• The Wall Street Journal

Air Berlin tankt 140 Millionen Euro am Markt

    Von KIRSTEN BIËNK

Die finanziell angeschlagene Fluggesellschaft Air Berlin braucht offenbar dringend frisches Geld und hat dazu eine Wandelanleihe am Markt platziert. 140 Millionen Euro werden bis zum Mittag gezeichnet, das sind 20 Millionen mehr als geplant. Analysten glauben, dass die operativ defizitäre Fluggesellschaft damit bis zum Sommer kommt.

Air Berlin steht das Wasser finanziell offenbar bis zum Hals. Ihre leeren Kassen will Deutschlands zweitgrößte Airline jetzt mit einer Wandelanleihe über 120 Millionen Euro auffüllen.

Die Ankündigung am Mittwochmorgen kam überraschend. Noch am vergangenen Freitag waren entsprechende Befürchtungen dementiert worden. Der Kurs der Air-Berlin-Aktie brach zunächst heftig ein, erholte sich dann aber etwas. Am frühen Nachmittag kostet sie 2,29 Euro, 3,5 Prozent weniger als zum Vortagesschluss.

Air Berlin verbrennt offenbar weiter Geld. In den vergangenen Jahren hielt Großaktionär Etihad Airways das zu schnell gewachsene Unternehmen mit immer neuen Finanzspritzen am Leben. Trotz der Millionen von den Scheichs sank das Eigenkapital bis Ende 2012 auf 130 Millionen Euro. Anfang Januar machten die Eigner den Österreicher Wolfgang Prock-Schauer zum neuen Chef.

Air Berlin und sein Mäzen vom Golf

Etihad Airways, die staatliche Fluggesellschaft aus Abu Dhabi, ist seit 14 Monaten größter Anteilseigner bei Air Berlin. Bisher hat das vor allem Petrodollars gekostet. Doch was bringt den Scheichs ihr Engagement?

Air Berlin ist als Zubringer für Etihad sehr wichtig, urteilt der Luftfahrtexperten Heinrich Großbongardt. Um ohne Air Berlin auf dem attraktiven deutschen Markt einen Fuß in die Tür zu bekommen, müsste Etihad zunächst einmal Start- und Landerechte beantragen und dann mit einer eigenen Flotte diverse Ziele in den Flugplan aufnehmen. Das käme nach Einschätzung des Experten wesentlich teurer als die Beteiligung an Deutschlands zweitgrößter Airline.

Dabei ist auch dieses Engagement nicht eben günstig. Bei der Aufstockung ihrer Beteiligung im Dezember 2011 gewährten die Scheichs Air Berlin zusätzlich ein Darlehen von rund 255 Millionen US-Dollar. Außerdem retteten sie die finanziell klamme Gesellschaft, als sie ihr im Dezember die Mehrheit des Vielfliegerprogramms topbonus für stolze 184 Millionen Euro abkauften.

Seit Ende 2011 ist die Fluggesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate mit fast 30 Prozent an Air Berlin beteiligt. Zugleich verpflichtete sie sich, den Löwenanteil dieses Aktienpakets zwei Jahre lang zu halten, nicht zu erhöhen und auch kein Übernahmeangebot für Air Berlin abzugeben.

Als Air Berlin vergangene Woche die Eckdaten für das vergangene Jahr vorlegte, bekräftigte Etihad-Chef James Hogan sein Bekenntnis zum deutschen Partner noch einmal und erklärte: „Unsere strategische Partnerschaft mit Air Berlin ist eine dauerhafte Allianz." Air Berlin hat 2012 nach vier verlustreichen Jahren mit Hilfe des Verkaufs von Tafelsilber und harten Sparmaßnahmen einen kleinen Gewinn erzielt.

Wegen der dünnen Kapitaldecke gab es wiederholt Spekulationen um eine bevorstehende Kapitalmaßnahme; zuletzt vertraten Händler am Freitag die Einschätzung, ohne werde es nicht gehen. Air Berlin dementierte daraufhin: „Wir brauchen kein Geld", sagte ein Firmensprecher.

Zuletzt im Dezember hatte sich Air Berlin frisches Geld in die Kasse geholt: 184,4 Millionen Euro zahlte Etihad für das Vielfliegerprogramm.

Die jetzt platzierte Wandelanleihe auf Air-Berlin-Aktien hat eine Laufzeit von sechs Jahren und wird mit 6 Prozent verzinst. Sie diene der Stärkung des Betriebsvermögens sowie für allgemeine Unternehmenszwecke, wie es einer Pflichtmitteilung heißt. Etihad zeichnete Anleihen für knapp 41 Millionen Euro.

„Air Berlin muss ihr Eigenkapital dringend stärken und auf Dauer profitabel werden", erläuterte ein Analyst die Situation. Das Anleihevolumen sein „kein richtiger Befreiungsschlag", warnte er. Damit komme die Fluggsellschaft aller Voraussicht nach bis zum Sommer.

Optimistischer äußerte sich Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt: „Wenn Air Berlin den harten Sparkurs fortsetzt, dann reicht das Geld auch bis über den Sommer hinaus."

Wie viele andere Fluggesellschaften verdient auch Air Berlin das meiste Geld in der Haupturlaubszeit. In der reisearmen Winterzeit fallen für gewöhnlich hohe Verluste an.

Vergangene Woche hatte die zweitgrößte deutsche Airline nach Jahren roter Zahlen für 2012 endlich einen Gewinn ausgewiesen. Allerdings kam der nur zustande, weil das Management das Vielfliegerprogramm teuer an den Großaktionär verkauft hat.

Die neue Anleihe erhöht die laufenden Finanzierungskosten des Unternehmens weiter. Bislang hat Air Berlin Anleihen im Volumen von 500 Millionen Euro ausstehen. Für drei Schuldtitel mit Fälligkeit zwischen 2014 und 2018 werden jährlich 46,625 Millionen Euro Zinsen fällig.

Weiterhin muss die Fluggesellschaft für ein Etihad-Darlehen über 255 Millionen US-Dollar zahlen, das im Januar 2012 gewährt wurde. Es kostet Air Berlin bei einem Zinssatz von 7,5 Prozent jährlich umgerechnet knapp 14,6 Millionen Euro.

Für Air-Berlin-Boss Prock-Schauer wird es damit immer schwerer, trotz Sparens aus der Krise herauszufliegen. Der Österreicher löste erst kürzlich den früheren Hartmut Mehdorn ab, der Ende 2011 die Partnerschaft mit Etihad Airways eingefädelt hatte. Die Staatsairline aus dem Emirat Abu Dhabi übernahm damals knapp ein Drittel der Air-Berlin-Aktien und will Air Berlin zum Zubringer umbauen.

Kontakt zum Autor: kirsten.bienk@dowjones.com

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Haus der Woche

  • [image]

    Hippe Box aus Licht und Glas in Venice Beach

    Ein Haus aus Licht und Glas, nur einen Steinwurf von dem bunten Treiben auf der Promenade von Venice Beach entfernt, ist unser Haus der Woche. Von der Couch aus blickt man hier direkt in den blauen Himmel über dem Strand bei Los Angeles.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 10. April

    Eine Ostereier-Färbe-Maschine in Nordrhein-Westfalen, frisch gezimmerte Särge in Wien, gewalttätige Polizisten in den USA und Papp-Wahlkandidaten in Indien. Das und mehr sehen Sie in unseren Fotos des Tages.

  • [image]

    Diese Länder sind die Wachstums-Stars

    Die Weltwirtschaft gewinnt weiter an Schwung. Wachstums-Impulse kommen aus den Industrieländern, auch aus Europa. Die höchsten Wachstumsraten sitzen aber woanders. Wir zeigen Ihnen, wo die Wirtschaft am stärksten boomt.

  • [image]

    Wie sich die Nasdaq seit dem Tech-Crash verändert hat

    Vor gut 14 Jahren begann in den USA die Tech-Blase zu platzen. Jetzt bewegt sich der Nasdaq Composite wieder auf dem Niveau von damals. Ist das ein Grund zur Sorge? Wir zeigen, was sich seitdem an der Nasdaq verändert hat und was das für Anleger heute bedeutet.

  • [image]

    Die bestverdienenden Bankenchefs der Welt

    Das vergangene Jahr hat sich für die Chefs der internationalen Großbanken wieder gelohnt. Doch auch in der Liga der Großverdiener gibt es deutliche Klassenunterschiede. Wir haben aufgelistet, wer wie viel erhalten hat.

  • [image]

    Die besten deutschen Aktien –
    und die größten Verlierer

    Die große Rally scheint es in diesem Jahr an den Aktienmärkten nicht zu geben. Der Dax etwa notiert nach den ersten drei Monaten 2014 nur wenig verändert. Umso wichtiger ist es deshalb, die richtigen Aktien herauszupicken. Wir zeigen die größten Gewinner und Verlierer aus Deutschland.

Erwähnte Unternehmen