• The Wall Street Journal

Nordkorea provoziert mit weiterem Atomtest

    Von EVAN RAMSTAD

SEOUL – Nordkorea hat am Dienstag einen weiteren Atomwaffen-Test unternommen und damit ein Erdbeben ausgelöst. Um 11.57 Uhr Ortszeit zeichneten Messgeräte in Südkorea eine Erschütterung auf. Das „künstliche Erdbeben" ereignete sich demnach unterirdisch im Nordosten von Nordkorea, wo schon im Oktober 2006 und im Mai 2009 nukleare Tests stattgefunden hatten. Das Land versucht, Massenvernichtungswaffen herzustellen. Die USA und andere Länder halten das für eine ernsthafte Gefahr.

AP

Das südkoreanische Fernsehen übertrug am Nachmittag Bilder eines „künstlichen Erdbebens", das von einem Atomtest in Nordkorea ausgelöst worden sein dürfte.

Die autoritäre Regierung in Pjöngjang hat den Test nach Angaben der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap bestätigt. Man habe eine „kleinere und leichtere Atombombe" als bei früheren Tests gezündet.

US-Präsident Barack Obama verurteilte den Test als „höchst provokativen Akt"; der die Stabilität in der Region untergrabe. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat sich am Dienstag zu einem Treffen zusammengefunden.

Diplomaten und andere Beobachter hatten schon mit einer solchen Explosion gerechnet. Sie sagen, die Regierung in Pjöngjang habe sich in letzter Zeit ähnlich provokativ verhalten wie vor den beiden früheren Nukleartests.

Japan kündigte weitere Sanktionen an

Provokationen wie der Atomtest sorgten nicht für mehr Sicherheit in Nordkorea, hieß es aus dem Weißen Haus. „Nordkorea erreicht damit nicht sein ausgegebenes Ziel, zu einem starken und wohlhabenden Staat zu werden. Im Gegenteil: Das Land hat durch sein Streben nach Massenvernichtungswaffen seine Bevölkerung isoliert und verarmen lassen." US-Präsident Barack Obama hält am Dienstag seine Rede zur Lage der Nation. Einige Beobachter gehen davon aus, dass Nordkorea den Atomwaffentest gezielt zu diesem Zeitpunkt durchgeführt hat, damit Obama das Land in seiner Rede auch erwähnt.

Die japanische Regierung kündigte weitere Sanktionen gegen das Land an. So soll unter anderem das Einreiseverbot für Koreaner, die das Regime unterstützten, verschärft werden. „Nordkoreas Atomwaffentest ist nicht akzeptabel, er stellt er ernsthafte Bedrohung für Japans Sicherheit dar", sagt der Ministerpräsident Shinzo Abe. Er „gefährde nicht nur den Frieden und die Sicherheit in Nordostasien, sondern auch der internationalen Gemeinschaft".

Nordkorea war immer wieder solcher Kritik ausgesetzt. Beobachter sagen, dass sie dem Regime helfe, ihre wichtigste Botschaft ans Volk zu bringen: Das Militär hält feindliche Kräfte in Schach – das seien die wirtschaftlichen Opfer wert, die die Menschen bringen.

„Die Doktrin lautet, dass militärische Macht ein notwendiges Mittel ist, damit dem der Staat andere Ziele verfolgen kann", sagt Daniel Pinkston, Korea-Experte bei der Nichtregierungsorganisation International Crisis Group. „Die Konsequenzen, die solch ein Test für sie hat, verstärken diese Denkweise noch."

Die Nordkoreaner bekämen kaum Kritik von außen zu Ohren, sagt Kim Hung-Kwang, Leiter einer Gruppe ehemaliger Regierungsvertreter, die nach Südkorea übergelaufen sind. „Wenn die Regierung sagt, dass der Test der stärkste der Welt war, dann glauben die Leute jedes Wort", sagt er. „Sie haben keine anderen Informationsquellen."

Erdbebenstärke 5,1 auf der Richterskala

Die chinesische Erdbebenüberwachungsbehörde meldete am Dienstag, dass die seismische Aktivität in Nordkorea aus einer Explosion stamme.

Die amerikanische Wissenschaftsbehörde US Geological Survey verzeichnete eine Erschütterung mit einer Stärke von 5,1 auf der Richterskala. Das ist mehr als bei den beiden vorangegangenen Atomtests in Nordkorea gemessen wurde.

Im Vergleich zu Atomtests anderer Länder fielen aber auch die beiden früheren Detonationen in Nordkorea eher klein aus. So löste die Explosion im Jahr 2006 nach Angaben von US-Experten ein künstliches Erdbeben der Stärke 4,1 aus und erreichte eine geschätzte Sprengkraft von einer halben Kilotonne. Jene des Jahres 2009 verursachte eine seismische Erschütterung der Stärke 4,7 und schlug mit einer geschätzten Sprengkraft von zwei bis sechs Kilotonnen zu.

Die vermutliche Sprengkraft kann nur geschätzt werden, weil es über die Bergregion, in der die Explosionen stattfanden, nur ungenügende geologische Informationen gibt. Aber als die USA erstmals im Jahr 1945 eine Atombombe testeten, erzielte diese eine Sprengkraft von 18 bis 20 Kilotonnen.

Immergleiches Muster: Raketentests und Drohungen

In den vergangenen Monaten hatte Nordkorea schon die Befürchtungen geschürt, dass es bald zu neuen Explosionen kommen werde: Das Land hatte Raketen in den Himmel geschossen, um Flugkörper-Technologie zu testen, und heftig Kampfpropaganda gemacht. Dasselbe Muster spielte sich auch vor den beiden Atomtests in den Jahren 2006 und 2009 ab.

[image]

Zwei Mal versuchte Nordkorea im vergangenen Jahr, eine Rakete ins All zu schießen. Der erste Versuch schlug fehl, der zweite glückte im Dezember. Das Land verstieß damit gegen internationale Sanktionen, die ihm das Starten von Langstreckenraketen verbieten und erntete harsche Kritik aus dem Ausland. Am 22. Januar verschärfte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN) die Sanktionen gegen Nordkorea. Aber die Regierung reagierte darauf nur mit weiteren Drohungen, einen Atomsprengkörper zu zünden.

Am 24. Januar hatte die Nationale Verteidigungskommission, Nordkoreas mächtigstes Exekutivorgan, einen „nuklearen Test von höherem Niveau" angekündigt. Dieser richte sich vor allem gegen die USA, welche aus Sicht des Landes der Motor hinter strengeren UN-Sanktionen sind. „Die Rechnung mit den USA muss mit Gewalt beglichen werden, nicht mit Worten", erklärte die Verteidigungskommission damals.

Der mutmaßliche Atomwaffentest passt auch zu einem weiteren politischen Handlungsmuster: In Südkorea, Japan und China sind neue Regierungen an der Macht, und schon in der Vergangenheit hat es sich Nordkorea angewöhnt, die Amtszeit anderer Staatsführer schon früh mit Provokationen zu stören. Später dann folgen meist Schritte der Annäherung in der Hoffnung, das Ausland zu finanziellen Zugeständnissen oder anderer Hilfe zu bewegen.

Die USA, Südkorea und andere Länder sind höchst beunruhigt über die jüngste Erschütterung, die heftiger ausgefallen war als alle vorherigen, über die aber ansonsten noch wenig bekannt ist. Erst in ein paar Tagen werden sich radioaktive Isotope in der Atmosphäre nachweisen lassen. Und bis dahin werden ausländische Beobachter – sofern Nordkorea nicht selbst noch etwas dazu sagt – nicht wissen, wie die Explosion zustandekam.

Bei den früheren Tests hatte Nordkorea wiederaufbereitetes Plutonium verwendet. Aber schon im Jahr 2010 hatte die Regierung bekanntgegeben, dass sie jetzt versuchen werde, Uran anzureichern. Auch dieses Element kann Atomexplosionen auslösen.

Heimlich mit Uran experimentiert

Seit den 70er-Jahren arbeitet Nordkorea an der Entwicklung von Atomwaffen, aber weil das Land so arm ist und unter zahlreichen internationalen Sanktionen und Beschränkungen leidet, kam es lange Zeit nur langsam voran. Zwischen 1994 und 2002 stellte Nordkorea im Zuge eines Pakts mit den USA seine Forschung auf dem Gebiet sogar formal ein. Aber die Übereinkunft platzte, als Washington herausfand, dass Pjöngjang heimlich mit angereichertem Uran experimentierte. Das Abkommen beschränkte sich lediglich auf die Forschung mit aufbereitetem Plutonium.

Nordkorea behauptet schon seit langem, dass es Atomwaffen brauche, um sich vor einem Angriff aus Südkorea und seinem Verbündeten, den USA, zu schützen. Aber seit dem Koreakrieg im Jahr 1950 hat das Land offensichtlich schon mit seinen herkömmlichen Waffen eine ausreichend abschreckende Wirkung erzielt.

Viele Analysten glauben, dass Nordkorea sein nukleares Drohpotenzial nutzen will, um die USA und andere Staaten zu neuen Sicherheitsgarantien und Finanzhilfen zu zwingen. Außerdem dürfte das Land den Ruf seiner Waffenindustrie gestärkt haben, die Länder wie Irak und Syrien mit Flugkörpern, Gewehren und anderen herkömmlichen Waffen bestückt.

Schon nach dem letzten Atomtest im Jahr 2006 hatte Nordkorea gefordert, dass die USA und andere Großmächte das Land als Atommacht und gleichwertigen Verhandlungspartner anerkennen. Nach Schätzung verschiedener Beobachter besitzt Nordkorea genau wiederaufbereitetes Plutonium aus einem Atomkraftwerk, um bis zu zwölf kleinere Atomwaffen zu bauen.

—Mitarbeit: In-Soo Nam

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Berliner Gründer

  • [image]

    Zu Besuch bei deutschen
    Start-ups

    Ständig wird über sie berichtet, ihre Dienste werden von Millionen genutzt: Deutsche Start-ups müssen sich vor der Konkurrenz aus den USA längst nicht mehr verstecken. Das zeigt auch ein Blick auf die Büros der jungen Firmen. Wir haben Onefootball, Eyeem, Wooga, Amorelie, Mymuesli, Researchgate und Outfittery in Berlin besucht.

  • [image]

    Die schlimmsten Stau-Städte der Welt

    Für alle deutschen Autofahrer im Stau gilt: Es geht noch schlimmer. Der Navigationsgeräte-Hersteller TomTom hat die Fahrzeiten in den Metropolen verglichen. Wir stellen die Stau-Hochburgen der Welt vor.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 23. Juli

    Sommerlaune in Schanghai, Pappmänner in Peru, Durchhalteparolen bei der Tour de France und ein Seiltänzer über den Dächern von Bangkok - schauen Sie sich unsere Fotos des Tages an!

  • [image]

    Einmal zum Mond und zurück

    Am 20. Juli 1969 gewannen die USA das Wettrennen zum Mond gegen die Sowjetunion. Die US-Astronauten Neil Armstrong und Edwin Aldrin setzten als erste Menschen einen Fuß auf den Mond. Ein Rückblick in Bildern.

  • [image]

    Die Chinesen lieben das Nickerchen im Möbelhaus

    Chinesen mögen es, an merkwürdigen Plätzen ein Schläfchen zu machen. Neu ist dieses Phänomen nicht. Ein Fotograf hat sich nun aber erstmals auf die Lauer gelegt und das seltsame Verhalten bei Ikea in Peking dokumentiert.

  • [image]

    Der neue Villen-Boom in Berlin

    „Arm, aber sexy" war gestern. Heute zeigt Berlin wieder Luxus. Besonders die Altbauvillen im Südwesten der Hauptstadt erleben derzeit eine neue Blütezeit.