• The Wall Street Journal

Zermürbender Kampf in Syrien spült Islamisten an die Macht

    Von EINEM WSJ-REPORTER

Residents of Syria's largest city face the constant threat of violence and severe shortages of food and fuel in a war that seems endless. A video report from the city's rebel-held east.

ALEPPO, Syrien – Neun Panzer der syrischen Armee stehen aufgereiht auf dem Hof der Infanterieschule Mushat in der Nähe von Aleppo. Sie demonstrieren die zunehmende Stärke der Rebellen in und um Syriens größte Stadt. Bei einem Besuch der Gebiete rund um die Militärbasis, die in einem dichten Wald rund 16 Kilometer von Aleppo entfernt steht, zeigt sich jedoch die Kehrseite des jüngsten Vorstoßes der Rebellen in der Gegend. Interne Machtkämpfe und Auflösungserscheinungen bei den Rebellentruppen sorgen für Frustration – bei Einheimischen und Kämpfern gleichermaßen.

26 Tage hätten sie die Infanterieschule belagert, sagten Kämpfer der Tawhid-Brigade. Im Dezember kam es zwei Tage zu heftigen Gefechten, dann sei dieser Trainingsstützpunkt der Regierungstruppen in ihre Hände gefallen. Acht Wochen später bewacht eine Handvoll junger Kämpfer die Anlage. Karten, Notebooks und Schulungsunterlagen liegen verstreut zwischen Glassplittern und kaputten Betonwänden auf dem Boden herum, daneben Porträts des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad. Rund zwei Dutzend Kämpfer auf beiden Seiten kosteten die Gefechte das Leben. Die siegreichen Rebellen haben die Körper nur nachlässig auf offenem Feld verscharrt. Wilde Tiere hätten die Leichen bereits entdeckt, sagt ein Kämpfer.

Associated Press

In Syrien sorgen interne Machtkämpfe und Auflösungserscheinungen bei den Rebellentruppen für Frustration. Das nutzt eine radikale Gruppe, die Verbindungen zur al-Qaida haben soll.

"Vielleicht 100 von uns haben hier alles gegeben", erzählt ein junges Mitglied der Miliz über die Schlacht. „Dann gab es noch die, die plünderten und gestohlen haben", fährt er fort, „das waren rund 900."

Der Kampf um Aleppo tobt seit sieben Monaten. Die Rebellen haben einige Siege errungen, die in den Augen der Bevölkerung eigentlich den militärischen Erfolg festigen sollte. Doch es scheint, als ob der Aufstand stecken bleibt. Rund fünf der sechs Millionen Einwohner der Gegend leben laut lokaler Zivilräte und Rebellenführer in dem von den Aufständischen kontrollierten Gebiet. Der Rest lebt im Westen der Stadt, auf der anderen Seite der hart umkämpften Frontlinie.

Rebellen bekämpfen sich gegenseitig

Rund ein Dutzend Fraktionen der Aufständischen sind in Aleppo unterwegs, ihre Namen sind auf Gehwege und Mauern von halbverfallenen Gebäuden gekritzelt. Einzelne Gruppen stehen sich feindlich gegenüber, weil sie unterschiedliche Ideologien vertreten. Viele, wie die Tawhid-Brigade, sind von internen Machtkämpfen zerrissen. Und weil fast alle der Kämpfer vom Land oder aus ganz anderen Regionen Syriens kommen, finden sie häufig keine gemeinsamen Nenner mit den Stadtbewohnern, oder es kommt zu Scharmützeln um die Führerschaft. Die Kampfflugzeuge des Regimes bombardieren das Rebellengebiet Tag für Tag. Diese bisher unschlagbare Übermacht der Luftwaffe führt den Aufständischen zudem ihre eigenen beschränkten Mittel und Kontrollen vor Augen.

Die Kämpfe in Aleppo haben Gebäude zerstört, Krankenhäuser und Märkte, die traditionellen Soukhs gingen in Flammen auf. Die Industrieproduktion ist vollständig zum Erliegen gekommen, hunderttausende Einwohner der Stadt sind entweder tot, ohne Dach über dem Kopf oder mussten fliehen. Der Kampf um das ökonomische Herz des Landes schwächt ganz Syrien. Und die Angst ist groß, dass die Kämpfe sich noch Jahre hinziehen könnten.

Viele Rebellen machen für die stockenden Erfolge das Ausland verantwortlich, das den Bitten nach Waffenunterstützung und finanzieller Hilfe nicht nachgekommen sei. Die Welt habe nicht nur ihren Kampf gegen Assad nicht unterstützt, sondern sich auch der humanitären Notlage vieler Syrer verschlossen, die weder über Strom noch Wasser verfügten und mit schwindenden Lebensmittelvorräten kämpfen müssten.

„Uns wurden große Versprechen gemacht", sagt ein 30-jähriger Kämpfer einer kleineren Fraktion. Im vergangenen Jahr seien in den Grenzdörfern noch regelmäßig Lieferungen aus der Türkei angekommen, mit Gewehren und Munition. "Jetzt kämpfen manche schon um die Waffen", sagt Abu Mohammed. „Die Menschen müssen stehlen, um ihren Kindern das Überleben zu sichern."

Westen vom Aufstieg der Dschihad-Gruppe überrumpelt

Die Zersplitterung der Widerstandsgruppen ist einer der Gründe, warum die westlichen Länder sich bislang zurückhalten. Der rasche Aufstieg der dschihadistischen Gruppe Dschabat al-Nusra zum Beispiel habe sie völlig unvorbereitet getroffen, sagen Vertreter aus den USA und Europa. Der Gruppe werden Verbindungen zur al-Qaida nachgesagt, sie zieht zahlreiche ausländische Kämpfer an und bekommt so immer größere Schlagkraft. In Aleppo aber verdient sich Dschabat al-Nusra immer mehr ängstlichen Respekt: Für die Disziplin auf dem Kampffeld und für die Unterstützung der Bevölkerung vor Ort.

Ein Kämpfer erinnert sich, wie sein Kamerad bei einem kürzlichen Treffen widerspruchlos seine Zigarette ausmachte, als ihn ein Dschabat-Kämpfer dazu aufforderte. „Sie sind anständig", sagte sein Freund nach sorgfältigem Abwägen des Vorfalls. „Sie sind hart, aber anständig – sie halten ihr Wort."

Je länger die Schlacht um Aleppo andauert, desto mehr Dschabat-Kämpfer übernehmen nach und nach das Kommando an den Frontlinien, während die anderen Gruppen auseinanderbrechen.

"Der Kampf um Aleppo braucht mehr Zeit als gedacht", gibt Oberst Abduljabbar Akaidi zu, Vertreter von Aleppo im Obersten Militärrat, ein Zusammenschluss verschiedener Rebellengruppen. „An der Front geht es momentan nicht voran… aber die Tatsache, dass wir unsere Stellung halten, spricht für sich."

Säkulare Ansichten

Akaidi ist beliebt bei den Vertretern aus dem Westen. Er vertritt eher säkulare Ansichten. Bei den Rebellen von Aleppo ist Alkaidis Einfluss jedoch begrenzt. Viele stimmen nicht mit ihm überein. Sie finden nicht, dass die bislang erreichten Ziele ausreichen.

Die Verwerfungen zwischen den Widerstandstruppen erschwert die Anstrengungen, wieder so etwas wie eine Grundversorgung aufzubauen; Mehl, Essen, Wasser oder Medikamente in die kriegsgebeutelten Viertel zu schaffen. Zivile Milizen wollen nicht unbedingt mit den Ältestenräten vor Ort zusammenarbeiten. Sie haben Angst, die nicht-kämpfenden Zivilisten könnten in letzter Minute nach der Macht greifen wollen, nachdem sie die Kämpfe von der Seitenlinie aus beobachtet haben.

Yasser Zakri, früher Arbeiter in einer Fabrik, hilft bei der Beschaffung von Mehl für Bäckereien, baut Stromnetze wieder auf und sammelt Müll in der gesamten Provinz. Er ist Mitglied des Revolutionären Übergangsrates. Seine Gruppe wird von Rebellen angefeindet, denen schon allein der Name des Rates verdächtigt ist. Sie glauben, der Rat strebe die alleinige Macht in einer Übergangsphase an. "Ich hoffe, dass diese Menschen zur Vernunft kommen", sagt Zakri, 44 Jahre und in Aleppo geboren. "Und dass sie realisieren, wie wichtig eine zivile Regierung ist."

Brot immer noch doppelt so teuer wie 2011

Im Vergleich zu den harten Wintermonaten erscheint der Alltag der Bewohner in diesen Tagen einfacher. Brot kostet immer noch das Doppelte wie 2011, aber immerhin kommt wieder Mehl aus der Türkei an, und manche Bäckereien werden mit Geldern aus dem Ausland wieder aufgebaut.

Auf einem Markt in der al-Bab Straße stehen Verkäufer hinter Kisten mit Obst und Gemüse, als Männer den Preis für Heizöl verkünden. Es sei 25 Mal so teuer wie früher, sagen die Einwohner. Die Parks von Aleppo sind kahlgeschlagen. Die meisten Bäume wurden zu Brennholz verarbeitet, von Jungen für weniger als einen halben Dollar je Bündel verkauft. Ein Süßigkeitenverkäufer sagt, er habe es gerade geschafft, für seine 14 Monate alte Tochter zum ersten Mal seit drei Monaten Säuglingsnahrung zu organisieren. Ein früherer Schuhmacher erzählt, dass er seinen Laden im Januar geschlossen habe, weil in der Gegend gekämpft werde.

Die Menschen hier machen für viele ihrer Probleme das Regime von al-Assad verantwortlich. Vor allem in Hörweite der Rebellen scheinen sie ihre Worte sorgfältig auszuwählen. „Wir sind unseren guten Söhnen dankbar", sagt der Süßigkeitenverkäufer und zeigt in die Richtung von drei uniformierten Rebellen, die nur ein paar Meter entfernt stehen. Alle sind mindestens zwanzig Jahre jünger als er. "Doch die Frage ist: Wie lange kann das noch so weitergehen?"

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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