• The Wall Street Journal

Umbau bei Thyssen überzeugt die Anleger

    Von HENDRIK VARNHOLT

Der Stahl- und Technologiekonzern Thyssen-Krupp bleibt angesichts der schwachen Stahlkonjunktur unter Druck. Das Unternehmen hat zwischen Oktober und Dezember erheblich weniger verdient und umgesetzt. Im traditionellen Geschäft mit Stahlträgern oder Schienen lief es deutlich schlechter. Hoffnung macht dagegen das Industriegeschäft, das Thyssen-Krupp-Boss Heinrich Hiesinger künftig stärken will. Am Aktienmarkt kommt das gut an, Investoren richten den Blick nach vorn.

Für Analyst Marc Gabriel vom Bankhaus Lampe belegen die Zahlen, dass das Stahlgeschäft von Thyssen weiterhin schwach läuft. Gut entwickele sich dagegen der Bereich Industrials, "Damit hat Hiesinger mit dem eingeleiteten Konzernumbau den richtigen Weg eingeschlagen."

dapd

Roheisen fliesst in einer Werkshalle von Thyssen-Krupp in Duisburg. Das Stahlgeschäft beim Konzern schwächelt.

Bis die Maßnahmen Früchte tragen, dürfte es aber noch eine Weile dauern. "Die Zahlen zeigen, dass die Wende im Stahlgeschäft noch in weiter Ferne ist", erklärte ein weiterer Analyst. Am Aktienmarkt überwiegt aber die Freude. Die Restrukturierung trage erste Früchte, und Thyssen habe erstmals seit mehreren Quartalen wieder ein positives Nettoergebnis erzielt, sagte ein Analyst. Zum Handelsauftakt gewinnt die Thyssen-Krupp-Aktie.

Dass Thyssen aber noch nicht über den Berg ist, zeigen die Zahlen zum ersten Quartal. Die Erlöse schrumpften um 8 Prozent auf 8,84 Milliarden Euro. Das bereinigte EBIT der fortgeführten Aktivitäten brach um 38 Prozent auf 229 Millionen Euro ein. Unter dem Strich sah es ähnlich aus: Auf die Aktionäre entfiel ein Nettoergebnis von 29 Millionen Euro - deutlich weniger als die 41 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum.

Große Sprünge wird es bei dem Stahlriesen auch in den kommenden Monaten nicht geben. Die Thyssen-Krupp AG rechnet für das Geschäftsjahr weiter mit einem Umsatz auf dem Vorjahresniveau von 40 Milliarden Euro. Beim Ergebnis wird es sogar kräftig nach unten gehen.

ThyssenKrupp steht angesichts der schwachen Stahlkonjunktur weiter unter Druck. Im vierten Quartal hat der Konzern erheblich weniger verdient und umgesetzt.

Angesichts dieser düsteren Aussichten fällt auch das Urteil des Managements kritisch aus. "Mit der heutigen Ertragskraft des Konzerns können wir jedoch noch nicht zufrieden sein", sagte Vorstandschef Heinrich Hiesinger.

Verantwortlich für die Rückgänge des ersten Geschäftsjahresquartals ist vor allem die weiterhin negative Entwicklung des europäischen Stahlgeschäfts. Da es hier schlechter lief und im Industriegütergeschäft besser, stieg auch der Anteil des für Hiesinger wichtigen Zukunftsgeschäft: Mittlerweile erwirtschaftet Thyssen rund 80 Prozent seines operativen Gewinns mit Industriegütern. Hoffnung machen in der Sparte auch die Ordereingänge, die deutlich kletterten. Im Konzern ingesamt sanken die Aufträge dagegen leicht, bedingt auch durch den Verkauf von Unternehmensteilen.

Beim wichtigen Verkauf der Stahlwerke in Amerika gibt es bisher keine Neuigkeiten. Seit November laufe die Due Diligence, teilte Thyssen-Krupp zu dem Verkaufsvorhaben mit. Das Unternehmen gab sich weiter zuversichtlich, die beiden amerikanischen Stahlwerke im Laufe dieses Geschäftsjahres abgeben zu können.

Sollte Thyssen-Krupp einen angemessenen Preis für die noch mit 3,9 Milliarden Euro in den Büchern stehende Sparte Steel Americas erzielen, wäre ein Verkauf eine erhebliche Erleichterung: Erst im vergangenen Geschäftsjahr musste das Unternehmen 3,6 Milliarden Euro auf die amerikanischen Werke abschreiben. Dies trug wesentlich zum Jahres-Nettoverlust des Konzerns von rund 5 Milliarden Euro bei.

Um den Stahlriesen auf Kurs zu bekommen, hat Thyssen-Boss Hiesinger auch ein konzernweites Umbauprogramm aufgelegt, von dem besonders das europäische Stahlgeschäft betroffen ist. Thyssen-Krupp hatte am Freitag tiefe Einschnitte bei der Sparte angekündigt. Die Zahl der Stellen soll von derzeit rund 27.600 um mehr als 2.000 Stellen verringert werden. Der Dax-Konzern prüft nach Betriebsratsangaben zudem den Verkauf von Teilen des sogenannten Elektroband-Geschäfts. Dadurch könnte sich die Belegschaft um weitere 1.800 Mitarbeiter verkleinern.

Von dem schwierigen Umfeld im Stahlgeschäft können auch Konkurrenten von Thyssen-Krupp ein Lied singen: Beim weltgrößten Stahlkonzern Arcelor Mittal brach der operative Gewinn zwischen Oktober und Dezember um fast ein Viertel auf 1,32 Milliarden US-Dollar ein. Der Umsatz des Unternehmens schrumpfte um gut 3 Milliarden auf 19,31 Milliarden Dollar. Ähnlich trübe Zahlen meldete der südkoreanische Wettbewerber Posco. Bei ihm ist das Ergebnis im Schlussquartal des vergangenen Jahres sogar um rund 45 Prozent eingebrochen. Sowohl ArcelorMittal als auch Posco blicken aber mit leichtem Optimismus auf die nächsten Monate.

Hiesinger stellt aber nicht nur die zyklische Stahlkonjunktur vor eine schwierige Aufgaben: Er muss bei dem deutschen Konzern auch eine neue Unternehmenskultur etablieren. Thyssen-Krupp war nämlich in den vergangenen Monaten wegen seiner Beteiligung an einem Kartell auf dem Schienenmarkt und angesichts fragwürdiger Geschäftsreisen in die Kritik geraten.

—Mitarbeit: Thomas Leppert

Kontakt zum Autor: hendrik.varnholt@dowjones.com

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