• The Wall Street Journal

Pferdefleisch-Skandal weitet sich auf ganz Europa aus

    Von CASSELL BRYAN-LOW in London und RUTH BENDER in Paris
Associated Press

Moussaka von Findus in einem Pariser Supermarkt. Sie wurde am Montag aus dem Verkauf genommen.

LONDON - Irische Lebensmittelinspekteure waren dem Betrug als Erste auf die Spur gekommen. Bei Routinekontrollen entdeckten die Prüfer Spuren von Pferdefleisch in Rindfleisch-Hamburgern. Die Fertigprodukte wurden in großen britischen Lebensmittelketten wie Tesco verkauft.

Das war vor einem Monat. Mittlerweile hat sich der Skandal auf sieben Länder in ganz Europa ausgeweitet. Und längst sind nicht mehr nur Hamburger betroffen, denen in geringen Mengen Pferdefleisch zugesetzt wurde. In einem Fall stieß die Lebensmittelaufsicht auf tiefgefrorene Rindfleisch-Lasagne, die ganz und gar aus Pferdefleisch bestand.

Die schnelle Ausweitung der Affäre wirft Fragen auf. Wie verlässlich ist die Kennzeichnung von Lebensmitteln in Europa? Und welchen Weg legen Nahrungsmittel eigentlich auf dem Kontinent zurück, bis sie endlich auf den Tischen der Verbraucher landen?

Krisensitzungen in ganz Europa

Millionen von Fleischprodukten sind mittlerweile aus den Supermarktregalen und Tiefkühltruhen in Großbritannien und Frankreich verschwunden. Irland, Schweden und Rumänien wurden in die rasch um sich greifende Betrugsaffäre mit hineingezogen. In einigen Ländern riefen die zuständigen Behörden Krisensitzungen ein. Vertreter der Fleischindustrie sollen ihnen erklären, wie die falsch ausgezeichnete Ware überhaupt in die Geschäfte gelangen konnte.

Spurensuche

15. Januar 2013: Die Lebensmittelaufsicht in Irland teilt mit, Spuren von Pferdefleisch in einigen Rindfleisch-Hamburgern entdeckt zu haben. Sie wurden in britischen Supermärkten wie Tesco angeboten. Die irischen Inspekteure lokalisieren die Quelle in zwei Verarbeitungsanlagen in Irland und in einer Fleischfabrik in England. In einigen Hamburgern wurden zudem DNS-Spuren vom Schwein entdeckt.

16. Januar: Die britische Behörde für Lebensmittelsicherheit ordnet Untersuchungen an, wie Spuren von Pferdefleisch und Schweine-DNS in eine Reihe von Rindfleischprodukten gelangen konnten, die in Großbritannien und Irland verkauft werden.

31. Januar: Die Fast-Food-Kette Burger King Worldwide berichtet, bei einem Hamburger-Lieferanten Spuren von Pferdefleisch entdeckt zu haben, der Schnellrestaurants der Kette in Großbritannien, Irland und Dänemark bediente. Die kontaminierten Produkte seien zwar in keinem der Burger-King-Restaurants verkauft worden, dennoch habe man den Anbieter gewechselt. Am selben Tag unterrichtet der Versorgungsdienst für britische Gefängnisse die Behörden davon, dass in einigen Fleischpasteten, die als "halal" ausgezeichnet waren und damit nach islamischem Recht Muslimen zum Verzehr erlaubt sind, Spuren von Schweinefleisch nachgewiesen wurden.

6. Februar: Der Tiefkühlkosthersteller Findus meldet den britischen Lebensmittelbehörden, dass in einigen seiner Rindfleisch-Lasagne-Gerichte Pferdefleisch enthalten war. Die Firma hatte die Artikel zurückgezogen, nachdem ihr französischer Zulieferer Comigel wegen des Fleisches in Verdacht geraten war. In den Fertigmenüs waren bis zu 100 Prozent Pferdefleisch enthalten, berichten die Lebensmittelkontrolleure.

7. Februar: Die Supermarktkette Aldi berichtet, aus ihren Märkten in Großbritannien zwei Angebote aus dem Verkehr gezogen zu haben. Es handele sich um eine Rindfleisch-Lasagne sowie ein Spaghetti-Bolognese-Gericht. Beide stammten ebenfalls vom französischen Lieferanten Comigel.

9. Februar: Die französische Regierung teilt mit, anfängliche Ermittlungen bei Comigel deuteten auf eine komplexe Lieferkette für das betreffende Fleisch hin. Sie führe von der Luxemburger Verarbeitungsanlage der Firma, in der Tiefkühlkost hergestellt werde, zu rumänischen Schlachthöfen. Dazwischengeschaltet seien niederländische und zyprische Nahrungsmittelhändler und ein weiterer französischer Anbieter.

10. Februar: Sieben Einzelhandelsunternehmen, darunter Ketten wie Carrefour, Groupe Casino und Auchan Groupe, rufen einige Tiefkühlfertiggerichte zurück, die von Findus und Comigel stammen. Es handelt sich um Lasagne, Spaghetti Bolognaise und Moussaka.

11. Februar: Die britische Regierung erklärt, es scheine sich um "kriminelle Machenschaften" zu handeln. Offensichtlich werde "versucht, die Verbraucher zu betrügen". Der rumänische Ministerpräsident reagiert verärgert auf Andeutungen, die Schuldigen seien in seinem Land zu suchen. In Rumänien sei es zu keinen Betrugsfällen mit falsch deklariertem Fleisch gekommen.

Quelle: Pressemitteilungen der Unternehmen; Britische Lebensmittelaufsicht; Berichte des Wall Street Journal

Video auf WSJ

The use of horse meat in beef products isn't only a problem in the U.K. Cassell Bryan-Low looks at evidence that abattoirs and suppliers as far afield as Romania could be involved in what British Prime Minister David Cameron has called an "unacceptable" trade.

In Deutschland gibt es laut Bundesverbraucherministerium keinen Hinweis auf Pferdefleisch in der Tiefkühlkost – noch. Bereits in der vergangenen Woche hat Kaiser's Tengelmann nach Informationen von Spiegel Online die Tiefkühl-Lasagne der Eigenmarke A&P aus dem Verkauf genommen. Die Sprecherin sagte, es liege noch kein Nachweis vor, dass Pferdefleisch verarbeitet worden sei könnte. Das Untersuchungsergebnis der Lasagne steht noch aus.

Der neueste Skandal um die Fleischindustrie zeigt, wie komplex das Netz aus Schlachthäusern und Lieferanten ist, bei denen Lebensmittel auf ihrem Weg zum Teller Station machen. Und wie steht es um die Kontrollen, wenn Nahrungsmittel über die verschiedensten Landesgrenzen hinweg geschafft werden?

Im Fall eines betroffenen Tiefkühlkostanbieters aus Schweden etwa, in dessen Rindfleisch-Lasagne Pferdefleisch aufgespürt wurde, wurde das zweifelhafte Produkt von einer französischen Firma geliefert. Doch die Franzosen wiederum bedienten sich einer Lieferkette, die sich durch Rumänien, die Niederlande und Zypern zog.

Mittlerweile haben Lebensmittelaufseher mehrerer europäischer Länder Ermittlungen eingeleitet. Insgesamt könnten mehr als ein Dutzend verschiedener Länder betroffen sein. Großbritannien und Frankreich erwägen, Anklage wegen Betrugs zu erheben.

"Es scheint bei dem Versuch, die Verbraucher zu betrügen, zu kriminellen Machenschaften gekommen zu sein", sagte der britische Umweltminister Owen Patterson am Montag im Parlament.

Besonders empört reagieren die Briten auf die Enthüllungen. In der Nation der Pferdeliebhaber gilt der Verzehr von Pferdefleisch als Abscheulichkeit. Einige Nachbarn der Briten auf dem europäischen Festland dagegen lehnen Pferdefleischgerichte nicht ganz so vehement ab. In einigen Regionen - in Frankreich etwa - wird Pferdefleisch gar als Delikatesse erachtet. Es schmeckt wie eine Mischung aus Rind- und Wildfleisch mit einem leicht süßen Beigeschmack.

Die britischen Zeitungen übertrumpfen sich gegenseitig mit ihren Schlagzeilen zu der Affäre. Einige Politiker forderten gar, ein Importverbot für Fleisch aus anderen EU-Ländern zu verhängen, bis der Skandal aufgeklärt sei. Doch die britische Regierung wiegelt ab. Ein Einfuhrverbot sei derzeit nicht geplant.

Kennzeichnung von Lebensmitteln noch vertrauenswürdig?

Politisch Verantwortliche in Großbritannien und anderen europäischen Ländern beteuerten, es gebe keine Hinweise darauf, dass von den Täuschungsmanövern eine gesundheitliche Gefahr ausgehe. Pferdefleisch sei nicht besser und nicht schlechter für die Gesundheit als Rindfleisch. Allerdings wurden auch Bedenken laut, das Pferden verabreichte Mittel Phenylbutazon, das Menschen gefährlich werden kann, könne sich einen Weg in die Nahrungsmittelkette bahnen.

Doch vor allem dreht sich die öffentliche Diskussion um die Frage, ob sich die Verbraucher noch auf die Kennzeichnung von Lebensmitteln verlassen können, wenn sie wissen wollen, was sie zu sich nehmen.

"Schockierend" sei die ganze Angelegenheit, sagte der britische Premier David Cameron am Freitag in Brüssel. "Die Leute werden außer sich sein, wenn sie erfahren, dass sie Pferdefleisch gegessen haben, während sie eigentlich glaubten, Rindfleisch zu verzehren", fügte er hinzu.

Das Londoner Scotland Yard hat sich mit der britischen Lebensmittelbehörde kurzgeschlossen. Man werde allen Hinweisen nachgehen, die die Lebensmittelinspekteure zu Tage förderten. Eine Ermittlung sei allerdings noch nicht eingeleitet worden, hieß es bei der Polizeibehörde.

Der EU-Gesundheitsminister Tonio Borg wird sich am Mittwoch mit Ministerkollegen aus anderen EU-Ländern treffen, um über den Pferdefleischskandal zu beraten.

Briten verweisen auf Franzosen

Die britischen Lebensmittelaufseher haben nach eigenen Angaben bisher in zwei Fällen "beträchtliche" Mengen von Pferdefleisch entdeckt. Das Vorgehen deute auf "grobe Fahrlässigkeit oder vorsätzliche Kontaminierung" der Nahrungsmittelkette hin. Es handele sich einmal um die gefrorenen Hamburger von Tesco und zum anderen um Rindfleisch-Lasagne des Tiefkühlkostspezialisten Findus Group. Es hätten sich Verbindungen zu Lieferanten in Irland beziehungsweise Frankreich herstellen lassen.

Ende der vergangenen Woche hatten die britischen Kontrolleure mitgeteilt, in einigen Rindfleisch-Lasagne-Produkten bis zu 100 Prozent Pferdefleisch gefunden zu haben, die Findus in Schweden aus den Tiefkühltruhen genommen hatte. Findus bestätigte, dass in den Produkten der Gruppe Pferdefleisch gefunden wurde. Die Firma verwies allerdings auf den französischen Zulieferer Comigel. Von ihm stamme das Fleisch. Anrufe und Emails mit der Bitte um Stellungnahme ließ Comigel unbeantwortet.

Von Frankreich über Luxemburg, Niederlande und Zypern nach Rumänien

Am Wochenende berichtete die französische Regierung über den Stand ihrer Ermittlungen. Anfängliche Untersuchungen französischer Beamter deuteten auf eine komplexe Lieferkette bei Comigel hin. Sie führe von der Luxemburger Verarbeitungsanlage der Firma, in der Tiefkühlkost hergestellt werde, zu rumänischen Schlachthöfen. Dazwischengeschaltet seien niederländische und zyprische Nahrungsmittelhändler und ein weiterer französischer Anbieter.

Der rumänische Ministerpräsident Victor Ponta reagierte am Montag verärgert auf Andeutungen, die Schuldigen seien in seinem Land zu suchen. In Rumänien sei es zu keinen Betrugsfällen mit falsch deklariertem Fleisch gekommen.

In Frankreich nahmen sechs Einzelhändler, darunter Carrefour, Groupe Casino und die Auchan Groupe, über das Wochenende einige Tiefkühlfertiggerichte von Findus und Comigel aus dem Angebot. Unter anderem waren Lasagne, Spaghetti Bolognaise und Moussaka in den Verdacht geraten, falsch gekennzeichnet zu sein.

Auch die Fast-Food-Kette Burger King Worldwide wurde von dem Skandal in Mitleidenschaft gezogen. Die Firma teilte mit, ihre Rindfleischhamburger von demselben Lieferanten wie die Supermarktkette Tesco bezogen zu haben. In dessen Fabrik sei man auf Spuren von Pferdefleisch gestoßen. Den Zulieferer, der Restaurants der Kette in Großbritannien, Irland und Dänemark mit Hamburgern versorgt habe, habe Burger King mittlerweile gewechselt. Die falsch deklarierten Pferdefleischburger seien nicht in den Schnellrestaurants verkauft worden, beteuert Burger King.

—Mitarbeit: Indi Laundauro und Alessandro Torello

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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