• The Wall Street Journal

"Empört euch!"-Autor Stéphane Hessel ist tot

    Von Christine Longin (dapd)

"Der empörte Gentleman, dessen Hoffnung ansteckend ist", schrieb die französische Zeitung Le Monde 2011, als ihre Internet-Leser den Schriftsteller Stéphane Hessel zur Persönlichkeit des Jahres wählten. Im Jahr zuvor war die Streitschrift "Empört Euch!" des damals 93 Jahre alten Ex-Diplomaten herausgekommen, die sich seither in mehr als 30 Ländern millionenfach verkaufte. Der gebürtige Berliner Hessel, der in der Nacht zu Mittwoch im Alter von 95 Jahren starb, wurde zur Ikone der Globalisierungskritiker.

Reuters

Stéphane Hessel

Die "Indignados", die in Spanien gegen die Folgen der Finanzkrise protestieren, berufen sich ebenso auf ihn wie die Occupy-Bewegung an der New Yorker Wall Street. "Wir können die ärmeren Länder nicht darunter leiden lassen, dass die reicheren die Finanzen an sich reißen und den anderen wegnehmen", sagte der Autor im Januar in einem seiner letzten Interviews mit dem Deutschlandradio Kultur.

Der Erfolg seines nur 32 Seiten dicken Buches überrollte ihn: "Ich bin seither zu einem Zirkustier geworden, wo ich doch ein bescheidener Mensch war", bemerkte Hessel vor einem Jahr im Interview mit der späteren französischen First Lady Valérie Trierweiler für Paris Match.

"Ich kann kaum erwarten, dass das alles aufhört", ergänzte er mit Blick auf sein hohes Alter. Er habe keine Angst zu sterben. "Ich bin verliebt in den Tod", sagte der Aktivist, der in zweiter Ehe verheiratet war und aus erster Ehe drei Kinder hat.

Durch Eugen Kogon das KZ Buchenwald überlebt

Dem Tod war Hessel in seinem Leben mehrmals nahe - vor allem im Konzentrationslager Buchenwald, in das er wegen seines Kampf gegen die französische Nazi-Besatzung deportiert wurde. Gerettet habe ihn dort 1944 der "wunderbare deutsche Helfer" Eugen Kogon, ein Publizist, mit dem er danach lebenslang befreundet war und dessen Sohn Michael "Empört Euch!" ins Deutsche übersetzte.

Kogon habe es möglich gemacht, dass die Leiche eines anderen Franzosen unter seinem Namen verbrannt wurde, berichtete Hessel im Interview mit dem Deutschlandradio Kultur. "Dadurch konnte ich weiter in Konzentrationshaft leben" - bis zur Flucht auf dem Weg in ein anderes Lager. "Das war meine letzte Lage mit Deutschland", ergänzte Hessel, der fließend deutsch sprach.

Hessels Eltern waren deutsche Intellektuelle, der Vater Franz Schriftsteller. Stéphane wurde 1917 in Berlin geboren. Als er sieben Jahre alt war, zog die Familie nach Frankreich, wo Hessel 1937 die Staatsbürgerschaft annahm. "Eigentlich habe ich mich seit den ersten jungen Jahren in der Schule mit den Franzosen identifiziert", sagte der pensionierte Diplomat später.

1941 schloss sich Hessel der "Résistance" an, dem Widerstand gegen die Nazi-Besatzung in Frankreich. "Das Aufkommen vom Nationalsozialismus war für mich etwas Schreckliches, etwas Bedauernswürdiges, und daher fühlte ich mich dazu getrieben, mit meinen französischen Mitbürgern gegen das deutsche Hitler-Land zu kämpfen", erinnerte er sich.

Für deutsch-französische Aussöhnung

Seine Zeit in der "Résistance" brachte Hessel auch mit dem späteren Präsidenten Charles de Gaulle zusammen. Dass ausgerechnet de Gaulle nach dem Zweiten Weltkrieg die deutsch-französische Aussöhnung vorantrieb, hielt Hessel schon damals für richtig. "Wir hatten das Gefühl, mit den jungen Deutschen, mit den neuen Deutschen, die von der Hitlerzeit herausgekommen sind und sie auch empfunden haben als etwas Schreckliches, mit denen zusammen sollte man Europa aufbauen", beschrieb Hessel im Deutschlandradio Kultur die Nachkriegszeit.

Der Schriftsteller selbst wurde nach dem Krieg Diplomat und arbeitete die Menschenrechtserklärung der UNO mit aus. Das Engagement für eine bessere Welt ließ ihn seither nicht mehr los. Mit Eleganz und einem Lächeln kämpfte er unermüdlich gegen die Umweltzerstörung und die Ungleichverteilung des Reichtums und setzte dabei stets auf Gewaltlosigkeit. "Ein unermüdlicher Ritter der Entwurzelten, der Illegalen, der Ärmsten", schrieb Le Monde 2011.

Nach der Todesnachricht am Mittwoch häuften sich die Reaktionen, die den großen Humanisten und Kämpfer für die Menschenrechte würdigten. "Er hat uns eine Lektion hinterlassen: diejenige, uns keiner Ungerechtigkeit zu beugen", fasste Präsident François Hollande das Vermächtnis Hessels zusammen.

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