• The Wall Street Journal

In den USA beginnt das Gefängnissterben

    Von DAN STRUMPF

Gefängnisse waren in den USA lange eine boomende Branche: Es wurden immer mehr Haftanstalten gebaut, die sich aufgrund des strengen Vorgehens gegen Verbrechen und vor allem wegen harter Drogengesetze schnell füllten. Doch die sinkende Kriminalitätsrate und immer knappere Budgets veranlassen einige Bundesstaaten dazu, Gefängnisse wieder zu schließen. Noch vor einigen Jahren wäre das undenkbar gewesen.

Ein geschlossenes Gefängnis in Texas. Bundesstaaten, die knapp bei Kasse sind, kürzen immer häufiger ihr Budget für Haftanstalten.

Laut der Nationalen Konferenz der Gesetzgeber wurden in den vergangenen zwei Jahren 35 Gefängnisse in 15 Bundesstaaten geschlossen. Die Gouverneure in den Bundesstaaten Pennsylvania, New York und Illinois rufen nach weiteren Schließungen.

„Das ist das erste Mal, dass so viele Staaten so schnell so viele Haftanstalten schließen", sagt Tracy Hulling, Expertin für Gefängnisse bei der liberalen Interessenvertretung Open Society Foundations.

Es gibt Widerstand gegen diesen Trend. Gewerkschaften und Kommunalpolitiker fürchten den Verlust von Arbeitsstellen. Außerdem glauben sie, dass die übrigen Gefängnisse aus allen Nähten platzen könnten.

Doch Bundesstaaten, die knapp bei Kasse sind, kürzen immer häufiger ihr Budget für Haftanstalten. Zwischen 1982 und 2001 verdreifachten sich die Etats für staatliche Gefängnisse bis auf 53,5 Milliarden US-Dollar, berichtet das Bureau of Justice Statistics. Seitdem sind die Ausgaben wieder um neun Prozent gefallen. In Illinois zum Beispiel will der demokratische Gouverneur Pat Quinn vier Erwachsenen- und drei Jugendgefängnisse schließen, um 70 Millionen Dollar einzusparen.

Einige Staaten legen Gefängnisse zusammen

Ob es jedoch wirklich weniger Gefängnisse gibt, ist unklar. Einige Staaten wie Pennsylvania legen mehrere alte Einrichtungen zusammen, anstatt tatsächlich Kapazitäten zu streichen. In den vergangenen Jahren haben private Gefängnisbetreiber außerdem weiter neue Einrichtungen gebaut, jedoch glauben Analysten, dass es mit den Bauvorhaben langsamer vorangeht.

Diese Wende ist auch an anderen Stellen offensichtlich. Zwischen 1990 und 2009 verdoppelte sich die Zahl der Gefängnisinsassen auf 1,6 Millionen; die Anzahl der Gefängnisse stieg zwischen 1990 und 2005 um 41 Prozent auf 1821. Im Jahr 2010 sank die Zahl der Häftlinge in den USA zum ersten Mal seit fast vier Jahrzehnten. 2011 fiel die Zahl weiter.

Amerikanische Gefängnisse schließen ihre Türen

Etwa 70 Prozent der 2011 aus Staatsgefängnissen entlassenen Häftlinge stammen aus Kalifornien, da das Verfassungsgericht dem Bundesstaat kürzlich vorgeschrieben hat, die überfüllten Gefängnisse zu entlasten. Viele der betroffenen Häftlinge wurden nicht freigelassen, sondern sind heute in kommunalen Haftanstalten eingesperrt. In einigen Staaten wie Tennessee und Kentucky stieg die Anzahl der Gefangenen 2011 sogar.

In Florida, Texas, New York und Michigan ist die Anzahl der Gefängnisinsassen 2011 jeweils um mindestes 1.000 gefallen. All diese Staaten haben in den vergangenen zwei Jahren außerdem Gefängnisse geschlossen.

Texas machte zum ersten Mal ein Gefängnis dicht

„Keine Frage: Es findet ein Wandel statt", sagt Martin Horn, der in den 90ern und 2000ern die Gefängnisbehörden von New York City und Pennsylvania leitete und heute als Lektor am John Jay College of Criminal Justice in New York arbeitet.

Experten glauben, dass die sinkende Anzahl an Gefängnisinsassen auch damit zu tun hat, dass die Politik nicht gewalttätige Sträflinge seltener hinter Gitter schicken will. Im August 2011 schloss Texas zum ersten Mal in seiner Geschichte ein staatliches Gefängnis. Bis dahin hatte der Bundesstaat laut dem Texas Department of Criminal Justice seit 1990 durchschnittlich drei Haftanstalten im Jahr gebaut

„Man muss unterscheiden zwischen den Menschen, vor denen man Angst hat, und denen, auf die man wütend ist", sagt Senator John Whitmire, der eine Überholung des Haftsystems in Texas vorangetrieben hat. „Man hat Angst vor Kinderschändern, Mördern und Vergewaltigern, aber nicht vor Kleinkriminellen."

Gewerkschaften sagen, dass die Schließungen von Haftanstalten zu gefährlicheren Bedingungen in den verbleibenden Einrichtungen führen könnten, da diese dann überfüllt wären.

Gerade in einigen ländlichen Gegenden, wo ein großer Teil der Bevölkerung in Haftanstalten Arbeit findet, sind Schließungen ein großes Problem. Anfang Januar verkündeten Politiker aus Pennsylvania, dass Gefängnisse in den Städtchen Cresson und Greensburg geschlossen werden sollen.

„Das wird den Restaurants, den Baumärkten und allen anderen Geschäften hier schaden", sagt Patrick Mulhern, der lange Zeit Bürgermeister von Cresson in der Nähe von Pittsburgh war. „500 Angestellte auf einen Schlag, das ist ganz schön viel."

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