• The Wall Street Journal

Der Kampf der Tech-Titanen geht 2013 weiter

    Von JESSICA E. LESSIN, GREG BENSINGER, EVELYN M. RUSLI und AMIR EFRATI

Seit Jahren schon machen sich die vier Technologiefürsten Apple, Amazon, Google und Facebook untereinander das Territorium streitig. Diese Revierkämpfe dürften auch im Jahr 2013 unvermindert fortgeführt werden. An zwei Fronten ist mit einer Eskalation zurechnen, nämlich bei der Hardware und bei der Internetsuche.

Software-Giganten wie Google und Amazon rüsten bei der Hardware auf. Sie wollen damit die Kundenbindung stärken und zudem die Kontrolle über ihren Software-Service und über die Einnahmen ausdehnen, die diese Dienste hervorbringen. Damit gehen sie noch direkter auf Kollisionskurs zu Apple. Apple wiederum reagiert darauf, indem die Firma mehr eigene Software entwickelt, damit sich ihre Produkte von den anderen abheben.

[image] Bruno Mallart

Nach dem Kauf von Motorola Mobility für 12,5 Milliarden Dollar will Google den Telefongerätehersteller dazu nutzen, neue Android-Geräte auf den Markt zu bringen. Ziel des Angriffes ist es, das iPhone von Apple vom Podest zu stoßen. Und Amazon, das mit dem Kindle Fire im Kampf um die Marktanteile bei Tablet-PCs noch einmal nachgelegt hat, testet gerade ebenfalls ein eigenes Telefon.

Alle vier Unternehmen allerdings sehen in der Internetsuche eine große Chance, um Kunden dauerhaft an sich zu binden und von ihnen zu profitieren. Während Google mit seiner Methode, Anfragen in ein Suchfeld einzutippen, seit Jahren die Nase vorn hat, gehen die Konkurrenten verstärkt auf dem ureigenen Feld des Such-Giganten in Stellung. Sie bieten die mobile Suche auf Smartphones und anderen Geräten und eine ganze Reihe von Suchdiensten, die es den Freunden der Nutzer erlauben, Empfehlungen abzugeben.

Apple setzt dabei auf den Sprachassistenten Siri, der auf dem iPhone oder iPad Fragen nach dem Wetter oder nach Sportergebnissen beantwortet. Im kommenden Jahr will die Firma ihre Jagd nach neuen Daten fortsetzen, mit denen der Dienst bestückt werden soll, um Antworten auf eine umfassendere Palette von Fragen bereit zu halten. Facebook-Chef Mark Zuckerberg hatte auf einer Konferenz im September von der schier unbegrenzten Zahl sinnvoller Antworten geschwärmt, die sich die Freunde auf seinem sozialen Netzwerk untereinander geben könnten. Facebook wolle in Zukunft sein Suchpotenzial ausbauen, hatte Zuckerberg angekündigt.

Doch nicht nur bei der Internetsuche prallen die großen Vier aufeinander. Vom E-Commerce bis zur Online-Werbung bleibt kaum ein Feld übrig, das nicht alle vier Großfürsten für sich beanspruchen. „Die dringen alle auf den Markt der jeweils anderen vor", sagt der Analyst Greg Sterling von Opus Research. „Das ist eine Art Landraub", um die Entwickler für sich zu gewinnen, die dazu beitragen können, dass die Dienste der Tech-Unternehmen wirklich überall zu finden sind.

Mit welchen Aussichten beginnen die vier großen Technologieunternehmen das Jahr 2013?

Apple: Der Spitzenreiter steht unter Beschuss

Apple muss sich 2013 auf eine Abwehrschlacht einstellen. Die Konkurrenz von Samsung Electronics bis Amazon nimmt das kalifornische Kultunternehmen unter Beschuss, das seit Jahren Geräte wie das iPhone und das iPad schafft, die in ihrer jeweiligen Kategorie die Standards setzen. Und den Rivalen sind dabei schon einige erfolgreiche Vorstöße geglückt. Im dritten Quartal ist der Anteil von Apple an den globalen Smartphone-Auslieferungen auf 15 Prozent gesunken. Er hatte im ersten Quartal des Jahres noch bei 23 Prozent gelegen, berichtet der Branchendienst IDC.

AP

Apple-Chef Tim Cook.

Und die Telefongeräte sind nur ein Gebiet, auf dem Apple sich in Acht nehmen muss. Denn auch Tablet-PCs mit dem Betriebssystem Android gewinnen dem iPad gegenüber an Land. Um sein Territorium zu verteidigen, hat Apple, das in diesem Jahr zum wertvollsten US-Unternehmen der Geschichte gekürt wurde, vor Kurzem das iPad Mini aufgelegt – ein billigeres Tablet, das den Kampf gegen eine ganze Lawine kleinerer Tablets aufnehmen soll, die jüngst ihr Debüt gegeben haben.

Doch die Defensive allein wird Apple kaum vorwärts bringen. Wo ist also mit einem Angriff der Kalifornier zu rechnen? Im heimischen Wohnzimmer, wie Apple-CEO Tim Cook mehrfach betont hat. Apple habe ein „intensives Interesse" am Fernsehen. Die Firma teste hochauflösende Geräte und stehe in Verhandlungen mit Kabelgesellschaften über mögliche Partnerschaften bei Set-Top-Boxen, unterstrich er. Ob Apple-Fernsehgeräte jedoch bereits im kommenden Jahr Einzug in die Wohnzimmer halten, bleibt unklar. Ein Unternehmenssprecher sagte, die Firma wolle nicht über künftige Produkte und Pläne sprechen.

Weitere Offensiven sind bei der Internetsuche und bei Siri zu erwarten. Nachdem Apple in diesem Jahr kläglich an der Eroberung der Landkartendienste scheiterte, investiert das Unternehmen weiter in den Sprachassistenten, der Nutzer unterwegs mit den neuesten Spielständen im Sport und anderen Informationen versorgt. Vor ein paar Monaten hat Apple den Suchspezialisten William Stasior von Amazon abgeworben.

Google: Kampf gegen die Blockaden

Google hat in diesem Jahr einige aggressive Feldzüge hinter sich gebracht und ist dabei in neue Territorien vorgedrungen. Der Web-Riese hat sich dabei nicht nur mit seinen Hauptkonkurrenten angelegt, sondern auch mit Kabelfirmen und Mobilfunkanbietern.

Die Weihnachtswerbeschlacht der Tech-Konzerne

Microsoft

Im kommenden Jahr wird der Suchgigant stärker daran arbeiten müssen, sein eigenes Schicksal in der Hand zu behalten. Er muss sicher stellen, dass seine Suchmaschine, die Video-Seite YouTube und neuere Dienste wie Google Wallet, mit dem Nutzer ihr Smartphone als digitale Geldbörse einsetzen können, die Kunden erreichen, ohne durch armselige Internetgeschwindigkeiten behindert oder gar von Rivalen blockiert werden.

Google wird also die Initiativen beschleunigen, die die Firma bereits in diesem Jahr eingeleitet hat. Dazu zählt die Versorgung von Haushalten in Kansas City mit Hochgeschwindigkeitsinternet und Videodiensten, die den Grundstein für die Erschließung anderer Städte nach 2013 gelegt hat. Dazu zählt die Erkundung möglicher Wege, den drahtlosen Internetzugang über Partnerschaften zu kontrollieren. Und dazu zählt schließlich die Herstellung von Smartphones und Tablets durch Motorola, wodurch sich Google einen größeren Einfluss auf die Dienste sichern kann, die auf den Geräten zum Einsatz kommen. Zu erwarten ist außerdem, dass Google zur Entwicklung weiterer Geräte für Privathaushalte beiträgt, die mit dem Internet verbunden und mit dem mobilen Betriebssystem Android ausgestattet sind.

Im Abwehrkampf gegen die Hauptkonkurrenten im Web – nämlich Amazon und Facebook – hat Google gleichzeitig die Defensive gestärkt. Das Unternehmen hat die Zusammenarbeit mit Einzelhändlern gesucht, die gegen Amazon antreten, und ihnen dabei unter die Arme gegriffen, die Kunden über die Suchmaschine der Firma zu erreichen. Im kommenden Jahr dürfte Google zudem den Einzelhandel dabei unterstützen, die bestellte Ware noch am selben Tag an die Online-Besteller auszuliefern.

Und um sich gegen Facebook zur Wehr zu setzen, drängt Google die Nutzer seiner Suchmaschine, seines Postdienstes Gmail und anderer Angebote, sich bei Google+ anzumelden. Die Mischung aus Facebook und Twitter ermöglicht es den Google-Kunden, Nachrichten, Fotos und Videos auszutauschen.

Im kommenden Jahr wird sich die Firma entscheiden müssen, ob sie sich mit einem Autobauer zusammenschließt, um ein Fahrzeug zu schaffen, das sich mit Hilfe der Google-Software selbst steuert. Oder ob das Internetunternehmen direkter in die Produktion einsteigt. Davon unabhängig soll der tragbare Rechner "Glass" auf den Markt kommen, der Informationen aus dem Internet in das Sichtfeld einer Brille einblendet.

Facebook: Wagt sich Zuckerberg ans Thema Hardware?

Bei Facebook stand 2012 das Börsendebüt im Mittelpunkt. Im kommenden Jahr wird das Hauptaugenmerk darauf liegen, wie die Wandlung des sozialen Netzwerks zum mobil ausgerichteten Anbieter fortschreitet und wie weit das Unternehmen dabei gehen wird, sich das Smartphone-Feld zu Eigen zu machen.

Associated Press

Mark Zuckerberg.

Im vergangenen Jahr hat die Firma aus dem kalifornischen Menlo Park seine mobilen Anwendungen überholt, Produkte für die mobile Werbung eingeführt und neue, eigenständige, mobile Applikationen wie seinen Mitteilungsdienst vorangebracht.

Die gesamte Branche ist zudem brennend daran interessiert, ob oder wann Facebook das Thema Hardware in Angriff nimmt. Zuckerberg hat bereits öffentlich Gerüchte dementiert, das Unternehmen baue ein „Facebook-Telefon". Das wäre die „falsche Strategie", ließ er verlauten. Allerdings war aus dem Unternehmen nahestehenden Kreisen zu hören, Facebook habe eng mit Herstellern wie HTC zusammengearbeitet, um Telefongeräte zu entwerfen.

Ein von Facebook unterstütztes Telefon, das wahrscheinlich mit einer abgewandelten Version des mobilen Betriebssystems Android von Google ausgestattet wäre, würde es dem sozialen Netzwerk erlauben, die Nutzung seiner Anwendungen zu fördern und noch mehr Daten von den Nutzern einzusammeln. Sprecher von Facebook und HTC wollten dazu keinen Kommentar abgeben.

Zu erwarten ist außerdem, dass Facebook im kommenden Jahr seine Such-Angebote ausbaut. In diesem Monat hat die Firma bereits eine neue mobile Funktion aufgelegt, mit deren Hilfe Nutzer Geschäfte in ihrer Nähe finden können. Die Informationen stützen sich auf Empfehlungen ihrer Freunde und des weiteren sozialen Netzwerks.

Mit dem Ausbau des jüngst gestarteten Geschenkebereichs Gifts wird auch der E-Commerce für Facebook immer wichtiger. Die elektronische Handelsplattform, auf der Facebook-Nutzer ihren Freunden etwa Geschenkkarten von Starbucks oder Gebäck zusenden können, stellt eine Bedrohung für Amazon dar, besonders da Facebook mehr und mehr Einzelhandelspartner dazugewinnt.

Amazon: Angriff auf das iPhone

Amazon könnte 2013 endlich das Smartphone herausbringen, um das sich schon so lange die Gerüchte ranken. Der Internethändler aus Seattle habe mit asiatischen Zulieferern ein Smartphone getestet, das Anfang des kommenden Jahres auf den Markt kommen könnte, berichten mit den Unternehmensplänen Vertraute. Ein Amazon-Smartphone könnte auf den Erfahrungen des Unternehmens mit den HD-Geräten von Kindle Fire und auf seinem florierenden App-Angebot aufbauen, das jetzt mehr als 60 000 Anwendungen umfasst, die die Android-Software von Google verwenden.

Ein derartiger Apparat könnte auch die iPhone-Marktanteile von Apple beschneiden und Geräteproduzenten den Kampf ansagen, die wie etwa Samsung Android-Smartphones bauen. Amazon könnte sein Smartphone als Billiggerät mit niedriger Gewinnmarge anbieten, das gebaut wird, um vom Verkauf der Waren auf der Website Amazon.com sowie von elektronischen Büchern, Spielen und Apps zu profitieren. Diesen Ansatz verfolgt Amazon-Chef Jeff Bezos schließlich auch bei seinen Tablet-Computern, die für ihn eher eine Verkaufsplattform, denn eigenständige Gewinngeneratoren darstellen.

dapd

Jeff Bezos mit dem Kindle Fire.

Ein Amazon-Smartphone würde zudem den Trend zum „Showrooming" verstärken, bei dem Amazon die Kunden dazu anhält, Einzelhandelsgeschäfte quasi als „Ausstellungsraum" zu nutzen. Dort sollen die Kunden die Ware ansehen und anfassen, sie dann aber später online bei Amazon kaufen. Der traditionelle Einzelhandel würde so noch stärker unter Druck geraten. Amazon lehnte eine Stellungnahme ab.

Und nicht nur beim iPhone, auch bei Tablets rückt Amazon gegen Apple vor. Die jüngste Auflage des Kindle Fire macht Boden gut und hat gute Kritiken eingefahren. Es steht also zu erwarten, dass Amazon auch im kommenden Jahr mit einer aktualisierten, nicht allzu teuren Version aufwartet, die seine Nutzer immer tiefer in das Amazon-Ökosystem hineinziehen könnte.

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