• The Wall Street Journal

Warum machen uns Smartphones nicht produktiver?

    Von DENNIS K. BERMAN

Stellen Sie sich vor, Sie würden sich jeden Morgen nach dem Aufwachen Tastatur, Bildschirm, WLAN-Empfänger, PC, Kamera und Lautsprecher um den Körper binden, bevor sie aus der Tür gehen. Das tun Sie natürlich schon. Sie nutzen ein Smartphone – und heute hat dieses dünne Gerät in etwa die Rechenkraft eines Highend-PCs des Jahres 2005.

Wir sehen die kleinen Telefone als Spielegeräte, Webbrowser und Nachrichten-Zentrale. Doch im Innersten sind sie wie die Computer vor der Smartphone-Ära: Effizienzmaschinen, ein Mittel zum Zeitsparen, Distanzen zu überwinden und Kosten zu reduzieren. Und dennoch beobachten wir etwas Bizarres: Obwohl es in den USA 130 Millionen Smartphones gibt, können Ökonomen sie nicht finden.

Smartphones spiegeln sich nicht in Produktivitätsdaten wider

Damit meine ich, dass sie nicht beobachten können, dass Smartphones die Produktivität der Arbeitnehmer verbessern, wie es bei Computern in den vergangenen 70 Jahren pausenlos der Fall war. Produktivitätswachstum ist die Ursache für steigende Lebensstandards. Es ist der Grund dafür, dass wir mehr Waren und Dienstleistungen zur Verfügung haben, als sich unsere Großeltern überhaupt nur vorstellen konnten.

Die offiziellen Zahlen zum Produktivitätswachstum sind niedrig im Vergleich zum erstaunlichen Wachstum von drei Prozent jährlich in der ersten Web-Ära, das wir grob in den Jahren 1995 bis 2004 beobachten konnten. Seit 2004 wächst die Produktivität jährlich nur noch um etwa 1,5 Prozent – das ist sogar weniger als der Langzeitdurchschnittswert von 2,25 Prozent. Fast scheint es, als hätte ein zeitfressender Schwarm wütender Vögel unsere Produktivität wie einen Wurm vergraben.

Klassisch wird eine Produktivitätssteigerung dadurch definiert, dass die Arbeitszeit sinkt, das Ergebnis verbessert wird oder beides zugleich geschieht. Nach dieser Definition, argumentiert der Ökonom Robert J. Gordon von der Northwestern University im US-Bundesstaat Illinois, hat das iPhone „absolut gar nichts" dazu beigetragen, die Produktivität zu verbessern.

Agence France-Presse/Getty Images

Samsung Galaxy S 4. Warum finden Ökonomen die Smartphone-Revolution nicht in den Daten zur Produktivität?

Stimmt also etwas mit den Daten der Regierung nicht? Oder – was noch verblüffender wäre – überschätzen wir wie stark diese kleinen Maschinen unseren Lebensstandard beeinflussen? Die Antworten darauf sind nicht eindeutig und teilweise widersprüchlich. Zunächst können wir nur auf unsere fehlbare Alltagsbeobachtung zurückgreifen. Hier scheint die entscheidende Frage zu sein: Gibt es einen Bereich des Alltags oder des Geschäftslebens, auf den die Geräte keinen Einfluss haben?

Apps verändern viele Branchen

Nehmen wir einen kleinen Jet, der gerade außerhalb einer großen Stadt gelandet ist. Vor einem Jahr hätte der Pilot den Jet vollgetankt – unabhängig vom Preis des Kerosins. Informationen über Kerosinpreise über Mittelsmänner waren ungeordnet und lückenhaft. Heute nutzt der Pilot vermutlich eine kleine mobile App namens Fuelerlinx. Das Programm sammelt und analysiert die Kosten von Kerosin an Flughäfen rund um die Welt und empfiehlt die besten Preise.

2008 begann Fuelerlinx-Gründer Kevin Moller damit, die Preise von 1.800 Standorten über Telefon und Fax zu sammeln und sie manuell jeden Mittwochmorgen in eine riesige Excel-Tabelle einzugeben. Heute ist die Preisauskunft zu großen Teilen automatisiert und die Piloten haben via Smartphone Zugriff darauf. „Vor fünf Jahren fehlte es an den nötigen Prozessoren, der Internetgeschwindigkeit und den Tools. Jetzt kommt alles zusammen", sagt Moller. „Die Leute können jeden Tag mehr erledigen."

Verbindung von Vernetzung, Cloud und mobilen Geräten

Angesichts des globalen Handels ist das nur eine kleine Veränderung in einem sehr kleinen Markt. Aber dasselbe passiert in allen Branchen: Eine kreative Verbindung aus mobiler Rechenkraft, schnelleren mobilen Netzen und der Rechenkraft aus der Cloud. Der Buchautor Nicco Mele nennt das „radical connectivity" – „radikaler Vernetzungsgrad". Letztlich ist Computerrechenkraft mobil und damit allgegenwärtig geworden.

Es ist der Unterschied zwischen einer Artilleriekanone und einem Panzer. „Fast jeder Bereich menschlicher Aktivitäten wird durch die Möglichkeit die Computerkraft zu nutzen berührt sein", sagt Dan Sichel, Professor am Wellesley College. Er ist der Meinung, dass die offiziellen Zahlen zur Produktivität den Einfluss von Technologien unterrepräsentieren.

Die Produktivitätssteigerung lässt sich beispielsweise bei Ebay sehen. Geschäftsführer John Donohoe beschreibt Nutzer, die drei Millionen Auktionsobjekte pro Woche mittels mobiler Geräte einstellen. „Sie erstellen das Foto und den Eintrag in zwei Minuten ", sagt Donohoe. „Sie sind deutlich produktiver."

Das beste Beispiel aber ist die Taxibranche. Dort nutzen neue Dienste mobile Apps, die Fahrgast und Fahrer ermöglichen, sich gegenseitig schnell zu finden. Es ist offensichtlich, dass das Zeit, Sprit und Nerven schont. Laut Travis Kalanick, Chef der Taxi-App Uber, verdienen Taxi-Fahrer, die sein System nutzen, 10.000 Dollar mehr im Jahr als andere.

Für Ökonomiefreaks ist es aber schwierig, all diese kleinen Verbesserungen in der Wirtschaft zu erfassen – insbesondere bei kleinen Unternehmen. Volkswirt Sichel nennt die bisherigen Produktivitätsdaten eine grobe Blaupause.

Die Früchte der Technik ernten nicht alle

Oft verändert sich Technik außerdem schneller als die Menschen – die Früchte neuer Technologien sind häufig nicht breit verteilt. Ein Grund dafür, warum die Unternehmensgewinne hoch und die Gesamtbeschäftigung schwach bleibt, liegt darin, dass Technik und nicht Menschen den Großteil der Arbeit verrichten. Venture Capitalist Marc Andreesen glaubt sogar an eine Zukunft mit zwei Klassen auf der Welt: Diejenigen, die die Maschinen programmieren und diejenigen, die von ihnen programmiert werden.

Alles in allem bewegen wir uns auf eine Welt zu, die der Computertheoretiker J.C.R. Licklider schon 1960 vorhergesehen hat: „In nicht allzu ferner Zukunft werden das menschliche Gehirn und Computermaschinen sehr eng vernetzt sein", schrieb er. „Die daraus resultierende Partnerschaft wird denken wie nie ein menschliches Hirn zuvor gedacht hat und Daten auf eine Art verarbeiten können, die wir von den datenverarbeitenden Maschinen heute nicht kennen."

Das passiert nun – und zwar schnell.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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