• The Wall Street Journal

In Syrien gewinnen Extremisten die Oberhand

    Von NOUR MALAS

BEIRUT—Im Bürgerkrieg in Syrien haben extremistische Gruppen die Oberhand gewonnen, die einen islamistischen Staat errichten wollen. Zugleich verlieren moderate Rebellen trotz gezielter Unterstützung der US-Regierung an Einfluss. Entsprechende Einschätzungen sind inzwischen übereinstimmend aus Washington und von Seiten der Aufständischen zu hören.

Unterstützung aus Amerika bekommt das gemäßigte Lager, seit die US-Regierung die heiß debattierte Idee fallen ließ, die Rebellen gegen das Assad-Regime direkt zu bewaffnen. Dies geschah auch, weil man in Washington fürchtete, das Kriegsgerät könnte in falsche Hände geraten.

Unmittelbar nachdem sich die internationalen Unterstützergruppe der Freunde Syriens zuletzt im Dezember traf, deklarierte die Obama-Regierung die Dschihad-Gruppe Dschabhat al-Nusra als terroristische Organisation. Offiziell anerkannt wurde dagegen das moderate Gesicht des Aufstandes, die Dachorganisation Syrische Nationalkoalition.

Seit Dezember verschieben sich die Gewichte

An diesem Donnerstag wollten sich die Freunde Syriens erneut in Rom treffen. Sie hoffen auf einen baldigen Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. In Syrien sind es vor allem islamistische Kämpfer, die für die blutigsten Anschläge der jüngsten Zeit verantwortlich sind.

Associated Press

Sicherheitsoffiziere vor dem Gebäude der Luftaufklärung in Damaskus, das im vergangenen Jahr von einem Anschlag verwüstet wurde. Urheber wollen die Kämpfer der islamistischen Gruppe Dschabhat al-Nusra gewesen sein.

Machtverschiebung

Wie sich das Kriegsglück bei den Rebellen gedreht hat

7. Dezember 2012 Die Freie Syrische Armee trifft sich in der Türkei, benennt sich um in Oberster Militärrat. In den Tagen darauf treffen sich islamistische Rebellen ebenfalls in der Türkei, bilden die Islamistische Front Syriens und diskutieren über politische Ziele.

11. Dezember US-Präsident Barack Obama erkennt öffentlich die Syrische Nationalkoalition als „legitime Vertretung des syrischen Volkes" an. Zugleich bewertet er Dshabhat al-Nusra als terroristische Vereinigung.

12. Dezember Die internationale Gruppe der Freunde Syriens erkennt die Syrische Nationalkoalition an.

11. Januar 2013 Kämpfer der al-Nusra-Front nehmen den Luftwaffenstützpunkt Taftanaz, nahe der türkischen Grenze. Es ist einer der größten Militärbasen im Norden des Landes.

10. Februar Die Koalition der Islamisten führt bei der Einnahme des Staudamms von Tabqa und verschafft sich damit die Kontrolle über die Stromversorgung im Norden und im Osten des Landes.

12. Februar Dschabhat-al-Nusra-Kämpfer nehmen den Flughafen Jarrah am Rande der Stadt Aleppo ein.

27. Februar US-Außenminister John Kerry erklärt, Amerika arbeite an neuen Plänen um den Sturz des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad zu beschleunigen.

28. Februar Die Freunde Syriens treffen sich in Rom.

Im Norden des Landes verzeichnet die Islamische Front Syriens zusammen mit Kämpfern der al-Nusra-Front und unterstützt von Dschihadisten aus Tunesien, Libyen, Irak und Tschetschenien die wichtigsten Landgewinne, wie sowohl Rebellen als auch US-Regierungsvertreter sagen.

Im Januar übernahmen die Kämpfer der al-Nusra-Front endgültig die Kontrolle auf dem Luftwaffenstützpunkt Taftanaz im Gouvernement Idlib, einen der größten Stützpunkte der syrischen Armee im Norden des Landes. Dabei fielen den Islamisten Panzer, Helikopter und Munition in die Hände.

Erst kürzlich brachten die islamistischen Rebellen den größten Staudamm des Landes in ihre Gewalt, wodurch sie die Stromversorgung für den von Rebellen kontrollierten Osten und Norden des Landes sicherten.

Kenner der Situation bezeichnen die al-Nusra-Front als stärkste Kraft in den Rebellenhochburgen entlang der türkischen und irakischen Grenze. Neben den eigenen Kämpfern haben sich ihr auch viele Ausländer angeschlossen.

„Was die Mobilisierung von Dshihad-Kriegern angeht, nimmt der Bürgerkrieg in Syrien mindestens das Ausmaß der Auseinandersetzungen an, die es in den 1980er Jahren in Afghanistan gab, wenn nicht mehr", schätzt Aaron Zelin, der sich am Washingtoner Institut für Nahostpolitik intensiv mit Dschihad-Gruppen auseinandersetzt.

Islamisten machen sich auch im zivilen Leben breit

Die al-Nusra-Front – nach Einschätzung der USA eine Abspaltung von al-Qaida im Irak – konnte nahe Aleppo ein Feldlazarett aufbauen, während der säkulare, zivil geführte Militärrat von Aleppo nach eigenen Angaben große Schwierigkeiten hat, an Geld für Hilfsmaßnahmen zu kommen.

Die al-Nusra-Front hat ebenfalls eine zivile Vertretung eröffnet und betreibt Bäckereien, die nach Angaben von Bewohnern der Rebellengebiete das derzeit effizienteste Netz für die Versorgung darstellen. Auch die Islamische Front Syriens hat Büros eingerichtet, die sich um den Wiederaufbau sowie Erziehung und Ausbildung kümmern sollen.

Rund um Damaskus verüben Splittergruppen der islamischen Koalition gezielte Attacken auf Kontrollstellen und Regierungsgebäude, beschreiben Kämpfer aus der Hauptstadt und der Umgebung die Lage. Die Dschihad-Kämpfer gewinnen nach Einschätzung von Experten in Syrien an Einfluss, seit ausländische Kämpfer Ende 2011 in das Land einsickerten.

Eine massive Verschiebung der Machtverhältnisse unter den Aufständischen ist seit Dezember zu beobachten, seitdem US-Präsident Barack Obama und anschließend die internationalen Freunde Syriens die Nationale Koalition als legitime Vertretung des syrischen Volkes anerkannt haben.

Im Dezember, wenige Tage, nachdem sich die militärischen Vertreter der Nationalen Koalition im türkischen Antalya trafen, um sich unter einer neuen Kommandostruktur zu organisieren, hielten islamistische Gruppen weiter im Süden in der türkischen Provinz Hatay ebenfalls ein Treffen ab, wie einer der Teilnehmer erklärte.

Islamisten schaffen Strukturen für Nach-Assad-Ära

In Antalya feierte die Freie Syrische Armee ihre Wiedergeburt, unter dem Dach eines Obersten Militärrates. Überwiegend handelt es sich bei ihnen um hochrangige Überläufer des syrischen Militärs und ihre Bataillone. Faktisch ist es der militärische Arm des Syrischen Nationalrats, ein im August 2011 gegründetes Oppositionsbündnis, das seinen Sitz in Istanbul hat.

Associated Press

Kämpfer der al-Nusra-Front, die Verbinden zum Terrornetz al-Qauida haben, nehmen im Januar den Luftwaffenstützpunkt Taftanaz im Norden des Landes ein.

Nach Angaben pro-westlicher Oppositionsführer hat die Freie Syrische Armee unter den Rebellen und in der Bevölkerung massiv an Glaubwürdigkeit verloren, weil es ihr nicht gelungen ist, die USA und andere westliche Staaten davon zu überzeugen, direkt in den Bürgerkrieg einzugreifen.

Zwar berichten die moderaten Freischärler immer wieder davon, dass sie Terrain gegen Assads Truppen gewinnen, doch aus ihren Kreisen heißt es auch, ihre Gebiete seien geographisch zersplittert und weit von einer Einigung entfernt.

Das Türkeitreffen der Islamisten kurz vor Weihnachten führte zur Bildung der Islamischen Front Syriens, einer Gruppe, die sich in der Zwischenzeit zur effektivsten militärischen Gruppe der Islamisten entwickelt hat.

Mit dem Treffen wollten auch die Islamisten sicherstellen, dass nicht nur die pro-westlichen Rebellen eine politische Führung stellen können, wenn das Assad-Regime gestürzt ist, sagten einzelne Mitglieder.

„Wir haben ein komplettes politisches Konzept für ein modernes Syrien", sagte ein politischer Vertreter der Islamfront aus dem Hauptquartier in Istanbul. Ein Land mit überwiegend muslimischer Bevölkerung habe das Recht, sich islamistische Grundregeln zu geben. Er versprach, die Rechte von Minderheiten würden geachtet.

Die USA und die gemäßigten Kräfte, wie sie in den Freunden Syriens organisiert sind, werden es nach Einschätzung von Experten sehr schwer haben, anderen Kräften als den Islamisten in einer Zeit nach Assad Geltung zu verschaffen.

„Weil so lange gezaudert worden ist, die Opposition zu stützen, wird es für die US-Regierung nun umso schwieriger, ihre Interessen in Syrien zu wahren", schreibt Dschihad-Experte Zelin in einer kürzlich veröffentlichen Analyse.

Zukunft der al-Nusra-Front in Friedenszeiten unklar

Syrer, Experten und Diplomaten sind sich nicht einig, ob extremistische Gruppen wie die al-Nusra-Front einen bleibenden Einfluss in dem Land haben werden. „Sie sind die besten Kämpfer und wahrscheinlich auch am besten organisiert. Sie machen den meisten Lärm", sagte etwa ein westlicher Diplomat. „Aber ich glaube, wenn sich der Staub der Schlacht erst gelegt hat, dann werden sie die Mehrheit sicher nicht auf ihrer Seite haben."

Gemäßigte Freischärler berichten, dass sie kürzlich bei einem Vormarsch gegen Regierungstruppen Teile eines großen Waffenlagers im Osten des Landes erbeuteten. Dabei hatten sie Sorgen, dass sich Elemente von al-Quaida Teilen der Waffenfunde bemächtigen könnten.

„Wir können nicht an zwei Fronten gleichzeitig kämpfen", sagte einer der Kämpfer und wiederholte damit ein oft gehörtes Argument der nicht-islamistischen Rebellen. „Wenn wir mit dem Regime Assad fertig sind, werden wir uns vielleicht mit ihnen beschäftigen müssen, weil sie uns als Ungläubige ansehen."

Islamisten sind der Meinung, dass das Konzept des Westens, säkularisierte syrische Rebellen in einem muslimischen Land zu unterstützen, von irrigen Annahmen ausgeht. „Es gibt hier keinen säkularen Kampf", sagte Abu Muhammad, ein islamistischer Rebellenführer. „In der nächsten Phase der Auseinandersetzung heißt das syrische Volk nicht nur Radikale willkommen. Es wird den Teufel persönlich willkommen heißen, wenn er ihnen in ihrem Kampf hilft."

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