• The Wall Street Journal

Libor-Fahnder hoffen auf weitere Pakte

    Von DAVID ENRICH und JEAN EAGLESHAM

Im weltweiten Skandal um manipulierte Bankenzinsen hoffen die Ermittler, noch in diesem Sommer Verfahren gegen drei europäische Banken beilegen zu können. Das berichtet eine Person, die mit der Untersuchung vertraut ist.

dapd

Londoner Bankenviertel Canara Wharf: Mit drei weiteren europäischen Banken wollen sich die Libor-Fahnder bis zum Ende des Sommers einigen und die Manipulationsvorwürfe dann fallenlassen.

Mehr als ein Dutzend Finanzkonzerne rund um den Globus stehen noch auf der Liste der Fahnder. Mit der holländischen Rabobank Groep, der britischen Bankengruppe Lloyds und dem Börsenbroker ICAP wollen sich die Behörden aber nun zügig einigen, sagt unterrichtete Person.

Zuvor hatte es Gerüchte gegeben, dass sich als nächstes sicher die Deutsche Bank mit den Ermittlern wegen der Manipulationsvorwürfe einigen würde. Das erscheint nun fraglich, und einige Aufseher führen diese Verzögerung auf die deutsche Bankenaufsicht Bafin zurück, die inzwischen ebenfalls an der Untersuchung teilnimmt. Ein Sprecher der Bafin teilte mit, dass die Behörde ihre Ermittlungen zum Zinsskandal noch nicht abgeschlossen hätte.

Größtes Betrugsverfahren in der Geschichte

Der Skandal hat eines der größten Betrugsermittlungsverfahren der Geschichte ausgelöst. Dabei geht es um den Londoner Interbankenzins Libor und ähnliche Leitzinsen, die von Banken täglich auf Basis von Schätzwerten festgelegt werden. Nach Aussage der Ermittler gab es weitreichende Versuche, diese Zinssätze bewusst nach oben oder unten zu drücken.

Vorwürfe gegen die britische Barclays Bank, die Royal Bank of Scotland und die schweizerische Bank UBS haben die Fahnder bereits gegen Strafzahlung von insgesamt rund 2,5 Milliarden US-Dollar fallengelassen. Alle drei Kreditinstitute haben zugegeben, dass Mitarbeiter die Zinsen zu manipulieren versucht hatten.

Allein die Barclays Bank willigte im vergangenen Sommer ein, rund 450 Millionen Dollar Strafe zu zahlen, damit die Behörden ihre Ermittlungen wegen versuchtem Zinspfusch einstellen. Die Aufseher dringen darauf, auch noch andere Finanzkonzerne zu bestrafen. Der Vorsitzende der amerikanischen Regulierungsbehörde CFTC, Gary Gensler, sagte jüngst auf einer Konferenz, die Aufseher hätten herausgefunden, „dass der Libor bereitwillig und tiefgreifend manipuliert worden sei".

Lloyds und ICAP haben noch keine offiziellen Schlichtungsgespräche mit den Aufsehern begonnen. In der Vergangenheit aber nahmen beide Seiten die formalen Schlichtungsverhandlungen in der Regel etwa einen Monat vor der offiziellen Einigung auf. Die Erfahrung zeigt: Wenn sich eine Bank gegen die von den Ermittlern vorgeschlagenen Strafen wehrt, können sich solche Abkommen auch erheblich verzögern. Noch ist deshalb nicht klar, ob sich die Hoffnungen der Behörden erfüllen werden.

Am Dienstag sagte die Rabobank in einer Erklärung, dass sie sich vermutlich mit den Ermittlern einigen werde, aber Zeitpunkt und Einzelheiten noch unbekannt seien. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hatte am Dienstag berichtet, dass Rabobank mit einem Behördendeal rechnet.

Händler der Rabobank, eine landwirtschaftliche Kooperative, stehen im Verdacht, den Libor und sein europäisches Pendant Euribor manipuliert zu haben, um ihre eigenen Handelspositionen zu verbessern. Das sagen Personen, die mit der Untersuchung vertraut sind.

Was die Behörden im Detail der Bankengruppe Lloyds vorwerfen, ist nicht bekannt. Die britische Regierung hat Lloyds nach einer Beinahepleite zum Teil aufgekauft, und eine britische Sonderuntersuchung zur Rolle von Lloyds im Libor-Skandal habe wenig Beweise für kriminelle Handlungen zutage gefördert, heißt es aus gut unterrichteten Kreisen.

Im vergangenen Jahr hatte Lloyds zwei Mitarbeiter vom Dienst suspendiert, aber einen davon später weiterbeschäftigt, berichtet eine Person, die mit den Vorgängen vertraut ist.

Längst geht es auch um Zwischenhändler der Banken

Die Tatsache, dass auch ICAP im Visier der Fahnder steht, zeigt die Reichweite der Ermittlungen. Diese beziehen sich längst nicht mehr nur auf reine Banken, sondern mittlerweile auch auf sogenannte Interdealer Broker – Zwischenhändler der Banken am Finanzmarkt.

ICAP hat bestätigt, dass die US-Finanzaufsicht FSA gegen das Unternehmen ermittelt. Aus dem Umfeld der Untersuchungen heißt es aber, dass auch das Justizministerium und die Aufseher von der CFTC Nachforschungen gegen ICAP anstellen. Der Broker selbst hat vier Mitarbeiter suspendiert oder beurlaubt.

Auch die Deutsche Bank hat schon Konsequenzen aus dem Skandal gezogen und im Jahr 2011 zwei Händler gefeuert sowie Anfang dieses Jahres fünf weitere vom Dienst suspendiert. Nach Angaben der Bank war niemand aus der Führungsetage am Zinspfusch beteiligt.

Einige nicht-amerikanische Banken sehen sich von den US-Behörden besonders scharf attackiert, weil sie vor den ebenfalls verdächtigten US-Banken Citigroup, Bank of America und J.P. Morgan Chase auf dem Prüfstand stehen. Alle drei amerikanischen Institute wollten keinen Kommentar dazu abgeben.

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