• The Wall Street Journal

Anleger sollten Stimmungen nicht zu wichtig nehmen

    Von JUSTIN LAHART

Der Aktienmarkt ist nicht der einzige, der jüngst ein Comeback feiern konnte. Es gibt auch das bereits vertraute Händeringen darüber, ob die Anleger inzwischen nicht schon wieder zu optimistisch geworden sind und damit die Grundlage für den nächsten Absturz legen. Aber auch wenn es derzeit gute Gründe geben mag, derzeit keine Aktien zu kaufen, die bullische Einstellung der anderen Investoren ist keiner.

Während die großen US-Indizes nahe ihrer Rekordstände notieren, sind auch die Stimmungsindikatoren der Anleger gestiegen. Im Januar sagten 52 Prozent der Teilnehmer einer wöchentlichen Umfrage der American Association of Individual Investors, dass sie bullisch, also optimistisch eingestellt seien - so viele wie noch nie in den vergangenen zwei Jahren. Seitdem ist der Anteil auf 43 Prozent zurückgegangen, liegt damit aber noch immer über dem Durchschnitt.

[image] Reuters

Die Stimmung unter den Anlegern ist gut, was einige wiederum vorsichtig macht. Aber die Verlässlichkeit dieses Kontraindikators ist nicht sehr hoch.

Auch ein weiterer wichtiger Indikator, die wöchentliche Umfrage von Investors Intelligence unter den Schreibern von Investment Newslettern, zeigt sich so bullisch wie noch nie in den vergangenen zwölf Monaten.

All das legt nahe, derzeit vorsichtig zu sein. Denn wenn die Anleger ungewöhnlich optimistisch sind, werden nur noch extrem gute Nachrichten (also eigentlich sehr unwahrscheinliche Nachrichten) als positive Überraschungen gewertet. Aber die Theorie, dass man nicht mit der Grundstimmung, sondern in die andere Richtung marschieren soll, funktioniert nicht immer.

In den vergangenen 20 Jahren lag der Korrelations-Koeffizient zwischen dem Optimismusniveau laut Umfrage der American Association of Individual Investors und der Rendite des S&P-500 im darauffolgenden Jahr bei minus 0,17. Ein Koeffizient von minus 1 würde signalisieren, dass die Gegenposition zur Umfrage immer eine Gewinnerstrategie gewesen wäre. Die Wirklichkeit ist also nicht sehr überzeugend.

Verschiedene Indikatoren sind unterschiedlich verlässlich

Ein etwas besserer Kontra-Indikator ist die Umfrage unter den Newsletter-Schreibern von Investors Intelligence, hier liegt die Korrelation bei minus 0,26. Und es ist auch richtig, dass die Renditen normalerweise geringer als sonst waren, nachdem die Schreiber bullisch eingestellt waren. Aber es gibt viel Spielraum für Fehlprognosen.

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Unterdessen weist ein dritter so genannter Sentiment-Indikator, der sich auf die Empfehlungen der Wall-Street-Analysten zur Anlagestrategie stützt, noch ein erhebliches Maß an Pessimismus auf. Der „Sell-Side-Indikator" der Bank of America Merrill Lynch im Januar zeigt, dass Anlagestrategen den Anlegern im Schnitt empfahlen, 49,8 Prozent ihres Portfolios in Aktien anzulegen.

Das liegt über dem Allzeittief von 43,9 Prozent, aber noch immer deutlich unter dem Durchschnitt der vergangenen 15 Jahre von 60,6 Prozent. Die Bank gibt keine historischen Daten ihres „Sell-Side-Indikator" heraus, aber Analyst Dan Suzuki sagt, dass die Korrelation mit der Aktienentwicklung der nachfolgenden zwölf Monate in seiner 30-jährigen Geschichte bei minus 0,52 liege.

Eine Analyse Ende der 1990er Jahre von Professor Meir Statman von der Santa Clara University fand heraus, dass der „Sell-Side-Indikator" ein besserer Indikator war als die beiden andere Umfragen. Aber nicht nur die relativen Vorzüge dieses Indikators gegenüber den beiden anderen sind interessant, sondern auch, dass er aktuell eine andere Richtung vorgibt.

Großinvestoren sind nicht so optimistisch

Denn das niedrige Allokationsniveau für Aktien zeigt die eher pessimistische Einstellung der Analysten, wohin der Markt langfristig gehen wird. Möglicherweise spiegelt die Vorsicht der Wall-Street-Strategen auch einfach das wider, was ihre institutionellen Kunden denken.

Jeffrey Bronchick, Investment-Chef bei Cove Street Capital, berichtet, wie er als Mitglied eines Investment-Komitee jüngst dabei war, eine Beraterfirma auszuwählen, die das Portfolio einer privaten Stiftung verwalten sollte. Fünf von sechs Firmen wollten lediglich 30 Prozent in Aktienfonds investieren, die auf steigende Kurse setzen. Weitere 30 Prozent sollten in Hedgefonds mit gemischten Strategien gehen, die weitgehend marktneutral sind, und die letzten 40 Prozent in festverzinsliche Produkte wie Anleihen. Diese konservative Orientierung sei ein Zeichen dafür, dass "alle gegen (einen Absturz wie) 2008 kämpfen", sagt Bronchick.

Aber wenn die Märkte doch gut laufen sollten, dann werden wohl eine Menge großer Investoren auf der falschen Seite stehen.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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