• The Wall Street Journal

Banker empören sich über Brüssels Bonus-Diktat

    Von DAVID ENRICH, GABRIELE STEINHAUSER und DANA CIMILLUCA

LONDON – Die Pläne der Europäischen Union, die Boni von Bankern strikt zu begrenzen, sorgen in der Finanzbranche für Protestgeheul. Nach den am Donnerstagmorgen beschlossenen Regeln dürfen Banken ihren Angestellten keine Boni mehr versprechen, die das Grundgehalt übersteigen. Ausnahmen müssen von den Aktionären bewilligt werden, auch dann darf nur maximal das Doppelte herausspringen. Die Vorschriften, die ab Januar nächsten Jahres gelten sollen, würden damit zu den strengsten der Welt zählen und wahrscheinlich für alle Mitarbeiter europäischer Banken gelten, egal wo sie arbeiten. Noch müssen die Pläne aber von den EU-Mitgliedsstaaten und dem Europaparlament bestätigt werden.

Reuters

Ein Banker vor einem gleichnamigen Pub in London: Die britische Hauptstadt fürchtet um ihre Vormachtstellung in der Finanzwirtschaft.

Bankenmanager und Branchenvertreter sehen darin eine schwere Benachteiligung ihrer Institute gegenüber der Konkurrenz aus den USA und Asien. Zwar gab es am Donnerstag noch keine offiziellen Kommentare – unter der Hand machten die Manager jedoch ihrem Ärger Luft. „Das ist eine Katastrophe", sagte ein hochrangiger Investmentmanager einer europäischen Spitzenbank. „Es ist eine verrückte Regelung", die verhindern könne, dass europäische Banken in den USA oder Asien Angestellte einstellen könnten.

Die Bonusregelungen unterscheiden sich bei allen Banken enorm. Es ist aber nicht ungewöhnlich, dass Banker ein Vielfaches ihres Grundgehalts als erfolgsabhängige Sonderzahlung bekommen. Der Chef einer anderen Investmentbank sagte, seine Firma prüfe bereits, das Grundentgelt der Banker zu verdoppeln oder zu verdreifachen, um die neuen Obergrenzen zu umgehen. „Diese Vorschläge widersprechen vollkommen den Bemühungen, Entlohnung und Leistung in Einklang zu bringen", sagte auch Matthew Fell vom britischen Industrieverband.

Die neuen Regelns sind Teil eines Gesetzes, das die Banken zum Aufbau robusterer Kapitalreserven zwingt. Die Politik sieht die Bonus-Vorschriften als gerechtfertigte Antwort auf Jahre des Überflusses in der Finanzwirtschaft. „Das ist das Ende der Ära der übertriebenen Boni, die zu erhöhter Risikobereitschaft und vielfach vermehrten Gehältern geführt haben", sagte EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Brüssel. Obwohl die EU-Kommission die Bonusgrenze in ihrem ursprünglichen Entwurf nicht vorgesehen hatte, schloss sie sich schnell einer Initiative von EU-Parlamentariern an.

Auch Abgeordnete aus Großbritannien, Heimat eines der wichtigsten Finanzplätze der Welt, hatten sich für die Neuregelung ausgesprochen. „Wenn die Banken mehr Zurückhaltung gezeigt hätten, bräuchten wir diese Maßnahmen nicht", sagt Arlene McCarthy, Europaabgeordnete der Labour-Partei.

In den Regeln ist vorgesehen, dass die Boni auf 100 Prozent des Grundgehalts beschränkt sind. Nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Aktionäre dürfen sie auf 200 Prozent verdoppelt werden. Auch einige andere Formen langfristiger Leistungsanreize sollen erlaubt bleiben. Details dazu soll die Europäische Bankenbehörde EBA erarbeiten. Viele der europäischen Banken müssten damit ihre Vergütungsregelungen für die obere und mittlere Etage ändern.

Noch ist die Neuregelung aber nicht in trockenen Tüchern. Der britische Premierminister David Cameron sagte am Donnerstag in Lettland, seine Regierung prüfe die Pläne noch: „Wir haben wichtige internationale Banken, die ihren Sitz in Großbritannien haben, aber überall auf der Welt Filialen und Aktivitäten betreiben. Wir müssen sicherstellen, dass die in Brüssel beschlossene Regulierung so flexibel ist, dass diese Banken im Wettbewerb bestehen können und gleichzeitig in Großbritannien bleiben."

Einige Branchenvertreter hoffen, dass ein verzögertes Umsetzungsverfahren Raum für Änderungen bringt. „Mir bereitet das noch keine schlaflosen Nächte", sagt der Investmentchef einer Wall-Street-Bank mit großer Präsenz in London.

Stephen Hester, Chef der zu 81 Prozent in Staatsbesitz befindlichen Royal Bank of Scotland, hält die Bonusregeln für unfair. Es würden ungleiche Bedingungen zum Nachteil der europäischen Institute geschaffen, „Ich glaube nicht, dass man Banken als besondere Wesen behandeln sollte", sagte er am Donnerstag der BBC. „Vielleicht war es eines der Probleme in der Vergangenheit, dass sich Banker eine Sonderbehandlung gewünscht haben."

—Mitarbeit: Margot Patrick und Ainsley Thomson

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