Innovationen führen immer auch neue Methoden des Wachstums ein und die Geschichte ist voll von Zweiflern, welche künftige Verbesserungen in Frage stellen. Doch ich sage kein Ende der Innovationen voraus, sondern eine sinkende Nützlichkeit künftiger Erfindungen im Vergleich zu den großartigen Erfindungen der Vergangenheit.

Doch selbst wenn wir annehmen, dass künftige Innovationen eine Fülle von Wundern jenseits all meiner Vorstellungen vollbringen, erwartet die Wirtschaft heftig Gegenwind. Die Pensionierung der Baby-Boomer-Generation und der fortgesetzte Wegfall von Männern in den besten Jahren vom Arbeitsmarkt, der manchmal „Missing Fith" gennant wird, reduzieren die pro Kopf geleisteten Arbeitsstunden. Die Leistung des amerikanischen Bildungssystem fällt im internationalen Vergleich immer stärker zurück. Die Gründe dafür: Der Universitätsbesuch wird immer teurer, die Studenten des Landes haben schon eine Billion Dollar Schulden aufgehäuft, große Teil der Bevölkerung brechen die High School ab und schneiden bei Tests miserabel ab.

Auch die Ungleichheit nimmt zu

Auch die Ungleichheit in den USA wird zunehmen – angetrieben durch schlechten Bildungserfolg bei den unteren Schichten und den Belohnungen der Globalisierung für die Elite, da die amerikanischen CEOs die Früchte der multinationalen Absatzmärkte in den Schwellenländern ernten. Von 1993 bis 2008 war das Einkommenswachstum der unteren 99 Prozent der Bevölkerung 0,5 Prozentpunkte langsamer als das Wachstum der Gesamtwirtschaft. Sollte das Wirtschaftswachstum, so wie ich es erwarte, künftig nur noch 1 Prozent pro Jahr betragen, würde das bedeuten, dass für 99 Prozent der Bevölkerung ihr Einkommen nur noch um 0,5 Prozent pro Jahr wächst.

Die Zukunft des Wirtschaftswachstums in den USA sieht düster aus und politische Lösungen dafür sind trügerisch. Skeptiker müssen bessere Gegenbeweise finden.

Robert J. Gordon ist Professor für Sozialwissenschaften an der Northwestern University. Sein kommendes Buch trägt den Titel: „Beyond the Rainbow: The American Standard of Living Since the Civil War".

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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