• The Wall Street Journal

Großes Rätselraten um den neuen Papst

    Von LIAM MOLONEY und GIADA ZAMPANO

ROM—Nach der überraschenden Rücktrittserklärung von Papst Benedikt XVI hat das Rätselraten um einen möglichen Nachfolger begonnen. Aber wegen des plötzlichen Abgangs des Deutschen bleibt den verantwortlichen Kardinälen wenig Zeit für strategische Gedankenspiele. Sie müssen jetzt rasch einen neuen Papst wählen, und wegen der gebotenen Eile werden sie sich wohl für eine Kompromissfigur entscheiden, sagen Experten.

dapd

Der Petersdom in Rom erstrahlte am Montagabend im Lichterglanz. Papst Benedikt XVI hatte kurz zuvor bekanntgegeben, dass er sein Amt niederlegen werde.

Vermutlich wird auch der nächste Papst – ähnlich wie Benedikt – ein Traditionalist in der Lehre sein, der aber bereit ist, Brücken zu schlagen zwischen dem Vatikan und der Moderne. Die Kardinäle würden sich nach jemandem umsehen, der verschiedene theologische Haltungen in sich vereine, der aber auch verstehe, wohin sich die Kirche heute entwickele, sagt Francesco Cesareo, Präsident des katholischen Assumption College im amerikanischen Worcester.

Das päpstliche Konklave – jenes Geheimtreffen, bei dem ausgewählte katholische Kardinäle den neuen Papst bestimmen – soll kurz nach dem Rücktritt des amtierenden 85-Jährigen Ende Februar stattfinden.

Benedikt XVI: Wächter des Glaubens

Eine der Hauptfragen, der sich die Kardinäle widmen müssen, bezieht sich auf den Stil des möglichen Benedikt-Nachfolgers. Sie werden wahrscheinlich darüber debattieren, ob sie einen eher unauffälligen Gradualisten wählen sollen oder jemanden, der wie Benedikts Vorgänger Papst Johannes Paul II mit großen Gesten regiert.

Bei den letzten Konklaven bildeten sich stets zwei Lager: auf der einen Seite fanden sich jene Kardinäle, welche die kirchliche Lehre eher konservativ interpretieren; auf der anderen Seite jene, welche nichts gegen eine Erneuerung der uralten Dogmen des Katholizismus haben.

Wer wird der neue Papst?

Papst Benedikt wurde häufig als erzkonservativ beschrieben, weil er sich in der Vergangenheit als einer der strengsten Verfechter der kirchlichen Glaubenslehre hervorgetan hat. Doch auch er hat einige Reformen angestoßen.

So organisierte er die Vatikanverwaltung neu, die so genannte Römische Kurie. Er schuf eine neue Abteilung, die angesichts des Mitgliederschwundes in Europa und Nordamerika neue Katholiken in Entwicklungs- und Schwellenländern anwerben sollte. Und er war der erste Papst auf Twitter.

„Das Pontifikat von Benedikt hat Tradition und Innovation miteinander vereint. Ich glaube nicht, dass das Konklave mit diesem Erbe brechen wird", sagt Francesco Perfetti, Geschichtswissenschaftler an der Luiss-Universität in Rom.

Beim jüngsten Konklave im April 2005 aber hatten die Kardinäle mehr Vorbereitungszeit. Damals rechneten schon Monate vor dem Tod von Papst Johannes Paul II viele mit dessen Ableben.

Es gibt ein Sprichwort unter Vatikanexperten, dass diejenigen Kardinäle, die vor dem Konklave als heiße Anwärter auf das Amt gelten, am Ende meist doch nicht Papst werden. Dieses Mal könnte das anders sein. „Das Rennen ist wirklich ganz weit offen", sagt Giuseppe Di Leo, ein langjähriger Vatikanjournalist des italienischen Senders Radio Radicale. Vor Benedikts Kündigung hätten die italienischen Kardinäle zu den Top-Anwärtern gehört, weil „sie sich mit der Kurie auskennen, sagt der Journalist Di Leo. Jetzt aber sei alles möglich.

Als einer der führenden papabili, wie die Anwärter auf den Papstthron heißen, gilt der 71-jährige Italiener Kardinal Angelo Scola. Er ist bereits Erzbischof von Mailand und besitzt damit innerhalb der katholischen Kirche einen hohen Stellenwert. Er hat sich im Studium mit den Beziehungen zwischen Christen und Muslime befasst und gilt als Kandidat mit besonderer Expertise im interreligiösen Dialog – eines der wichtigsten aktuellen Themen für den Vatikan.

Als Papst Benedikt gewählt wurde, spekulierten viele, dass die Kardinäle vielleicht einen Vertreter aus den Wachstumsregionen der katholischen Kirche wählen würden: jemanden aus Afrika oder Lateinamerika. Unter den aktuellen papabili käme deshalb Kardinal Peter Kodwo Appiah Turkson, 64, aus Ghana als Papstnachfolger infrage. Er hat sich mit der strikten Ablehnung von Kondomen in Aids-Regionen einen Namen gemacht – eine der umstrittensten Positionen der katholischen Kirche.

Ein Papst aus einem Schwellenland müsste aber jemand sein, der „nicht so wirkt, als würde er die Tür zum Westen zuschlagen", sagt Beobachter Cesareo.

Das Konklave findet hinter verschlossenen Türen in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans statt; der Ablauf ist streng geregelt. Nur Kardinäle, die jünger als 80 Jahre sind, dürfen an der Abstimmung teilnehmen. Am ersten Tag findet ein Mal eine geheime Wahl statt, an jedem Folgetag findet dann morgens und abends je eine Stimmabgabe statt. Die Wahl dauert so lange, bis ein neuer Papst gefunden ist. Sobald dessen Name feststeht, werden alle Stimmzettel verbrannt, um den berühmten weißen Rauch zu erzeugen, der davon kündet, dass die Kirche ein neues Oberhaupt besitzt.

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