• The Wall Street Journal

Der Klub der Wolkenliebhaber

    Von GAUTAUM NAIK
Sylvain Gutjahr

"Asperatus" - so nennen Wolkenfans diese Erscheinung, die auch über einer Insel nahe der Antarktis zu sehen war.

Wütend wie die aufgewühlte Brandung stahlgrauer Meereswogen rollt die Riesenwolke heran. Sie scheint den Betrachter förmlich in den Boden drücken zu wollen. "Als wärst du unten drunter und würdest zur stürmischen See hinaufschauen", beschreibt Gavin Pretor-Pinney das Gefühl, eine verkehrte Welt wahrzunehmen. Bisher sei er allerdings erst einmal in den Genuss dieses Erlebnisses gekommen, berichtet der Gründer der britischen Cloud Appreciation Society. Weit davon entfernt, ein kleiner Club für eine Hand voll schrulliger Briten zu sein, vereinigt die Gesellschaft der Wolkenverehrer mittlerweile rund 32.000 Mitglieder aus aller Welt auf sich.

Das seltene Himmelsschauspiel fasziniert die Wolkenanbeter der Gesellschaft schon seit längerem. So begeistert sind sie von der ungewöhnlichen Zusammenballung, dass sie die flüchtige Erscheinung unbedingt im Internationalen Wolkenatlas offiziell als neue Unterart gewürdigt wissen wollen. Doch um Einlass in das exklusive Kompendium zu erhalten, müssen sie erst die strengen Torwächter bei der Uno von den Qualitäten der Formation überzeugen.

Denn die Uno, die in der Regel mit irdischen Angelegenheiten wie Krieg, Erdbeben und Hungersnöten befasst ist, streckt ihre Fühler auch in himmlische Gefilde aus. Ihr obliegt die Entscheidung, welche luftigen Kandidaten sich dazu qualifizieren, als eigenständige Wolkentypen definitiv klassifiziert und der exklusiven Sammlung einverleibt zu werden. Das maßgebliche Nachschlagewerk, das erstmals 1896 erschienen ist, besteht aus zwei Bänden, die die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) mit Sitz in Genf herausgibt. Die UN-Sonderorganisation unterteilt darin einige hundert Wolkenerscheinungen in vier Familien mit zehn Gattungen, 14 Arttypen, neun Unterarttypen und neun Sonderformen.

Schon so mancher Traum glühender Wolkenliebhaber, mit ihrer frisch identifizierten Lieblingsformation offiziell anerkannt zu werden, ist am Widerstand der Organisation gescheitert. Schon seit mehr als fünfzig Jahren haben die offiziellen Wolkenbewerter keinen Neuzugang mehr zugelassen. Was die Wolken angeht, so scheint sich nichts Neues unter der Sonne abzuspielen. Oder vielleicht doch? Für die Cloud Appreciation Society zeichnet sich nun nach geduldigem Warten ein Silberstreif am Horizont ab.

Von Wellen bis Tropfen - die schönsten Wolkenformationen

Jochun Ho

In den vergangenen Jahren haben die Himmelsbeobachter der britischen Gesellschaft mehrere Fotos jener sonderbaren Wolkenstruktur geschossen, die bei Club-Gründer Pretor-Pinney das Gefühl auslösten, von unten in ein graues, wütendes Wellengetöse zu blicken. Diese lebhaften Formationen hat es schon immer gegeben. Aber sie haben es vielleicht deshalb nicht in den Wolkenatlas geschafft, weil sie sich so selten zusammenballen.

Überall auf dem Globus finden sich immer mehr Interessierte, die den Himmel nach Wolken absuchen. Wissenschaftler wollen wissen, wie sich die Ansammlungen feinster Wassertropfen auf den Klimawandel auswirken. Professionelle Wetterfrösche mühen sich um präzisere Vorhersagen. Und ganz gewöhnliche Hobby-Himmelsforscher knipsen tausende von Wolkenbildern und stellen sie ins Web.

"Hier in Spanien drückt uns die Finanzkrise auf den Boden. Für uns ist es wichtig, in die Wolken zu schauen, damit wir von besseren Zeiten träumen können", sagt der 34-jährige Musiker German Diaz Lopez, der Mitglied in der Cloud Appreciation Society ist. Im Oktober hatte Diaz den "Ersten Internationalen Kongress zur Beobachtung von Wolken" organisiert. Rund 80 Teilnehmer fanden sich in Lugo im Nordwesten von Spanien ein, um gegen eine Gebühr von 90 Euro pro Person an der dreitägigen Veranstaltung teilzunehmen.

Ein Meteorologe wies die Wolkenbeobachter in technische Aspekte ein. Ein Fotograf steuerte Ratschläge bei, wie sich Wolken am besten ablichten lassen. Die Teilnehmer begaben sich auf Exkursionen, um die Nebelformationen am Himmel auszukundschaften. Und diejenigen, die den Objekten ihrer Begierde möglichst nahe kommen wollten, erhoben sich mit Hilfe von Gleitschirmen und Heißluftballons in die Lüfte. Doch leider herrschte bestes Wetter, ein strahlend blauer Himmel schaute auf die Späher herab. "Es gab kaum Wolken", erinnert sich Diaz.

Dass er einmal zum Gründer einer Gesellschaft zur angemessenen Würdigung von Wolken avancieren würde, hätte sich Gavin Pretor-Pinney nicht träumen lassen. Der 45-jährige Schriftsteller, dessen Tochter mit zweitem Vornamen Cirrus heißt, sollte 2004 auf einem Literaturfestival einen Vortrag über Wolken halten. Um ein größeres Publikum anzulocken, hatte er seiner Ansprache den launigen Titel "Rede zur Eröffnung der Gesellschaft zur Wertschätzung der Wolken" verpasst. Als er das Rednerpult verließ, kamen zu seiner Überraschung mehrere Zuhörer auf ihn zu und baten ihn, seinem Club beitreten zu dürfen. Und so wurde die Gesellschaft aus der Taufe gehoben.

"Das ist wie bei einem Schneeballsystem", erzählt Pretor-Pinney. "Solange Leute beitreten, funktioniert es. Ich will nur die Kosten abdecken." Neuzugänge zahlen eine Gebühr von neun Dollar. Dafür erhalten sie einen Mitgliedsausweis und ein Abzeichen. Auf der Website der Gesellschaft tauschen sich die Clubangehörigen lebhaft über jüngste Entdeckungen am Himmel aus. Über 10.000 Wolken-Fotos haben sie dort schon eingestellt. Großbritannien und die USA stellen zwar die meisten Mitglieder. Insgesamt gehören dem Wolkenclub allerdings Vertreter aus fast hundert Ländern der Erde an. Simbabwe, die Mongolei und Gabun sind mit jeweils einem Mitglied repräsentiert.

Dabei schien nicht jedes Clubmitglied von vornherein für die Beobachtung des Himmelsgewölks prädestiniert zu sein. Wie anderen Hobby-Astronomen waren auch dem Iraker Azhy Hasan die himmlischen Nebelbänke verhasst, die ihm den freien Blick auf die begehrten Sterne verschleierten. Doch als er eines Nachts auf der Suche nach den blinkenden Himmelskörpern versuchte, mit seinem Teleskop eine Cumulus-Formation zu durchdringen, blieb sein Blick an den Wolken. Er war gebannt. "Ich habe erkannt, dass Wolken etwas Wunderschönes sind", schwärmt er.

Nachdem in Irland zwei Wolkenfestivals zum durchschlagenden Erfolg gerieten, hat sich mittlerweile eine Irish Cloud Appreciation Society herausgebildet. An der Gründung eines spanischen Ablegers wird gerade gearbeitet.

Das Internet quillt mit Wolkenfotos förmlich über

Und jetzt hoffen die Wolkenstürmer, sich einen Platz im Internationalen Wolkenatlas zu erobern. Nicht nur Pretor-Pinney hatte dieses seltsame Gewölk wahrgenommen, das wie eine Meeresbrandung über den Himmel wogt. Im Jahr 2006 hatten mehrere Wolkenwächter ein merkwürdiges, wellenförmiges Gebilde fotografiert, das damals über Cedar Rapids im US-Bundesstaat Iowa hinweg waberte. Sie schickten ihre Bilder an Pretor-Pinney, der der Formation den Namen "Jacques Cousteau" verlieh - eine Hommage an den berühmten Meeresforscher aus Frankreich. Eine Umfrage unter den Mitgliedern der Gesellschaft nach einer Alternativbezeichnung förderte Vorschläge wie "Das Jüngste Gericht" zu Tage. Oder die "Sixtinische", um "ihren raumgreifenden Pinselstrich und die malerischen Eigenschaften zu würdigen".

Pretor-Pinney zog schließlich seinen Cousin zu Rate, um der Formation ihren Namen zu geben. Der Lateinlehrer plädierte für undulatus asperatus , was in etwa mit "schroffer Welle" zu übersetzen wäre. Und dann machte sich der Club-Gründer daran, die offizielle Anerkennung zu beantragen.

Ende 2008 trug Pretor-Pinney sein Anliegen vor einem Expertengremium der britischen Royal Meteorological Society vor. Die Wolkenspezialisten waren durchaus angetan: Ja, so lautete ihre Antwort, die Wolke sieht neu aus. Aber um die Wissenschaftler restlos zu überzeugen, seien weitere Nachforschungen nötig.

Die Clubmitglieder sicherten sich wissenschaftlichen Beistand. Ein Hochschulabsolvent entwarf für sie ein Computermodell, das zeigte, wie die Wolke sich bildete. Und wie sie sich von ähnlichen, bereits katalogisierten Unterarten unterscheiden könnte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Name Asperatus für diese Himmelserscheinung unter Wolkenfans auf der ganzen Welt bereits eingebürgert.

Und der UN-Organisation WMO ist mittlerweile auch schon aufgefallen, dass das Web mit Wolkenfotos förmlich überquillt. Besonders amüsant finden die Gralswächter des Wolkenatlas dieses gesteigerte Interesse an ihrem ureigenen Revier eigentlich nicht. Sie verweisen darauf, dass diese Amateurerzeugnisse, die gelegentlich auch ungenau ausfielen, den Wert des offiziellen Standardwerks untergraben und Verwirrung stiften könnten. "Das ist riskant. Wenn die Leute damit anfangen, ihre eigenen Bilder und Definitionen zu benutzen, verlieren wir die weltweit gültige Standardisierung" des Wolkenatlas, meint der WMO-Meteorologe Roger Atkinson.

Nasa will die Daten der Wolkenfans nutzen

Im Mai hat die WMO eine zehnköpfige Arbeitsgruppe gebildet. Sie soll darüber entscheiden, ob und wie der Wolkenatlas online veröffentlicht werden soll. Die Mannschaft wird auch bewerten, ob die Bilder in dem Sammelwerk aktualisiert werden müssen. Und im Ermessen des Teams der UN-Sonderorganisation wird es auch liegen, ob die Asperatus-Formation einen eigenen Eintrag im Atlas wert ist.

Mit einem schnellen Entschluss ist nicht zu rechnen. Die Wissenschaftler der Arbeitsgruppe werden sich im Verlauf des Jahres zusammensetzen und ihre Empfehlungen Anfang 2014 einem Verwaltungsausschuss übermitteln. Die Vorschläge werden dann den Repräsentanten der meteorologischen Stellen in den 191 Mitgliedsländern der WMO zur Überprüfung vorgelegt.

Wenn die Mehrheit zustimmt, werden die Vorschläge angenommen. "Das ist ein langsamer Vorgang", sagt Bertrand Calpini, ein Physiker bei der WMO, der das Projekt leitet. "Aber bis 2015 könnten wir einen neuen Atlas in den Händen halten."

Heißt das für die Cloud Appreciation Society, abwarten und bis dahin Tee trinken? Die Wolkenfans denken gar nicht daran. Im Juni hat der Verein eine App namens "CloudSpotter" herausgebracht. Die Anwendung läuft auf iPhones und hilft den Himmelbeobachtern dabei, Wolken zu identifizieren. Die Nasa plant, diese bodengestützten Daten anzuzapfen und sie mit Wolkendaten aus der Luft abzugleichen, die die US-Weltraumbehörde derzeit via Satellit sammelt.

Und welches Schicksal der Asperatus-Erscheinung letztendlich beschieden ist, hängt derzeit noch in der Luft. Atkinson von der WMO belässt es bei einer wolkigen Bemerkung: "Es ist möglich, dass die Arbeitsgruppe ihr ausreichende Qualitäten zubilligt und sie als neue Klassifizierung zulässt. Aber ich möchte keine Prognose wagen. Die Leute machen sich sonst möglicherweise Hoffnungen."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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