• The Wall Street Journal

Alles gut im Stiefel

    Von STEFAN LANGE

Die Frage nach dem Zustand der Regierung seines Landes versetzte Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano in Rage. Ob man nicht in Rom schneller vorankommen müsse, um Italiens Stabilität unter Beweis zu stellen, wollte ein italienischer Korrespondent wissen. Napolitano überlegte kurz, zupfte die rutschende Brille zurecht und legte los. Tenor der italienisch-feurigen Replik des rüstigen 87-Jährigen: In Rom ist alles in Ordnung, niemand muss sich Gedanken machen.

Napolitano ist derzeit auf Abschiedstournee, nach sieben Jahren wird er den Angaben zufolge voraussichtlich im Mai aus dem Amt scheiden. Am Donnerstag war die derzeit einzig sichtbare Konstante der italienischen Politik im Schloss Bellevue zu Gast. Die Visite bei Bundespräsident Joachim Gauck wurde von zwei Themen überschattet – der Clownerie des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück und vor allem der Situation im italienischen Parlament. Am Sonntag und Montag hatten die Italiener gewählt, heraus kamen unterschiedliche Mehrheiten für Abgeordnetenkammer und Senat. Eine Pattsituation, die es noch zu klären gilt.

Reuters

Italiens Präsident Giorgio Napolitano (links) verteidigte sein Land nach dem Gespräch mit Bundespräsident Joachim Gauck.

Die Märkte haben Italien für die wackeligen politischen Verhältnisse in Rom bereits abgestraft. Und die Wirtschaft ist entsetzt. So erklärte der Präsident des Verbandes der ausländischen Banken in Italien, Guido Rosa, die Situation sehe unregierbar aus. „Das ist das schlimmste Ergebnis, das man sich vorstellen kann."

Napolitano wies Vorhaltungen dieser Art in Berlin jedoch energisch zurück. Er sei sich sicher, dass die neue Regierung in den nächsten Wochen stehen werde, suchte der Träger des Großen Verdienstordens der italienischen Republik zu beruhigen. Am 15. März würden sich beide Kammern zu einer konstituierenden Sitzung zusammenfinden, erklärte er in der deutschen Übersetzung. Er könne wirklich nicht sehen, wo man da noch schneller sein könne.

„Italien hat einen Kompass"

„Italien ist zurzeit nicht ohne Regierung", wetterte der gebürtige Napolitaner Napolitano im Pressesaal des Schlosses Bellevue vor Dutzenden Kameras und Journalisten. „Es gibt eine amtierende Regierung bis zu jenem Tag, an dem die neuen Minister vereidigt werden. Diese Regierung heißt Regierung Monti, die nach wie vor im Amt ist." Diese Regierung werde Italien im März beim Europäischen Rat vertreten und sie werde alle Verantwortung auf sich nehmen. „Es gibt also kein Italien, das den Kompass verloren hat und das nicht mehr weiß, wo es hingehört."

Damit hätte es Napolitano bewenden lassen können, doch die komplizierte Situation mit Protagonisten wie dem früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, dem Komödianten Beppe Grillo und dem Vorsitzenden der Demokratischen Partei, Pier Luigi Bersani, scheint den Staatspräsidenten mehr aufzuwühlen als er glauben machen will. „Es gibt kein Ansteckungsrisiko. Wenn man ansteckend sein will, muss man doch erstmal krank werden. Wir sind ja überhaupt nicht krank. Wir haben uns mit nichts infiziert", rief Napolitano aus – und versetzte dabei seine Manschettenknöpfe nervös in Dauerrotation. Immerhin räumte Napolitano ein „kompliziertes Wahlergebnis" ein. Es habe ein sehr fragmentiertes Ergebnis gegeben, es habe Konfrontation gegeben. "Aber wird sind doch alle darin einig: Nur ein kompliziertes Ergebnis allein rechtfertigt keine übereilten Schritte."

Wesentlich ruhiger beantwortete Napolitano Nachfragen zum Gebaren von Peer Steinbrück, der Berlusconi und Grillo als Clowns bezeichnet hatte. „Es liegt natürlich auf der Hand, dass das nicht in Ordnung war. Das war eine bedauerliche Angelegenheit", sagte der Präsident. Die Bedingungen für ein ursprünglich anberaumtes Treffen hätten deshalb nicht mehr vorgelegen. Natürlich könne jeder denken, was er wolle. Wenn man aber über ein befreundetes Land spreche und das Ergebnis freier Wahlen kommentiere, dann müsse man bei der Wortwahl sehr aufpassen.

Noch cooler reagierte Bundespräsident Gauck auf die Äußerungen Steinbrücks: „Ich will's nicht kommentieren. Manches kommentiert sich eben auch von selbst, gell?"

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