• The Wall Street Journal

Die deutsche Wirtschaft steckt im Stimmungstief

    Von ANDREAS KISSLER

BERLIN – Die anhaltende Euro- und Staatsschuldenkrise führt bei vielen Unternehmen in Deutschland zunehmend zu Verunsicherung. Das ist das Ergebnis der jüngsten Verbandsumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

Darin gab die Hälfte der befragten Wirtschaftsverbände an, die Stimmung in ihren Mitgliedsunternehmen sei derzeit schlechter als noch zum vergangenen Jahreswechsel. „Zum ersten Mal seit Beginn der globalen Finanzkrise 2008/2009 berichtet kein einziger Wirtschaftsverband von einer Verbesserung der Stimmungslage", konstatierten die Kölner Wirtschaftsforscher.

Ronald Wittek/dapd

Die deutschen Maschinenbauer gehören zu der Branche, die noch am optimistischsten auf 2013 blicken.

Das bedeute aber für die zukünftigen Geschäfte keineswegs, „dass die Wirtschaft beim Blick auf 2013 mehrheitlich den Daumen senkt", erklärte das arbeitgebernahe Institut. Denn nur 11 von 46 Verbänden erwarteten schlechtere Geschäfte als 2012, und 20 Verbände gingen davon aus, dass ihre Unternehmen die Produktion oder den Umsatz leicht steigern könnten.

Das Institut gab der Politik die Hauptschuld für die schlechte Stimmung bei den Unternehmen. „Die beachtliche Differenz zwischen Stimmung und Lage macht deutlich, wie leicht die Politik durch unbedachtes Reden und Handeln Vertrauen verspielt, und wie schwer es ist, dies zu korrigieren", sagte IW-Direktor Michael Hüther.

Die Stimmungslage der Wirtschaft ist aber auch ein Echo auf die jüngsten Konjunkturerwartungen von Wirtschaftsforschern. Erst am vergangenen Freitag prognostizierte das Bundesfinanzministerium für das Winterhalbjahr eine „Konjunkturdelle" und gab damit Erwartungen neue Nahrung, dass die Regierung ihre Wachstumsprognose bald deutlich senken könnte. Die Regierung erwartet für 2013 offiziell noch ein Prozent Wachstum. Das Wirtschaftsministerium hat aber bereits erklärt, bei der nächsten Prognose Mitte Januar könnte es „einen Revisionsbedarf nach unten geben".

Andere Ökonomen haben ihre Vorhersagen für das kommende Jahr längst heruntergeschraubt. So sieht das Kieler Institut für Weltwirtschaft eine „ausgeprägte Konjunkturschwäche" in Deutschland und nur noch 0,3 Prozent Wachstum im Jahr 2013.

Laut der IW-Umfrage zählen Schwergewichte wie der Maschinenbau und die Chemische Industrie aber noch zu den „hoffnungsfroheren" Branchen, während der Finanzsektor eher skeptisch nach vorne schaut. Insgesamt positiv ist das Bild auch bei den Investitionen: 28 Verbände gingen von gleich hohen Zahlen wie 2012 aus; neun prognostizieren sogar steigende Investitionen.

Sorgen bereitet den Ökonomen dagegen der Blick auf das Thema Arbeitsplätze. Vor allem bei der Beschäftigung zeige sich, dass die Euro-Schuldenkrise „mehr ist als nur ein kurzzeitiger Stimmungskiller", stellten sie fest. Zwar erwarteten 29 Verbände keine Veränderung, aber elf rechneten mit weniger Jobs in ihrem Wirtschaftszweig. Dazu gehören Bergbau, Druckindustrie, Energie- und Wasserwirtschaft, Banken und Entsorgungswirtschaft.

Kontakt zum Autor: andreas.kissler@dowjones.com

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