• The Wall Street Journal

Der Schiffsfonds ist tot, es lebe die Schiffsanleihe

    Von ISABEL GOMEZ
[image] Agence France-Presse/Getty Images

Die Schifffahrtsbranche liegt seit der Finanzkrise darnieder, sucht aber weiter nach Finanzierungsquellen. Jetzt hat sie den Anleihemarkt entdeckt.

Ab Mitte Juni wird es ein neues Papier für renditehungrige Investoren geben. Die Reederei Rickmers will im Juni ihre erste Unternehmensanleihe begeben. Sie soll mit einem Kupon zwischen 8,5 und 9,125 Prozent an den Markt kommen, eine Laufzeit von fünf Jahren haben und der Reederei bis zu 200 Millionen Euro in die Kasse spülen.

Damit wagt sich das nächste Unternehmen aus der Schifffahrtsindustrie an den Anleihenmarkt. Im Herbst 2010 hatte schon die Hapag-Lloyd eine Anleihe lanciert, im November 2012 zog die Reederei Peter Dielmann über die „MS Deutschland" Beteiligungsgesellschaft nach und gab eine Mittelstandsanleihe aus, die als „Traumschiff"-Anleihe bekannt wurde. Grund für den Gang an den Markt ist das riesige Finanzierungsproblem, mit dem die Schifffahrtsindustrie seit gut fünf Jahren kämpft.

Nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers schrumpften viele auf Schiffsfinanzierung spezialisierte Banken ihr Geschäft oder stellten es ein. In Deutschland musste etwa die HSH Nordbank, bis dahin der größte deutsche Schiffsfinanzierer, als Bedingung für staatliche Rettungsgelder das Schiffsgeschäft zum Verkauf geben. Aufgrund der Rezession hatten sich die Aussichten für die Branche schlagartig verschlechtert. Während viele Schiffe auftragslos vor Anker lagen, häuften sich die Fixkosten für die Instandhaltung der Pötte an, Einnahmen blieben aber aus.

Parallel dazu hat der Sektor mit der Pleite zahlreicher Schiffsfonds seine zweite Kapitalquelle verloren. 2008 war die Fondsgattung nach Immobilienprodukten die stärkste bei geschlossenen Fonds, in die anders als bei offenen Fonds nur während des Platzierungszeitraums investiert werden darf. 2006 kamen nach Angaben der Bankenaufsicht Bafin rund 190 von mehr als 650 zur Genehmigung eingereichte Verkaufsprospekte aus dem Bereich Schiffsfinanzierung. Laut Stiftung Warentest sind seit 2008 mehr als 180 Schiffsfonds pleite gegangen. Sie waren mit gut 4 Milliarden Euro, meist Anlegergeldern, finanziert worden.

Hohe Rendite könnte hungrige Anleger reizen

Dieser Liquiditätsengpass trifft nun am Markt auf den Renditehunger von Investoren. Als sicher geltende Staats- und Unternehmensanleihen guter Bonität rentieren deutlich niedriger als risikobehaftete Anleihen. Durch die rekordniedrigen Leitzinsen vernichten Anleger von Bundesanleihen abzüglich der Inflationsrate real ihr Geld. Dagegen hört sich eine Rendite zwischen 8 und 9 Prozent ziemlich gut an.

Dass Rickmers solche Zinsen zahlen muss, um überhaupt Abnehmer zu finden, ist auch dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden Ignace Van Meenen klar. „Zum einen sind wir Erstemittent, zum anderen haftet uns ein Branchenmalus an. Daher müssen wir eine kleine Prämie bezahlen", sagt Van Meenen dem Wall Street Journal Deutschland. Die Ratingagentur Creditreform stuft Rickmers mit einem Rating von „BB" als Sub-Investmentgrade-Anleihe ein. Wäre man nicht Teil einer derzeit brachliegenden und extrem konjunkturanfälligen Branche, so Van Meenen, dürfte sich das Rating sogar auf „BBB" belaufen.

„Ich frage mich, wie diese Einschätzung zustande kommt", sagt dagegen ein Analyst der Branche. Weder Moody's noch Standard & Poors, die andere Unternehmen aus der Branche bewerten, würden die Bonität von Reedereien als so gut einstufen, meint der Kenner. Erst im Oktober 2012 hatte Moody's etwa die Hapag-Lloyd-Holding auf „B2" von „B1" abgestuft und den Ausblick auf negativ gesetzt.

Nur zum Verständnis: „B2"-Anlagen gelten als hochspekulativ. Verschlechtert sich das wirtschaftliche Umfeld, sind Ausfälle wahrscheinlich. „BB" gilt als spekulative Anlage, bei der mit Ausfällen zu rechnen ist. „Gefühlt würde ich von dem Rickmers-Rating 3 Notches abziehen", so der Analyst. Als Notches werden im Ratingprozess die unterschiedlichen Stufen bezeichnet. „Weder ist das Unternehmen sehr transparent, noch spricht die Zyklik der Branche für eine Anlage in einer Unternehmensanleihe", sagt der Experte. Unter diesen Gesichtspunkten sei der Kupon sogar noch niedrig.

Die Branchenaussichten sind trübe

Eine neue Branchenstudie von Moodys schießt in eine ähnliche Richtung. Fallende Ölimporte in den USA drückten auf die Margen von Frachtern. Der Transport halbfertiger Güter werde negativ vom Anziehen der Produktionskapazitäten in Industrieländern beeinflusst. Strengere Vorgaben in Sachen Umweltverträglichkeit von großen Schiffen sowie höhere Spritkosten führten zu höheren Kosten bei den Reedereien. All das könnte die Wettbewerbssituation in der Schifffahrt verschärfen und die Kreditwürdigkeit von Reedereien in den kommenden fünf Jahren grundlegend verändern – zum Negativen.

Michael Munsch von Creditreform hebt indes hervor, dass sich Rickmers nicht nur auf Containerschiffe konzentrieren würde, sondern mit einem Angebot maritimer Dienstleistungen sein Portfolio verbreitert habe. Zudem schreibe das Unternehmen schwarze Zahlen, wenn auch auf einem niedrigen Niveau. Neben den Finanzdaten sei die Beurteilung der Risiken im Geschäftsmodell und der internen Strukturen entscheidend für das Rating. Während man sich der Branchenrisiken bewusst sei, sei Rickmers intern „hervorragend aufgestellt".

Die Nachfrage von institutionellen Investoren ist laut Van Meenen zufriedenstellend. Seit Dienstag ist das Unternehmen unterwegs und spricht nach eigenen Angaben Vermögensverwalter, Banken und Stiftungen an. Allerdings deutet die Stückelung der Anleihe von 1.000 Euro darauf hin, dass mit dem Papiere vorzugsweise Privatanleger angesprochen werden sollen. Aus diesem Grund wird mit der Anleihe wohl auch eine Notierung im Freiverkehr des Frankfurter Prime-Standard-Segments angestrebt werden.

Riskante Wette auf eine Erholung der Schifffahrtsindustrie

Die Anleihe von Hapag Lloyd, die 2015 fällig wird, hat einen Kupon von 9 Prozent und rentiert aktuell mit 6,7 Prozent. Das Papier wird von Analysten als gute Beimischung in einem Portfolio mit starker Risikoneigung gewertet. Allerdings ist die Anleihe zu 100.000 Euro gestückelt und soll demnach eher institutionelle Investoren ansprechen. Im Unterschied zu Rickmers muss Hapag-Lloyd als börsennotiertes Unternehmen alle Informationen offen legen. Und die „Traumschiff"-Anleihe ist über Zuschüsse der Gesellschafter besichert.

Ronald Widdows, Vorstandschef der Reederei, schreibt in der Pressemitteilung zur Emission, dass sich die Gruppe in den vergangenen beiden Jahren darauf ausgerichtet habe „Chancen zu nutzen, die sich bei einer beginnenden Erholung der Schifffahrtsindustrie ergeben werden". Allerdings räumt er auch ein, dass die Branche dafür noch Zeit brauche. „Wir gehen davon aus, dass in diesem und im kommenden Jahr noch Überkapazitäten bestehen werden."

Anleger sollten sich also ganz genau überlegen, ob sie das Risiko eingehen wollen, für 8 oder 9 Prozent Rendite in ein Unternehmen zu investieren, dass noch 18 Monate von einem mauen Geschäft ausgeht und in einer Branche tätig ist, für die in den nächsten fünf Jahren negative Veränderungen erwartet werden.

Kontakt zum Autor: isabel.gomez@dowjones.com

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