• The Wall Street Journal

China fischt in fremden Meeren

    Von CHUIN-WEI YAP und SAMEER MOHINDRU

Der Hunger der Chinesen auf Fische und Meeresfrüchte wächst – das stellt die Beziehungen zu anderen Ländern auf die Probe. Außerdem sorgen sich Wissenschaftler um die Auswirkungen, die die massive chinesische Fischfangflotte auf den weltweiten Bestand haben könnte.

In dieser Woche hat Argentinien zwei chinesische Schiffe festgehalten. Sie sollen illegal in den argentinischen Gewässern gefischt haben. Die Küstenwache fand auf den Schiffen tonnenweise Fisch und Tintenfisch. Die Kapitäne werden nun von den Behörden vernommen.

Der Fall ist nicht der erste dieser Art. Immer häufiger sind chinesische Fischer in Grenz- und Handelsstreitigkeiten verwickelt. Chinesische Schiffe sind in internationalen Gewässern unterwegs, auch in den Gewässern anderer Staaten wird gefischt – darüber gibt es bilaterale Abkommen. Die Fischer arbeiten meist für Privatunternehmen oder sind selbstständig. Normalerweise werden sie nicht von der Regierung gesandt.

Agency France-Presse/Getty Images

Die südkoreanische Küstenwache eskortierte chinesische Seeleute. Sie wurden festgehalten, weil sie illegal im Gelben Meer gefischt hatten.

In asiatischen Gewässern sieht das aber anders aus. Dort werden die Fischer in die Territorialstreitigkeiten verwickelt. Und weiter weg gab es immer wieder Vorwürfe, dass die Chinesen die Meere überfischen und der lokalen Wirtschaft schaden.

Eine amerikanische Behörde, die die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den USA und China in Bezug auf die nationale Sicherheit untersucht, kam Anfang dieses Jahres zu dem Ergebnis, dass die wachsende chinesische Flotte globale Auswirkungen hat.

Kürzlich hat Südkorea ein chinesisches Boot angehalten und 24 Seemänner festgesetzt. Sie sollen illegal im Gelben Meer gefischt haben. Vietnam hat chinesischen Fischern vorgeworfen, Kabel gekappt zu haben, mit denen Gasexplorationen durchgeführt werden. Boote, die unter chinesischer Flagge fahren, wurden auch bei den Inseln gesichtet, die auf Japanisch Senkaku heißen und auf Chinesisch Diaoyu – und auf die beide Länder Ansprüche anmelden. Das hat die ohnehin angespannten Beziehungen zu Tokio noch verschlechtert.

Nirgends auf der Welt wird so viel Fisch konsumiert wie in China, wo man seit Jahrhunderten davon ausgeht, dass Fisch gut fürs Gehirn ist. Nach offiziellen Prognosen steigt auch die Produktion: auf 60 Millionen Tonnen bis 2015. Vor zwei Jahren waren es 53,7 Millionen Tonnen. Im Ausland gibt es mitunter Zweifel an der Richtigkeit der Fangzahlen. Mancherorts wird geglaubt, dass die Produktion noch größer sein könnte.

Die Investmentbank Rabobank schätzt, dass sich die Fischimporte nach China bis zum Ende des Jahrzehnts auf 20 Milliarden US-Dollar belaufen werden. Derzeit liegen sie bei rund 8 Milliarden Dollar.

Peking will seine Fischfangflotte kräftig vergrößern, um den Appetit zu stillen. Bis Ende 2015 soll die Anzahl der Schiffe, die in weiter entfernten Gewässern unterwegs sind, auf 2.300 steigen – das wären 16 Prozent mehr als 2010. Im Vergleich: Die USA kommen auf 200 solcher Schiffe.

„China nutzt die Mittel der fünf maritimen Sicherheitsbehörden, um die Ansprüche auf umstrittene Gewässer durchzusetzen", sagte Daniel Slane von der zuständigen amerikanischen Behörde. Die chinesischen Sicherheitsbehörden begleiteten die Schiffe und verböten es ausländischen Fischern, zu bestimmten Jahreszeiten zu fischen. Das chinesische Landwirtschaftsministerium wollte sich dazu nicht äußern. Aus Peking heißt es, dass das Südchinesische Meer und die Senkaku-Inseln unter das chinesische Hoheitsgebiet fielen und das Land daher das Recht habe, seine Schiffe dorthin zu begleiten.

Nicht nur auf hoher See, sondern auch in anderen Branchen wie Bergbau, Landwirtschaft und Energie hat China Probleme: Das Land sucht nach Rohstoffen, um sein Wachstum zu nähren. China hat sich in den vergangenen Jahren aggressiv daran gemacht, im Ausland Ressourcen zu beschaffen, um die Versorgung mit Energie, Mineralstoffen und Lebensmitteln für die wachsende Bevölkerung sicherzustellen. In den USA und anderen Ländern sorgt das Vorgehen für Unbehagen.

Chinas Hunger auf Fisch wächst zu einer Zeit, in der 87 Prozent der weltweiten Fischereigebiete vollständig ausgebeutet, überfischt oder die Bestände erschöpft sind, wie Daten der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen belegen. Wie andere Staaten hat China internationale Abkommen unterzeichnet, die es dem Land erlauben, in internationalen Gewässern zu fischen. Einige Experten haben Peking dafür gelobt, die Statistiken in einigen Gegenden besser geführt zu haben und mehr Fisch in heimischen Farmen zu züchten.

Agence France-Presse/Getty Images

Ein Schiff der argentinischen Küstenwache (in der Mitte) begleitet zwei chinesische Fischereischiffe, die illegal in argentinischen Gewässern gefischt haben sollen.

Dennoch gab China laut einem Bericht der Europäischen Kommission aus diesem Jahr an, von 2010 bis 2011 nur 368.000 Tonnen Fisch auf offener See gefangen zu haben. Schätzungen gehen aber davon aus, dass es ganze 4,6 Millionen Tonnen sind.

Mehr als zwei Drittel seines Fangs macht China in Afrika. Dort haben die Behörden wenige Ressourcen, um die undurchsichtigen bilateralen Abkommen zu überwachen und sicherzustellen, dass die Fischer für das bezahlen, was sie fangen. Weil es in China an Aufsicht mangele, sei die Situation besonders schwierig, sagte Tabitha Grace Mallory, die sich an der amerikanischen Johns Hopkins School of Advanced International Studies mit der Fischereibranche befasst. „Eines der größten Probleme in China ist ein Mangel an Ressourcen bei den Behörden und wenig Kontrolle über die privaten Fischereiunternehmen, die die Regeln nicht einhalten."

Die chinesischen Fischereien zieht es immer weiter weg. Die benachbarten Gewässer um Nordkorea, Indonesien und Myanmar sind bereits überfischt. Deshalb sei die Produktion in Asien gesunken, heißt es beim chinesischen Landwirtschaftsministerium. In Westafrika seien hingegen zwischen 2010 und 2011 14 Prozent mehr Fische gefangen worden – und der Wert des Fangs sei sogar um 41 Prozent gestiegen.

Eine wichtige Quelle für China ist auch Peru. Das südamerikanische Land hat die Quote für den kommerziellen Fang für Anchovis für diese Saison um 68 Prozent auf 810.000 Tonnen gekürzt – das ist so wenig wie seit 25 Jahren nicht mehr. Der Grund: Der Bestand ist so stark dezimiert. Anchovis werden zu Fischmehl verarbeitet, ein Produkt, dessen größter Exporteur Peru ist. China ist der Hauptabnehmer. „Perus Handel mit China kann in der Zukunft noch deutlich ausgeweitet werden, aber wir wollen auch die Meeresressourcen bewahren", sagte der peruanische Botschafter in China, Gonzalo Gutiérrez, dazu.

—Mitarbeit: Shane Romig

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