• The Wall Street Journal

Wie viel Finanzwirtschaft braucht die Welt?

    Von DAVID WESSEL

Es ist fast fünf Jahre her, dass die Investmentbank Bear Stearns zusammenbrach. Sie war der erste Dominostein, der in der Finanzkrise des Jahres 2008 kippte. Heute ist klar, dass damals zu hohe Risiken eingegangen und Kredite exzessiv vergeben worden waren, insbesondere von den großen Finanzkonzernen. Unter den Altlasten leidet die Weltkonjunktur bis heute.

Die globale Finanzwirtschaft hat fast fünf Jahre nach Bear Stearns wieder eine Größe erreicht, die der im Jahr 2000 entspricht. Ist das zu viel oder zu wenig? Welche Phänomene lassen sich heute wieder beobachten und was nicht? Und welchen Unterschied macht das?

Agence France-Presse/Getty Images

Gute Finanzierung, böse Finanzierung - ein Gleichgewicht ist notwendig.

Niemand mit einem Hauch gesunden Menschenverstandes kann sich eine Rückkehr zum Wahnsinn Mitte des vergangenen Jahrzehnts wünschen. Zu viel Finanzierung kann für die Wirtschaft sehr gefährlich werden. Aber zu wenig tut weh. Viel versprechende Investitionen darben dann vor sich hin, Verbraucher können sich kein Geld für Immobilien oder die Ausbildung leihen. Das Wachstum lahmt. Was ist also das richtige Maß?

Die Banker beschweren sich, dass die Fülle an Regulierungen, die nach der Krise in ihrem Sektor durchgesetzt wurden, sowie die anhaltend niedrigen Zinssätze die Vergabe von Krediten unattraktiv machen. Analysten und Politiker, deren Erinnerungen an die Panik noch frisch sind, befürchten wiederum, dass die törichte Risikobereitschaft in manchen Bereichen des Marktes zurückkommen könnte.

Der Anteil privater und öffentlicher Verbindlichkeiten sowie von Aktien an der Weltwirtschaft hatte seine Spitze im Jahr 2007, dann stürzte er ab. Heute hat er sich wieder auf das Niveau von 2000 hochgearbeitet, geht aus einer Studie des McKinsey Global Institute hervor, in der die Daten von 183 Ländern erfasst wurden.

Daran gemessen stieg die Finanzierung mit einer jährlichen Rate von beinahe 8 Prozent in den 1990er und 2000er Jahren. Ein großer Brocken dieses Anstiegs – mehr als ein Drittel – geht auf das Konto der großen Banken, die Fremdkapital aufnahmen, um größere Wetten eingehen zu können. Bis zum Jahr 2007 hatten die Finanzinstitute fünf Mal so viele Anleihen ausgegeben wie andere Unternehmen. Sie nahmen sogar mehr Geld auf als die Regierungen, schätzt McKinsey in der Studie, die eine Momentaufnahme des weltweiten Finanzwesens darbietet.

Der gesellschaftliche Wert der Finanzwirtschaft ist nicht das Antreiben des Wall-Street-Kasinos, oder dass Hedgefonds-Partner und Händler reich werden. Es geht eigentlich eher darum, die Ersparnisse der Welt in Investments anzulegen, die sich in der Zukunft auszahlen.

Doch nur rund ein Viertel der zwischen 1995 bis 2007 erzielten Zuwächse ging an die privaten Haushalte und nicht an Gewinn orientierte Gesellschaften. Der Rest floss an große Banken oder an die Regierungen. Ein Teil davon ging in die Infrastruktur, die Bildung und weitere Investitionen von öffentlichem Interesse.

Dann kam die Krise. Seitdem wächst die Finanzwirtschaft weniger als 2 Prozent im Jahr, und einen großen Anteil daran haben die Regierungen, die mit ihren Kreditaufnahmen die Weltwirtschaft von den Nachwehen des Zusammenbruchs schützen wollen.

Die Finanzinstitute aus reichen Ländern haben sich zurückgezogen. Europäische Banken scheuen sich zunehmend davor, über die Grenzen hinweg Geld zu verleihen. Ängste gehen um, wie lange der Euro noch zusammenhält und wie stabil die nationalen Regierungen sind. Sie kehren die Entwicklung eines Jahrzehnts um, in dem die Finanzwirtschaft über die Grenzen hinweg zusammenwuchs. In den Schwellenländern stockt das Wachstum von Aktien- und Anleihemärkten, das als willkommenes Zeichen einer zunehmenden wirtschaftlichen Reife gewertet wurde.

Zugleich häufen sich die Zeichen, dass die Zeit des Rückzugs und des Innehaltens für die großen Spieler am Markt vorbei ist. Es wird wieder investiert, in großem Stil. Das zeigt sich unter anderem an der Rückkehr von enormen, schuldenfinanzierten Firmenübernahmen. Und bei manchen der Übernahmen werden schon wieder Mechanismen angewandt, die vor der Krise beliebt waren, wie das Tilgen von Zinsen mit Schuldscheinen statt Barmitteln. Ein weiteres Beispiel ist die steigende Nachfrage nach Junk Bonds, spekulative, hochverzinsliche Anleihen.

Welche Konsequenzen hat diese Gemengelage? Wie man es von einer Beratungsfirma erwartet, wartet McKinsey mit zwei möglichen Szenarien auf.

Das Ergebnis inkonsequenter Regierungen

Im ersten Szenario halten die seit kurzem aufgetretenen Trends an. Der Anteil der finanziellen Vermögenswerte an der Weltwirtschaft bleibt stabil oder nimmt sogar ein wenig ab. Wir haben dann zwar weniger von den schlechten, aber gleichzeitig auch weniger von den guten Dingen. Die Entschlossenheit der Regierungen, den Umbau des Regelwerks für die Finanzwirtschaft abzuschließen, wird abnehmen. Und die Banken werden von inkonsistenten und überflüssigen nationalen Regeln erdrückt werden. Grenzüberschreitende Kapitalflüsse werden unter dem Niveau von vor der Krise verharren. Die Schwellenländer mit schwachen, noch nicht genügend entwickelten Kapitalmärkten werden nicht weiter kommen.

Zwar ist es in diesem Szenario weniger wahrscheinlich, dass eine Krise wie 2008 wieder auftritt. Doch eine Kreditklemme behindert die Entwicklung von Unternehmen, die die Finanzierung benötigen, um zu expandieren. Ebenso sind davon der Ausbau von Infrastruktur, Forschung und Bildung betroffen, die für den künftigen Wohlstand wichtig sind. Die Weltwirtschaft wächst weiterhin nur sehr langsam.

Regierungen schaffen ein globales Rahmenwerk – Wohlstand wächst

Im zweiten Szenario dominiert die gute Finanzierung über der schlechten. Die Regierungen rund um die Welt bringen die Überarbeitung eines regulativen Rahmenwerks zu Ende, um mit Hilfe dieses Gerüsts die schlimmsten Exzesse der Vergangenheit nicht noch einmal geschehen zu lassen. Sie stellen sicher, dass die Banken mit genügend Kapital ausgestattet sind. Zugleich sollen sie nicht entmutigt werden, angemessene Risiken einzugehen. Die Regierungen finden eine Lösung, wie sie große, international agierende Banken, die in Schwierigkeiten geraten, eher abwickeln können, als sie durch Staatsgelder zu retten. Die Regierungen lassen die Finanzinstitute groß genug werden, damit sie multinationalen Unternehmen zu Diensten stehen können, aber nicht so groß, dass sie das gesamte System gefährden. Sie schützen die nationalen Wirtschaftsräume, ohne den Wettbewerb einzuschränken oder den Kapitalfluss zwischen den Ländern.

Die erfinderische Energie der Finanzarchitekten wird genutzt, um neue, bessere Wege für den Kreditfluss hin zu kleinen oder mittelgroßen Unternehmen sowie zu Konsumenten in den Schwellenländern zu entwickeln.

Außerhalb der USA wachsen die Anleihemärkte und reduzieren so den Anteil an Finanzierung, der durch die Hände der großen Banken geht. Unzeitgemäße Barrieren, die Pensionsfonds und andere institutionelle Investoren von einer Anlage im Ausland abhalten, werden abgebaut. Direktinvestitionen im Ausland breiten sich aus und können so Erneuerungen ermöglichen, die wiederum der Verbesserung der Lebensstandards dienen.

Wir befinden uns in einem Jahrzehnt des Zwiespalts gegenüber der Finanzwirtschaft. Und das aus gutem Grund. Sie hat uns beinahe zerstört. Aber ohne sie kann der Wohlstand nicht wachsen.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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