• The Wall Street Journal

Griechenhilfe im Namen Gottes

    Von STELIOS BOURAS
dapd

Ein Mann isst ein kostenloses Mittagessen, das eine Hilfsorganisation in Athen gespendet hat. Die Arbeitslosigkeit im rezessionsgeplagten Land steigt, und immer mehr Menschen kämpfen mit Armut und Hunger.

ATHEN—Im Keller der Kirche St. Varvaras gibt Pfarrer Theodoros Georgiou Anweisungen an die zahlreichen Freiwilligen, die hunderte Essenspakete für örtliche Familien zusammenstellen. Auf seinem Schreibtisch klingeln zwei Telefone – immer wieder rufen Leute an, die um Lebensmittel für die wachsende Zahl der Bedürftigen bitten. „Wir lösen hier keine Probleme", sagt Pfarrer Georgiou. „Wir löschen Brände."

Während die Arbeitslosigkeit im rezessionsgeplagten Griechenland steigt, haben immer mehr Menschen mit Armut und Hunger zu kämpfen – so auch in Georgious ehemals mittelständischer Gemeinde in Athen. Die Gemeinde gerät bei ihrer Wohltätigkeit an ihre Grenzen, da die Kirche mittlerweile täglich an 10.000 Athener Essen verteilt. Vertreter der griechisch-orthodoxen Kirche sagen, dass das die größte Hilfsaktion für benachteiligte Menschen seit dem Zweiten Weltkrieg sei.

Der Staat bankrott, die Politik gespalten

Trotzdem beschweren sich Kritiker, dass die Kirche nicht genug tue. Der Staat ist fast bankrott, die Politik gespalten – da bleibe nur die Kirche als starke und vereinende Kraft. Daher solle sie sich nicht nur um das geistliche Befinden, sondern auch um die weltliche Rettung kümmern.

„Die Griechen erwarten, dass die Kirche alles tut, um der Gesellschaft durch diese Krise zu helfen", sagt Aristides Hatzis, Professor für Recht, Volkswirtschaft und Rechtstheorie an der Universität von Athen.

Viele Kritiker glauben, dass die Kirche dem Land finanziell helfen sollte. Sie verfügt über eine beträchtliche Zahl von Immobilien sowie über Anteile an großen Firmen und Staatsanleihen. „Bisher beschränkt sich die Hilfe der Kirche auf Suppenküchen und das Verteilen von Essen, das andere gespendet haben. Das ist alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt Grigoris Psarianos, Mitglied der kleinen Partei der demokratischen Linken, die an der Koalitionsregierung des Landes beteiligt ist.

Die Kirche sagt, dass sie nicht nur Essen, sondern auch medizinische Dienste und Medikamente verteile und damit ihr Bestes tue. „Wir wollen die Grundbedürfnisse der Menschen decken, damit wir eine vernünftige Gesellschaft haben", sagt Pfarrer Vasilios Havatzas, Verwalter des Wohltätigkeitsfonds bei der Erzdiözese Athen. „Die Kirche kann nicht einfach zusehen, wie die Krise ihr Unwesen treibt."

Kritiker wie Psarianos wollen, dass die Kirche höhere Steuern zahlt und das Gehalt ihrer Kleriker selbst übernimmt. Derzeit werden diese noch von der Regierung bezahlt.

Als Griechenland 1952 noch versuchte, sich vom Zweiten Weltkrieg und dem eigenen brutalen Bürgerkrieg zu erholen, trafen Staat und Kirche eine Abmachung: Die Kirche schenkte der Regierung einen Teil ihrer Immobilien. Im Austausch würde der Staat in Zukunft das Gehalt der Geistlichen zahlen.

Die Lohnkosten für die 9000 Mitarbeiter der Kirche sind mittlerweile auf jährlich 200 Millionen Euro angestiegen, berichten Kirchenvertreter. Jetzt werden Forderungen laut, dass die Kirche ihre Gehälter wieder selbst zahlen soll. Kirchenvertreter sagen, sie seien dazu bereit, wenn man das Einkommen der Kirche steigern könne.

Mehr Einnahmen sollen aus Kirchenimmobilien her

Eine mögliche Einkommensquelle ist der Immobilienbesitz der Kirche, der derzeit nur schlecht ausgenutzt wird. Der genaue Wert der Immobilien im Kirchenbesitz ist nicht bekannt, doch nach dem Staat ist sie der zweitgrößte Immobilieneigner Griechenlands. Der Staat besitzt Immobilien im ungefähren Wert von 300 Milliarden Euro.

Kirchenvertreter haben die Privatisierungsagentur der Regierung um Rat gebeten, wie man das Einkommen aus den Immobilien verbessern könne. Doch es könnte mehrere Jahre dauern, bis die Kirche deren Ratschläge umgesetzt hat.

Alkis Konstantinidis for The Wall Street Journal

In der Pfarre der griechischen Kirche St. Varvaras bereiten Frauen Mahlzeiten für die Armenspeisung vor. Die Gemeinde gerät bei ihrer Wohltätigkeit an ihre Grenzen. Sie verteilt jeden Tag an rund 10.000 Athener Essen.

Die meisten Politiker werden die Kirche nicht zu stark bedrängen. 95 Prozent der Griechen bekennen sich als Orthodoxe. Religiöse Ikonen schmücken öffentliche Schulen, Gerichte und sogar Finanzämter. Kleriker beteiligen sich oft an wichtigen ökonomischen und politischen Entscheidungen, und ein Politiker, der die Kirche kritisiert, riskiert die Unterstützung seiner Wähler.

Doch das könnte sich in der nächsten Zeit ändern, da der Ruf der Kirche unter einer Reihe von Skandalen gelitten hat. Unter anderem wurde der Abt eines Klosters beschuldigt, Regierungsvertreter betrogen und sie zu einem ungünstigen Landtausch überredet zu haben, der die Steuerzahler viele Millionen Euro gekostet und 2009 zum Sturz des Premierministers Costas Karamanlis geführt hat.

2005 soll der Abt billiges Agrarland gegen erstklassige Immobilien in Athen eingetauscht haben. Er bestreitet die Anklage, dass er Politiker zu Betrug, Meineid und Geldwäsche angestiftet hat. Die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen.

Bischöfe sollen Millionen unterschlagen haben

Vor kurzem sind außerdem Anschuldigungen laut geworden, dass Bischöfe Millionen von Euro unterschlagen und auf griechische und ausländische Konten geschafft hätten. Die Ermittlungen in dieser Frage laufen noch.

Die Kirche beteuert, dass sie alle Steuern zahlen will, zu der sie gesetzlich verpflichtet ist. 2011 habe sie 12,6 Millionen Euro an den Staat bezahlt.

Auch die Kirche muss nach eigenen Angaben mit weniger Mitteln auskommen. Die Hilfsaktionen kosten immer mehr Geld, während das Einkommen der Kirche sinkt.

Die Kirchgänger spenden weniger, während die Kirche seit 2008 keine Dividenden aus ihrem 1,5-prozentigen Anteil an der Griechischen Nationalbank erhalten hat. Dadurch entgehen der Kirche jährlich fünf Millionen Euro. Mieteinnahmen aus Immobilien sind unter zwei Millionen Euro gefallen, berichtet die Kirche. 2007 betrugen diese noch vier Millionen Euro.

Auch die Geistlichen leiden unter der Krise. In einer Athener Gemeinde muss Pfarrer Nikolaos Koutroumanis seine Frau und seine 14-jährige Tochter mit 30 Prozent weniger Einkommen ernähren, seit die Regierung die Gehälter der Beamten gekürzt hat. Er sagt, er und seine Frau hätten seit zwei Jahren keine neuen Kleider gekauft. „Ich vertraue auf Gott, dass er das Schlimmste verhindern wird", sagt der Pfarrer. „Doch ich fürchte, dass ich meine Rechnungen trotzdem nicht mehr werde zahlen können."

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