• The Wall Street Journal

Die Jagd auf Afrikas gefährlichsten Terroristen

    Von DREW HINSHAW, SIOBHAN GORMAN und DEVLIN BARRETT in Washington
Agence France-Presse/Getty Images

Ein undatiertes Foto von Moktar Belmoktar.

TIMBUKTU/WASHINGTON – Drohnen, Kampfflugzeuge, lasergesteuerte Bomben, modernste Abhörtechnologie; mit Hightech-Waffen sucht das westliche Militär in der Sahara nach Islamisten. Bislang ohne Erfolg. Die Fundamentalisten vergraben sich in der Wüste in uralten Verstecken, die bereits seit Jahrhunderten genutzt werden. Ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die modernste Technik vor allem einen aufspüren soll: Moktar Belmoktar, den Einäugigen.

Belmoktar hat während der vergangenen Jahre durch Entführungen und andere kriminelle Taten Millionen Dollar gesammelt. Das Geld benutzte er zum Waffenkauf, um den Heiligen Krieg zu führen, sagen Vertreter der US-Regierung. Es waren Belmoktars Anhänger, die im Januar eine Erdgasraffinerie in Algerien überfielen. Bei der Geiselnahme starben mindestens 37 Ausländer.

Die USA und Frankreich jagen die Fundamentalisten gemeinsam: Vor der Befreiung Timbuktus feuerten französische Kampfflugzeuge amerikanische Raketen auf Verstecke und die Kommandozentrale der Terroristengruppe ab, die sich seit Ende 2006 al-Qaida im Maghreb (Aqim) nennt und den Norden Malis seit mehreren Monaten besetzt hält. Als französische Soldaten eine Woche später mit Panzern anrückten, entdeckten sie, dass ihre Luftwaffe nicht etwa das Hauptquartier der Aqim getroffen hatte. Bombardiert wurden Autoattrappen und leere Gebäude.

Belmoktar soll auf die Liste der meistgesuchten Terroristen

Auf amerikanischer Seite befassen sich mittlerweile die beiden Geheimdienste FBI, CIA, die Drogenbehörde DEA und das gemeinsame Einsatzkommando für Spezialeinsätze mit der Jagd nach Belmoktar. Der Einsatz aller relevanten Behörden macht deutlich, wie schnell Washington im Zuge der Geiselnahme in Algerien die Antiterror-Bekämpfung im Nordwesten Afrikas ausdehnen will. Hochrangige US-Vertreter machen Druck, Belmoktar auf eine Liste aufzunehmen, nach der er „tot oder lebendig" gefasst werden soll. Auf einer solchen Liste standen auch bereits die Namen zahlreicher anderer Top-Terroristen wie Osama bin Laden oder der militante Prediger Anwar al-Awlaki, der als einer der Erben bin Ladens galt.

Video auf WSJ.com

One drone has emerged as the go-to model for the U.S. Air Force and CIA. How does it work? WSJ's Jason Bellini has the "Short Answer." Image: Getty

Seit dem 11. Januar hat die französische Armee gemeinsam mit den afrikanischen Truppen einen großen Teil des von der Aqim besetzten Gebiets befreit. Doch die Terroristen ziehen sich immer tiefer in ein bergiges Gebiet in der Wüste zurück. Das Adrar des Ifoghas, auf Deutsch Ifoghas-Gebirge, ist ein 250.000 Quadratmeter umfassendes Gebirgsmassiv aus Sandstein und Lava-Felsformationen, das bereits seit Jahrhunderten Schmugglern und Banditen Unterschlupf bietet. „Wir wissen sicher, dass sich die Terroristen dort versteckt haben", sagte Frankreichs Präsident François Hollande während eines Besuchs in Mali in der vergangenen Woche.

Seit einigen Tagen schickt Frankreich immer wieder Hubschrauber und Kampfflugzeuge los, die potenzielle Verstecke bombardieren sollen. Bislang ohne Erfolg. Die USA haben Aufklärungsflugzeuge losgeschickt und denken über eine Stationierung von Drohnen im benachbarten Niger nach.

Doch alle Technik des 21. Jahrhunderts hilft nichts. Frankreich muss Bodentruppen in das Gebiet schicken. „Man kann von der Luft aus nichts erkennen", sagt ein französischer Oberst, der gleichzeitig als Sprecher des französischen Luftwaffenstützpunkts im malischen Sevare fungiert. „Man braucht Bodentruppen, unterstützt vom Geheimdienst."

In den vergangenen Wochen hat Frankreich zusätzlich zu den ursprünglich abkommandierten Truppen 1.500 Soldaten nach Mali geschickt, damit sind nun über 4.000 dort stationiert. Er hoffe, dass die Truppenstärke ab März wieder abgebaut werden könne, sagte der französische Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian am Mittwoch.

Doch bevor Soldaten wieder in die Heimat zurück können, müssen sie erst einmal nach Kidal. Die kleine Handelsstadt ist nun der Ausgangspunkt für den französischen Sturm auf das Ifoghas-Gebirge. Bei der Jagd ist laut Verteidigungsministerium auch der französische Geheimdienst beteiligt.

Die Hatz wird schwer genug werden. Keiner sei so schwer zu fassen wie Belmoktar, sagen westliche Offizielle. Unter den Warlords der Sahara gilt keiner als so effizient wie er. Belmoktar soll sich von der Aqim gelöst haben, seine Miliz nennt sich Al Mouthalimin - „Die mit dem Blut unterschreiben".

CIA jagt Moktabar seit mehr als zwanzig Jahren

Seit den frühen 1990er Jahren jagt die CIA bereits nach ihm. Damals war er gerade aus den Trainingscamps in Afghanistan zurückgekehrt und bekämpfte die algerische Regierung. Über Jahre hinweg fuhr er mit gestohlenen Lastwagen und SUVs kreuz und quer durch die Sahara, die Landesgrenzen ignorierend, um Ausländer – meist Touristen, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen oder Bergarbeiter – für die Erpressung von Lösegeld zu entführen.

Der etwa 40-jährige Algerier sei für die CIA schwer zu fassen, da der Nomade in der gesamten Sahara umherziehe, von Mauretanien bis Libyen, sagte Bruce Riedel, ein ehemaliger Anti-Terrorspezialist der CIA, der während Obamas erster Amtszeit auch für das Weiße Haus arbeitete.

2003 zog es Belmoktar nach Mali. Die Nachfrage nach Kokain in Europa verdoppelte sich in dieser Zeit. Die Rauschgiftroute führte zum größten Teil über Mali und seine Nachbarländer. Der Terrorist erpresste laut westlichen Offiziellen die Schmuggler. Geld dürfte er genügend gehabt haben. Gut 50 Millionen Dollar soll er allein durch die Entführungen der Ausländer gesammelt haben, schätzt das US-Außenministerium.

Eines seiner Entführungsopfer, der Kanadier Robert Fowler, war 2009 fünf Monate in seiner Gewalt. Der Diplomat erzählte: „Ich hatte niemals auch nur einen Schimmer, wo zur Hölle wir uns befanden." Für Telefonate mit den Verhandlungsführern reisten die Männer in unterschiedliche Länder, tauschten Satellitentelefone mit Prepaid-Handys aus und schienen auch über die jeweiligen Abhörmöglichkeiten vor Ort Bescheid zu wissen.

Doch obwohl Belmoktar und seine Anhänger Millionen von Dollar besaßen, war ihr Wüstenleben karg und asketisch. Sie seien in Lumpen gekleidet gewesen, in Pickup-Trucks herumgefahren und hätten sich von jeglicher Zivilisation fern gehalten, erinnert sich Fowler. „Ich habe keinerlei Anzeichen für ein Bedürfnis nach materiellen Dingen gespürt", sagt er. „Wir haben im Sand geschlafen, Reis oder trockene Nudeln gegessen. Mehr gab es nicht."

Als das Regime von Muammar Gaddafi in Libyen zusammenbrach, eröffneten sich neue Möglichkeiten. Plünderer brachen die Waffendepots auf und verkauften den größten Teil des Arsenals. 2011 sagte Belmoktar einer mauretanischen Zeitung, er habe libysche Waffen für die Aqim gekauft. Im März 2012 vertrieben von der Aqim unterstützte Milizen Malis Armee aus dem Norden des Landes.

Eine Woche später schritt Belmoktar durch die Wüstenstadt Gao, umringt von mehreren hundert Kämpfern. Alle trugen Tuniken, die der Kleidung von Prophet Mohammed aus dem 7. Jahrhundert nachempfunden war. Laut Anwohnern schlief der Terrorist einige Nächte in einem verlassenen Polizeigebäude. In Timbuktu traf er sich mit den Stadtältesten, die die radikalen Gesetze, die die AQIM dort eingeführt hatte, nicht akzeptieren wollten. Er habe allerdings wenig gesagt, erinnerten sich Zeugen. „Er ist ein disziplinierter Anführer. Er hört sich jeden Standpunkt an", sagt Hasseye Djitteye, einer der Stadtältesten. „Aber sogar als er hier war, haben wir ihn kaum gesehen."

Von April 2011 bis Januar 2012 diskutierte die internationale Staatengemeinschaft, wie man auf die Machtübernahme der al-Qaida in Mali reagieren solle. Algerien hatte Angst vor Krieg und forderte Verhandlungen mit den Fundamentalisten. Am 10. Januar rückten die Islamisten bis zu zwei Militärbasen im Süden Malis vor. Da griff Frankreich ein. Innerhalb von zwei Tagen bombardierten französische Flieger die Rebellen, die ersten Bodentruppen trafen zur Unterstützung der malischen Armee ein. Weniger als eine Woche später rief sich Belmoktar wieder in Erinnerung – mit der Besetzung der algerischen Gasanlage.

Der Angriff auf die Raffinerie zeigt, wie effizient der Terrorist die Kämpfer der Aqim und die libyschen Waffen zusammengeführt habe, sagen Vertreter des US-Geheimdienstes und Terrorspezialisten. Der ausgefeilte Plan sei „mindestens einige Wochen" vorbereitet gewesen, sagte ein hochrangiger Agent. Vor allem werde deutlich, wie die Aqim ihre Reichweite und Schlagkraft erhöht habe.

„Keine Bedrohung durch die al-Qaida bleibt lokal begrenzt, das ist durch die Geschichte belegt", sagt Bruce Hoffman, Professor an der Georgetown University und spezialisiert auf die al-Qaida. „Es dehnt sich immer auf die Region aus und wendet sich zwangsläufig ab einem bestimmten Punkt gegen den Westen".

Neben Belmoktar suchen die westlichen Truppen auch noch nach anderen Anführern der Aqim. Darunter der interne Rivale von Belmoktar, Abou Zeid, den Aqim-Chef Abdelmalek Droukdel sowie den malischen Warlord Iyad ag Ghaly; er agierte oft als Mittelsmann bei Geiselnahmen, bis er sich selbst zum selbsternannten Machthaber aufschwang. Belmoktars angeheirateter Onkel Omar Hamaha kommandiert eine kleinere Miliz der Aqim und gilt ebenfalls als Flüchtiger. Gott habe den Warlords die Kontrolle über die Sahara versprochen, sagte er in einem Interview, das per Handy geführt wurde. Er freue sich auf die französischen Soldaten, die in die Wüste kämen, um ihn zu suchen. „Die Franzosen…sind wie die Fliege, die auf dem Honig landet. Ihre Beine bleiben im Honig stecken und sie kann nicht mehr wegfliegen." Danach gefragt, ob die amerikanische Unterstützung der Franzosen die USA auf die Zielliste der Gruppe setze, antwortete der Terrorist: „Genau erkannt."

Die französischen Truppen überfliegen Mali nun regelmäßig mit zwei Aufklärungsdrohnen, erklärt ein Timbuktu stationierter französischer Hauptmann. Zusätzlich zu diesen Drohnen würden vier bemannte Aufklärungsflieger und vier Propellermaschinen eingesetzt, sagt der französische Hauptmann.

Fast täglich verkündet das französische Verteidigungsministerium Luftschläge gegen Trainingscamps der Terroristen und Lager, die über hunderte Kilometern Wüste verstreut liegen. Bis jetzt scheint es aber, als ob sich dasselbe Prinzip wie bei der Bombardierung des vermeintlichen Aqim-Hauptquartiers wiederholt: Die Gebäude sind meistens schon verlassen. Das sagen zumindest die Einwohner, die in der Nähe der Camps leben. In Timbuktu und Gao sagten die Nachbarn, die Rebellen seien gegangen, bevor die Luftangriffe auf die Stadt begannen.

Einfache Tricks booten High-Tech-Armee aus

Als die Aqim über Timbuktu regierte, hatte die Miliz eine Reihe von einfachen Tricks, um den westlichen Geheimdiensten das Leben schwer zu machen. So ließen die Rebellen die Lichter aus, wenn sie in den Gebäuden waren, machten sie aber an, wenn sie gingen, sagen Beobachter vor Ort. Die Islamisten erschwerten den Geheimdiensten auch die Kommunikation, indem sie Generatoren abschossen, die den Funkmasten in der Wüste Strom liefern. Damit legten sie eine der wichtigsten Informationsquellen über ihre Standorte in der Wüste lahm.

Und die französischen Aufklärungsflugzeuge sind zwar darauf eingestellt worden, nach Toyotas des Modells Hilux Ausschau zu halten, bislang das bevorzugte Fortbewegungsmittel der Islamisten. Doch mittlerweile gehen malische Regierungsvertreter davon aus, dass die Aufständischen mit dem Bus fahren. Andere schmierten nassen Sand auf ihre Fahrzeuge, sagten Einwohner von Timbuktu und Gao. Diese Finte reichte, um die Aufklärungsflugzeuge kurzzeitig in die Irre zu führen und zu fliehen. „Wir kennen ihre Straßen und ihre Orte", sagt ein französischer Oberstleutnant. „Es gibt Momente, in denen haben wir sie, dann verlieren wir sie, und dann finden wir sie wieder."

Eine Herausforderung ist die Unterscheidung zwischen normalen Nomaden und den Rebellen in der Sahara, sagt der pensionierte Luftwaffenoberst Cedric Leighton, auf die Arbeit mit Drohnen spezialisiert und erfahren mit dem französischen Einsatz vor Ort. „Das kann Jahre dauern", sagt er.

Vor einigen Tagen kamen drei Kampfhubschrauber zurück vom Einsatz auf den Luftwaffenstützpunkt der Franzosen in Timbuktu. Die Sonne ging bereits unter, da landeten sie in einem Wirbel aus Staub und Dreck. In der Nähe stand ein Koch, der die Hubschrauber beobachtete. Er hatte für die Rebellen gearbeitet, bevor die Stadt befreit wurde. Die Islamisten hätten ihre Flucht von langer Hand geplant, sagt er. „Sie sagten, es gebe eine Basis, zu der sie gehen würden", erinnert er sich. „Dort hätten sie jegliche Art von Fahrzeug – außer einem Flugzeug." Es wird noch dauern, bevor die französischen Soldaten wieder nach Hause dürfen.

—Mitarbeit: Adam Entous in Washington

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