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Die Welt zollt Papst Benedikt nach seinem Rücktritt Respekt

    Von WSJ-REDAKTION
[image] Reuters

Rücktritt als Oberhaupt der Katholischen Kirche: Papst Benedikt XVI. will Ende Februar sein Amt niederlegen.

Paukenschlag zum Wochenbeginn: Papst Benedikt XVI. will sein Amt aus Gesundheitsgründen aufgeben. Er werde sich am 28. Februar von der Spitze der Katholischen Kirche zurückziehen, kündigte der Papst am Montag laut Radio Vatikan vor Kardinälen in Rom an. "Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben."

Darum will Benedikt auf das Amt des Bischofs von Rom verzichten, sodass am 28. Februar der Stuhl des Heiligen Petrus vakant sein wird. Wie ein Sprecher des Vatikans mitteilte, soll das Konklave bis Ende März über einen Nachfolger entscheiden - hoch im Kurs stehen bei den britischen Buchmachern Kandidaten aus Afrika, Italien oder Kanada. Das berichtet Agipro News, eine italienische Nachrichtenagentur für Spiele und Wetten. Benedikt selbst soll an der Versammlung aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr teilnehmen. Nach dem Ende seiner Amtszeit will Benedikt in ein Kloster im Vatikan umziehen. Da dort allerdings noch Bauarbeiten stattfinden, soll er für die Übergangszeit in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo bei Rom unterkommen.

"Die Kraft hat abgenommen"

Radio Vatikan hat die Rücktrittserklärung des katholischen Kirchenoberhauptes auf seiner Internetseite veröffentlicht. Darin erklärt der Papst, "die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen. Um trotzdem das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden, ist sowohl die Kraft des Köpers als auch die Kraft des Geistes notwendig, eine Kraft, die in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen hat, dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen."

Die Kardinäle in Rom wurden von der Rücktrittsankündigung des Papstes völlig überrascht. "Wie ein Blitz aus heiterem Himmel" habe die Versammlung die "bewegende Botschaft" vernommen, sagte Kardinal Angelo Sodano laut Radio Vatikan bei dem "Konsistorium" in Rom - jener Versammlung von Kardinälen, bei der Benedikt zuvor seinen Rücktritt angekündigt hatte. "Wir haben sie mit Fassungslosigkeit und beinahe ungläubig gehört", betonte Sodano.

Benedikt habe seinen Pontifikatsdienst "mit so viel Liebe und Demut" geleistet. Die Mission Joseph Ratzingers werde weitergehen. "Natürlich leuchten auch die Sterne am Himmel immer weiter, und so wird unter uns immer der Stern Ihres Pontifikats weiterstrahlen."

Vatikansprecher Federico Lombardi sagte: "Der Papst hat uns ein bisschen überrascht." Es habe keine Anzeichen von Depression oder Mutlosigkeit gegeben, die Benedikt zu seiner Entscheidung gebracht haben könnten.

Papst-Bruder Georg Ratzinger dagegen war über den Schritt informiert, allerdings noch nicht allzu lange, wie er der Nachrichtenagentur dapd sagte. Zugleich warb er um Verständnis für den Schritt seines Bruders, der mit dem "kontinuierlichen Abbau der geistigen und körperlichen Kräfte im Alter" zu kämpfen habe.

Benedikt XVI: Wächter des Glaubens

Daten aus dem Leben des Papstes

- 16. April 1927: Joseph Ratzinger kommt im oberbayerischen Marktl am Inn auf die Welt und wird noch am selben Tag getauft.

- 29. Juni 1951: Ratzinger wird in Freising zum Priester geweiht. Seine erste Messfeier zelebriert er am 8. Juli in Traunstein.

- 1957: Habilitation an der Universität München im Fach Fundamentaltheologie.

- 25. März 1977: Papst Paul VI. ernennt Ratzinger zum Erzbischof von München und Freising. Am 28. Mai 1977 folgt die Bischofsweihe.

- 27. Juni 1977: Papst Paul VI. ernennt ihn zum Kardinal.

- 25. November 1981: Papst Johannes Paul II. ernennt Ratzinger zum Präfekten der Glaubenskongregation. Im Februar 1982 nimmt Ratzinger Abschied von München.

- 19. April 2005: Das Konklave wählt Ratzinger zum Papst. Er gibt sich den Namen Benedikt XVI.

- Er ist nach kirchlicher Zählung der 265. Papst und gilt als der erste Deutsche auf dem Stuhl Petri seit fast 500 Jahren (Papst Hadrian VI. stammte allerdings aus Utrecht, das damals zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gehörte).

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dem Papst für seinen Einsatz zur Verständigung der Religionen gedankt und sein Rücktrittsgesuch mit "allerhöchstem Respekt" zur Kenntnis genommen. "In unseren Zeiten des immer längeren Lebens werden viele Menschen nachvollziehen können, wie sich auch der Papst mit den Bürden des Alters auseinandersetzen muss", sagte Merkel. Sie würdigte den Papst als einen der "bedeutendsten religiösen Denker unserer Zeit".

Die Kanzlerin hob besonders hervor, dass Benedikt XVI. die Beziehungen zu den orthodoxen Ostkirchen gestärkt sowie Juden wie Muslimen die Hand gereicht habe. "Er weiß, dass Kirche nur im Dialog gelingen kann", betonte die Kanzlerin.

Unvergessen nannte Merkel die Ansprache des Papstes im Bundestag im September 2011. "Es war eine Sternstunde des Parlaments", sagte die Kanzlerin. "Die Worte des Papstes werden mich persönlich noch lange begleiten", fügte sie hinzu. Merkel wünschte dem Papst alles Gute für die kommenden Lebensjahre.

Merkel hatte sich in dem mehr als achtjährigen Wirken des Papstes auch kritisch zum Vatikan geäußert. So verlangte sie 2009 eine Klarstellung, dass es keine Leugnung des Holocaust geben darf. Hintergrund war die Aufhebung der Exkommunion des Holocaust-Leugners Bischof Richard Williamson durch Papst Benedikt XVI., die viel Kritik in der katholischen Kirche ausgelöst hatte. "Es geht darum, dass von Seiten des Papstes und des Vatikans sehr eindeutig klargestellt wird, dass es hier keine Leugnung geben kann", sagte Merkel damals. Diese Klarstellung sei aus ihrer Sicht "noch nicht ausreichend erfolgt".

Auch Bundespräsident Joachim Gauck reagierte tief beeindruckt auf die Rücktrittsentscheidung. "Für diesen historisch höchst seltenen Entschluss sind großer Mut und Selbstreflexion nötig. Beides findet meinen außerordentlichen Respekt", sagte das Staatsoberhaupt. "In Benedikts Wirken verbinden sich hohe religiöse und philosophische Bildung mit einfacher Sprache und Menschenfreundlichkeit", fügte er hinzu. Er lobte die Weisheit und menschliche Bescheidenheit des Papstes. "Benedikt XVI. war als Papst der ganzen Welt verpflichtet, blieb im Herzen immer mit seiner Heimat verbunden", sagte Gauck.

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sagte, Papst Benedikt habe sein Amt in einer durch vielfältige Umbrüche gekennzeichneten Zeit angetreten und seiner Kirche mit seiner "großen geistlichen und intellektuellen Autorität Orientierung gegeben". Unvergessen sei auch seine "vorsichtige Öffnung zu den Kirchen der Reformation". Steinmeier fügte hinzu: "Ich als Protestant wünsche mir, dass die katholische Kirche unter seinem Nachfolger diesen Weg der Öffnung mit Nachdruck weiter verfolgt."

Die Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses, Charlotte Knobloch, hat den angekündigten Rückzug von Papst Benedikt XVI. "zutiefst" bedauert. "Ein deutscher Papst - das war etwas Besonderes und sehr Bedeutsames vor allem für die Gläubigen in der Bundesrepublik", sagte die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland am Montag in München und fügte hinzu: "Dieser zweifellos in tiefstem Glauben und größtem Verantwortungsbewusstsein gefasste Entschluss von Benedikt XVI. verdient absoluten Respekt und Hochachtung."

Rücktritte von Päpsten bisher die Ausnahme

Normalerweise endet die Amtszeit einen Papstes mit dessen Tod. Freiwillig zurückgetreten ist bisher nur ein Pontifex: Coelestin V. im Jahr 1294. Der frühere Einsiedler mit dem Geburtsnamen Pietro del Murrone war im Sommer gegen seinen Willen gewählt worden, fühlte sich jedoch machtlos gegen die Korruption der Kurie und trat im Dezember 1294 zurück. Als Rücktrittsgründe nannte er Unerfahrenheit und Krankheit. Danach wollte Coelestin V. Einsiedler werden. Sein Nachfolger Bonifatius VIII. nahm ihn jedoch in Haft. Coelestin starb 1296 und wurde später heiliggesprochen.

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Daneben gab es jedoch eine Reihe von Päpsten, die auf politischen Druck zurücktraten, besonders im Mittelalter. So machten sich vor dem Konzil von Konstanz (1414 bis 1418) drei Päpste das Amt streitig: Johannes XXIII., Benedikt XIII. und Gregor XII. Das Konzil, das die Einheit der Kirche wiederherstellen sollte, setze die ersten beiden ab. Gregor XII. wurde gezwungen, auf sein Amt zu verzichten.

Häufig wurden Päpste auch durch ihre politischen Gegenspieler aus dem Amt gedrängt. So ließ der deutsche König Heinrich III. 1046 durch die Synode von Sutri drei Päpste absetzen, denen unter anderem Ämterkauf vorgeworfen wurde.

Als Papst Johannes Paul II. am Ende seines Pontifikats schwer krank war, erwähnte er in seinen Reden hin und wieder Coelestin V. Das gab Anlass zu Spekulationen, Johannes Paul II. könnte zurücktreten. Er blieb jedoch bis zu seinem Tod 2005 im Amt.

—Mit Material von dapd

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