• The Wall Street Journal

Fracking beschert den USA jahrzehntelangen Erdgas-Boom

    Von RUSSELL GOLD

Die Erdgasproduktion in den USA boomt - und in den nächsten drei Jahrzehnten wird sie weiter wachsen. Das ist das Ergebnis neuer Untersuchungen.

Die bisher umfassendste Studie zu einem Erdgasfeld in Texas und andere Untersuchungen zeigen, dass Schiefergestein bis mindestens 2040 immer mehr Erdgas liefern wird und die Vorkommen danach nur langsam zurückgehen werden. Das Wall Street Journal hatte Einblick in einen Bericht über das Feld Barnett Shale im Norden von Texas, der am Donnerstag veröffentlicht wird. Die Studie liefert Beweise dafür, dass große Gasmengen vorhanden sind, die profitabel gefördert werden können.

ASSOCIATED PRESS

Förderung in Texas: In den kommenden 30 Jahren soll die Erdgasproduktion in den USA laut einer Studie weiter steigen.

Bei der Studie, die von der Nichtregierungsorganisation Alfred P. Sloan Foundation in Auftrag gegeben wurde, untersuchten Wissenschaftler der University of Texas 15.000 Bohrstellen in Nordtexas, die meisten innerhalb der vergangenen zehn Jahre. Es ist eine der ersten Studien, bei der die Geologie und die Wirtschaftlichkeit der Schiefergasförderung untersucht wurden.

Diese Förderung von Erdgas aus besonders tiefen Quellen wurde erst durch das so genannte Fracking ermöglicht – eine Technik, bei der ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck in das Gestein gepumpt wird, damit das Erdgas den Weg ins Freie finden kann.

Blickt man auf die aktuellen Daten zur Förderung, bestätigt die Studie weitgehend das, was die Energiebranche und die amerikanische Regierung im Dezember vorausgesagt hatten: eine steigende Produktion. „Wir haben viele, viele Jahrzehnte des Wachstums vor uns", sagt Scott Tinker, Chef des Bureau of Economic Geology an der Universität und einer der Leiter der Studie.

Der Schiefergasboom hat zu einer Umwälzung der amerikanischen Energiewirtschaft geführt. Der Anteil von Kohle an der Stromproduktion ist drastisch gesunken. Immer mehr Unternehmen haben milliardenschwere Investitionen angekündigt, um Gas zu exportieren. Die Industrie baut Chemie- und Stahlwerke, die viel Gas verbrauchen.

Wenn es mit den Investitionen vorangeht, aber die Gasproduktion wider Erwarten sinken sollte, dürften die Preise für den Rohstoff steigen. Denn Gas ist für 30 Prozent der Stromproduktion verantwortlich, die Hälfte der amerikanischen Häuser wird damit geheizt.

Das befürchtet etwa der Erdölgeologe und Berater Art Berman. Er kritisiert die in seinen Augen zu optimistischen Prognosen für die Schiefergasproduktion. Die Studie „ist wahrscheinlich die umfassendste Untersuchung des Barnett Shale, die jemals gemacht werden wird", sagt er. Aber sie stütze seine Ansicht, dass nur ein Viertel der Bohrstellen gewinnbringend ist. Die Frage für die Branche sei: „Warum hat sie nicht die guten Stellen ausfindig gemacht, bevor sie 40 Milliarden Dollar für Land und Brunnen ausgegeben hat?"

Die Studie zeigt, dass an vielen Bohrstellen im Barnett Shale nicht viel gefördert wurde. Die Felsen, in denen das Gas schlummert, erstrecken sich zwar über 8.000 Quadratkilometer. Laut der Untersuchung sei die Förderung aber nur auf der Hälfte der Fläche wirtschaftlich. Einige Energieunternehmen, die riesige Summen ausgegeben haben, um große Flächen zu pachten, könnten also auf Ländereien mit geringem Wert sitzen.

Dennoch kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass im Barnett Shale 1,25 Billionen Kubikmeter gefördert werden können – das ist mehr als drei Mal so viel wie bisher produziert worden ist und entspricht der Menge, die in zwei Jahren in den USA verbraucht wird.

Wenig unabhängige Untersuchungen

Die Universität untersucht auch Schieferformationen in den Bundesstaaten Pennsylvania, Louisiana und Arkansas. Allein die Tatsache hat bei Forschern schon zu dem Schluss geführt, dass die Erdgasproduktion in den USA nicht vor 2040 stagnieren wird. Im kommenden Jahr sollen die Berichte veröffentlicht werden.

Ein Grund dafür, warum die Prognosen zur Schiefergasproduktion umstritten sind, ist, dass ein großer Teil der Forschung von Gruppen gesponsert wird, die entweder für oder gegen die Förderung sind. Umweltschutzgruppen argumentieren, dass das Fracking schädliche Auswirkungen auf die Luft und das Grundwasser hat.

Die Sloan Foundation habe geprüft, ob die Wissenschaftler, die die neue Studie durchgeführt haben, unabhängig seien, teilte sie mit. Sie sei zu dem Ergebnis gekommen, dass „potenzielle Interessenskonflikte die Forschung nicht beeinflusst haben".

Der eine Studienleiter, Tinker, ist nicht ganz unabhängig: Er bekommt Geld dafür, dass er BP und zwei kleinere Energieunternehmen berät. Außerdem erhält er Honorare, weil er ein paar Mal im Jahr vor Branchenverbänden und Unternehmen spricht. Das Bureau of Economic Geology, das er leitet, wird von der Regierung, der Industrie und der University of Texas finanziert.

Zehntausende neuer Bohrstellen nötig

Scott Anderson, der sich bei der Nichtregierungsorganisation Environmental Defense Fund auch mit den ökologischen Auswirkungen der Schiefergasförderung beschäftigt und Einblick in die vorläufigen Ergebnisse der Studie hatte, lobte die Untersuchung dennoch.

Auch die amerikanische Energiebranche begrüßt die Ergebnisse. Die Studie „unterstreicht die Tatsache, dass die USA wachsende Erdgasvorkommen haben, mit denen sich der heimischen Markt versorgen lässt und die exportiert werden können", schrieb die Lobbygruppe der Öl- und Gasunternehmen, das amerikanische Erdölinstitut, in einer Stellungnahme.

Um all das Gas zu fördern, braucht es zehntausende neuer Bohrstellen im ganzen Land. Selbst im Barnett Shale, in dem seit zehn Jahren intensiv gefördert wird, könnte Platz für 13.000 weitere Stellen sein, sagt Tinker.

Das könnte dazu führen, dass der Widerstand gegen das Fracking im Land wächst. „Es gibt Gesundheitsrisiken, die wir schwer abschätzen können und das ist ein Problem", sagt Paul Gallay, Leiter der Umweltschutzorganisation Riverkeeper, die das Fracking kritisch beurteilt. „Wir sind der Wissenschaft voraus. Darüber sollten wir uns Sorgen machen."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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