• The Wall Street Journal

Ein Komiker erobert Italien

    Von GIADA ZAMPANO und STACY MEICHTRY

Als der italienische Komiker Beppe Grillo vor vier Jahren seine Partei Movimento 5 Stelle gründete, wollte er dem Establishment des Landes den Kampf ansagen. Mittlerweile ist Grillos Fünf-Sterne-Bewegung dermaßen erfolgreich, dass sie vielleicht bald selbst zu den einflussreichsten Kräften in der italienischen Politik zählen wird. "Diese Welt - die westliche Welt - ist gescheitert. Wir brauchen dringend einen Plan B. Und wir sind dieser Plan B", sagte der 64-Jährige am Sonntag im norditalienischen Verona. "Wir haben uns verbreitet wie ein Virus."

Grillo ist unterwegs auf Stimmenfang. Am 24. und 25. Februar finden in Italien landesweite Parlamentswahlen statt. Weniger als zwei Wochen vor der Abstimmung begeistert Grillos Movimento laut Umfragen 18 Prozent der italienischen Wähler. Damit kommt die Partei derzeit auf den dritten Platz. Vor ihr liegen nur die Mitte-links angesiedelte Demokratische Partei und die rechtspopulistische PDL von Ex-Premier Silvio Berlusconi. Die Partei des scheidenden Ministerpräsidenten Mario Monti hat Grillo bereits hinter sich gelassen. Gelingt es seiner Fünf-Sterne-Bewegung, dieses Ergebnis tatsächlich zu halten, könnte sie sich mindestens 80 Sitze im Parlament sichern. Und das würde reichen, um das Zünglein an der Waage zu spielen.

Unterstützer und Kritiker des Komikers sind sich einig: An Grillos Aufstieg lässt sich ablesen, wie unzufrieden die Italiener mit den Traditionsparteien und der herrschenden Politikerkaste im Land sind. Viele Wähler werfen den Eliten Italiens vor, Jahrzehnte lang Misswirtschaft betrieben zu haben. Sie hätten die Verschuldung des Staats auf schwindelerregende Höhen - derzeit erreicht sie 126 Prozent der Wirtschaftsleistung – getrieben. Und sind so daran Schuld, dass Italien im vergangenen Jahr in den Strudel der europäischen Schuldenkrise geriet.

reuters

Aufgeladen: Der Polit-Aktivist Beppe Grillo während einer Veranstaltung in Siena.

Seine komödiantische Karriere hatte Grillo in den achtziger Jahren in Gang gesetzt. In Mailand füllte er die Kabarettsäle und Clubs, in denen sich die Improvisationskünstler tummelten. Er ist weder rechts noch links gerichtet. Falls er sich durchsetzt, hat er den Italienern einen Bürgerentscheid in Aussicht gestellt. Sie sollen dann selbst darüber entscheiden, ob Italien den Euro beibehält. Außerdem will er erreichen, dass vorbestrafte Politiker aus dem Parlament verbannt werden oder erst gar nicht hineingelangen.

Sein Name selbst wird allerdings nicht auf dem Stimmzettel erscheinen. Grillo war 1981 mit seinem Jeep von der Straße abgekommen und hatte drei Menschen getötet. Er wurde wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Er halte sich an die Vorgabe seiner Partei, keine Vorbestraften zu nominieren, beteuert Grillo. Stattdessen will er eine Warte abseits der Machtzentralen beziehen und von dort aus seine Gruppierung genau im Auge behalten. "Meine Rolle ist die des Aufpassers", sagt er.

Er füllt auf seiner Wahlkampftour die Stadthallen und Plätze. Sein Programm und die bildreich-deftige Sprache, die er einsetzt, um es auszuschmücken, werden kontrovers diskutiert. Kaum ein anderer polarisiert die italienische Öffentlichkeit so stark wie Grillo. Seine Anhänger sehen in ihm einen jovialen Agitator, der im Sumpf wühlt und Skandale enthüllt, der den Privilegierten zu schaffen macht und die Mächtigen verspottet.

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Seine Kritiker nennen ihn einen modernen Girolamo Savonarola. Der fanatische Bußprediger aus Ferrara hatte im 15. Jahrhundert mit flammenden Reden gegen die Verkommenheit der herrschenden Schichten gewettert und das Volk auf seine Seite gezogen. Von Savonarola aufgewiegelte Jugendliche hatten in Florenz im Namen Christi Luxusgegenstände beschlagnahmt, die ihnen sündhaft erschienen, und in einem "Fegefeuer der Eitelkeiten" verbrannt. Berlusconi bezeichnete Grillos Bewegung jüngst als "extrem extreme Linke". Allerdings räumte auch er ein, dass "Grillos Gruppe eine rechtmäßige Protestpartei ist, denn die Politiker haben sich selbst im schlechtesten Licht dargestellt".

Im skandalgeplagten Italien hat Aufklärer Grillo alle Hände voll zu tun. Auch die Turbulenzen um die toskanische Bank Monte dei Paschi di Siena ließ er sich nicht entgehen. Bei dem Geldhaus sind seit einigen Jahren Verluste über hunderte von Millionen Euro aus Geschäften mit strukturierten Wertpapieren aufgelaufen. Um auf die jüngste Hauptversammlung zugelassen zu werden, kaufte sich Grillo eine Hand voll Aktien der Bank und beschimpfte dann die Manager des Instituts.

"Als Aktionär, als Bürger und als Person möchte ich Klarheit darüber, warum das Geld fehlt. Wer hat es genommen? Lasst sie uns auf die Anklagebank bringen, wir machen ihnen vor dem Gericht der öffentlichen Meinung den Prozess", forderte Grillo. Diese Aktion verschaffte seiner Partei in den Umfragen Auftrieb, während die Demokratische Partei, die seit langem mit der Bank verbandelt ist, in der Wählergunst sank.

Grillo wurde in den achtziger Jahren von einem Fernsehmoderator entdeckt und ins nationale Rampenlicht katapultiert. Eine Zeit lang war er aus dem italienischen Fernsehen nicht mehr wegzudenken. Sein Hang zur Respektlosigkeit kam allerdings nicht gut bei den politischen Parteien an, die das staatliche italienische Fernsehen damals kontrollierten. Im Jahr 1986 beendete einer seiner Witze über die damals regierende Sozialistische Partei Italiens seine Fernsehkarriere, erinnert sich Grillo. Seitdem stehe er dem italienischen Fernsehen äußerst skeptisch gegenüber. Er wende sich lieber neuen Kanälen wie dem Internet zu und trete auf öffentlichen Plätzen auf.

Im Jahr 2005 schloss sich Grillo mit einem Medienberater zusammen und brachte einen eigenen Blog auf den Weg. Dort enthüllte er Vergehen in Unternehmen und Korruptionsskandale in der Regierung. Sein Blog mauserte sich schnell zu einer der meistbesuchten Websites in ganz Italien. Außerdem konnte er seine Anhänger auf diesem Weg bequem über Zusammenkünfte und Veranstaltungen informieren, die seine Unterstützer im ganzen Land abzuhalten begannen.

Zu seinen frühesten Anhängerinnen zählte Roberta Lombardi. Die Möbelverkäuferin kandidiert bei den anstehenden Wahlen für einen Sitz im Abgeordnetenhaus. Sie hatte sich bei den parteiinternen Vorwahlen durchgesetzt, die im vergangenen Jahr ausschließlich über das Internet abgehalten wurden. Dieses Experiment der "direkten Demokratie" werde sich hoffentlich auch auf das Parlament übertragen lassen, sagt sie. Im Falle ihrer Wahl wollen sie und andere Fraktionsmitglieder sich über das Internet regelmäßig mit den zehntausenden Anhängern ihrer Bewegung beratschlagen. "Wir werden vollkommen transparent arbeiten. Wir werden nicht vergessen, woher wir kamen", verspricht Lombardi.

Agence France-Presse/Getty Images

Bestürmt: Beppe Grillo inmitten von Medienvertretern in Siena.

Bisher hat Grillo nur eine grobe Skizze seiner politischen Vorhaben abgeliefert. Er will staatliche italienische Konzerne wie den Erdölriesen Eni und die Telecom Italia zerschlagen, die für ihn "Monopole" darstellen. Bei den öffentlichen Ausgaben will er die Axt anlegen, die Steuern auf die Löhne der Arbeiter will er kürzen und die Abgaben für Unternehmen erhöhen, "die Brennstoff und Energie vergeuden".

Arbeitssuchende sollten ein Anrecht darauf haben, drei Jahre lang "Subventionen" in Höhe von 1 000 Euro im Monat zu beziehen, führte er aus. Jeder, der drei oder mehr Stellenangebote ablehnt, solle den Zuschuss verlieren. Auch für eine "Wiederbelebung des Protektionismus" durch die nächste Regierung macht sich Grillo stark. Italienische Unternehmen, die vor Ort Mitarbeiter einstellten, sollten vor der ausländischen Konkurrenz abgeschirmt werden.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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