• The Wall Street Journal

Wie bricht man die Macht der Ratingagenturen?

    Von FRANCESCO GUERRERA

Irgendwann wird die US-Regierung in der Anklage gegen die Ratingagentur Standard & Poor's zu einem Vergleich kommen. Irgendwann sind die Jubelfeiern vorbei, das Bedauern geäußert und politische Fleißkärtchen verteilt. Doch selbst dann bleibt immer noch ein grundlegendes Problem: Wie bringt man ein Bewertungssystem in Ordnung, das in der Finanzkrise so fatal versagt hat, aber für das Funktionieren der globalen Kapitalmärkte unerlässlich ist?

Reuters

Die Ratingagentur Standard & Poor's und ihre Muttergesellschaft McGraw Hill werden vom US-Justizministerium verklagt.

Die Branche wird von zwei Problemen heimgesucht, die sich gegenseitig verstärken. Drei Ratingagenturen – S&P, Moody's und Fitch – beherrschen durch ein Oligopol den Markt. Ihr Geschäftsmodell fußt auf einem Interessenkonflikt, weil die Anleiheausgeber, deren Papiere sie bewerten sollen, sie bezahlen.

Zwei radikale, aber praktische Lösungen liegen nahe: Man muss die großen Drei zerschlagen und es leichter für Anleger und Unternehmen machen, sie zu verklagen. In der Wissenschaft und in der Wirtschaft werden solche Ideen seit Jahren diskutiert. Die Aufsichtsbehörden haben aber kaum reagiert.

Die Bemühungen des US-Kongresses, das System zu reformieren, sind im Sande verlaufen. Viele der in den Dodd-Frank-Gesetzen – mit denen in den USA die Finanzbranche an die Leine genommen werden sollte - vorgeschlagenen Änderungen verzögern sich oder sind dank der Bemühungen der Lobbyisten abgeschmettert worden. „Der Glaube daran, dass die Regulierer die Ratingagenturen reformieren können, erscheint genau so überschätzt wie die Bewertungen für hypothekenbesicherte Papiere", polemisiert Jura-Professor Jeffrey Manns von der George Washington University.

Die fünf Milliarden Dollar schwere Schadensersatzklage des US-Justizministeriums gegen S&P könnte jetzt den nötigen Impuls zum Wandel bringen. Ein Blick auf die zwei möglichen Lösungen – Zerschlagung und mehr Klagen:

Spaltet man die Ratingriesen in mehrere Teile auf, bei dem einer beispielsweise nur für Staatsanleihen, Unternehmensschulden oder hypothekenbesicherte Wertpapiere zuständig ist, würde man das Problem beheben, dass das gegenwärtige System keine Konkurrenz zu den großen Drei aufkommen lässt. Das lange und komplizierte Zulassungsverfahren der US-Börsenaufsicht SEC und die Gewohnheit der Auftraggeber haben dazu geführt, dass S&P, Fitch und Moody's mehr als 96 Prozent aller in den USA ausgegebenen Wertpapiere bewerten.

Diese zementierte Marktposition senkt die Motivation der Agenturen, qualitativ hochwertige Ratings abzuliefern, aus zwei Gründen: Auch wenn sie pfuschen, bekommen sie weiter Aufträge. Und der Imageschaden durch ein schlechtes Rating, sei es zu streng oder zu nachsichtig, ist überschaubar, da Emittenten und Anleger kaum Alternativen haben.

Eine Zerschlagung würde zwar kurzfristig nichts lösen, denn es würden lediglich Mini-Oligopole in verschiedenen Nischen geschaffen. Aber langfristig hätten es Konkurrenten leichter, zu ihnen aufzuholen. In der Luftfahrtbranche hat dieser Ansatz gut funktioniert.

Eine Einschränkung: Die Behörden können Unternehmen nicht aufspalten, wenn keine Beweise für wettbewerbsfeindliches Verhalten vorliegen. Aber es gibt andere Mittel und Wege. Die SEC könnte die Erneuerung der Lizenzen für die Ratingagenturen an Schrumpfauflagen knüpfen, die über Jahre schrittweise ausgebaut werden.

Aber wenn der politische Wille und die Phantasie für eine strukturelle Lösung fehlen, warum verlässt man sich dann nicht auf die Klagefreudigkeit des amerikanischen Rechtssystems? In dieser Frage liegt Dodd-Frank genau richtig. Laut dem Gesetz sollen Ratingagenturen der gleichen Haftbarkeit unterliegen wie etwa Buchhalter. Dann könnten Anleger sie vor Gericht bringen, wenn sie wissentlich oder fahrlässig irreführende Ratings erstellen, sagt Rechtsexperte Jeffrey Manns.

Leider hat die SEC auch in diesem Punkt der Lobbyarbeit der Agenturen nachgegeben, sagen Kritiker. Sie drohten einfach, ihre Ratings nicht mehr in den Dokumenten für die Börsenaufsicht einzubringen. Das hätte Teile des Anleihemarktes lahmgelegt. Daraufhin legte die SEC diesen Teil des Gesetzes auf Eis. „Die wichtigste Haftungsfunktion wurde damit quasi wirkungslos", so Manns.

Mit den Plänen der Aufseher vertraute Personen sagen zwar, dass die Haftbarkeitsreglung ohnehin nur einen Teil des Marktes betroffen hätte und schwierig umzusetzen gewesen wäre. Denn man hätte vor Gericht zunächst beweisen müssen, dass die Bewertung nicht gerechtfertigt ist.

Trotzdem würde eine Haftungsregelung bedeuten, dass den Ratingagenturen stärker auf die Finger geschaut wird. Denn es ist der Urinstinkt der Anleger, sich verlorenes Geld zurückzuholen. Es müsste gewisse Grenzen geben. Beispielsweise sollte die mögliche Haftungssumme auf ein bestimmtes Vielfaches der Gebühren festgelegt werden, die die Agenturen mit ihrem Rating verdienen. Aber es erscheint logisch, die Gesetze des Marktes bei einer Branche anzuwenden, die den Markt übers Ohr gehauen hat.

„Flickschusterei hilft ab einem bestimmten Punkt nicht mehr weiter", sagt Anne Simpson vom 244 Milliarden schweren Pensionsfonds des Staates Kalifornien, der in der Krise etwa 70 Milliarden Verluste gemacht hat. Man sollte die Ratingagenturen nicht komplett zum Teufel jagen- das wäre kontraproduktiv. Aber ihnen das Leben etwas schwerer zu machen, sollte das oberste Ziel für Regulierer und Anleger sein.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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