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„Follow the money" – das Facebook für Geldanleger

Im Social Web können Internetnutzer nicht nur Prominenten oder Freunden folgen. Social-Trading-Plattformen ermöglichen Anlegern, auch Investmentstrategien zu folgen. Auf der Website des Wiener Start-ups Wikifolio können derartige Strategien nicht nur beobachtet, sondern sogar als Indexzertifikat gekauft werden. Ein solches Zertifikat bildet das Investment in verschiedene Anlageobjekte nach.

Wikifolio-Gründer und Geschäftsführer Andreas Kern.
Wikifolio-Gründer und Geschäftsführer Andreas Kern. Wikifolio

Schon 4,5 Millionen Euro wurden nach Angabe des Betreibers nach rund drei Monaten investiert. „Das ist ein ziemlich erfreulicher Wert, insbesondere, da wir noch kaum Marketing-Ausgaben getätigt haben", sagt Wikifolio-Gründer Andreas Kern. Die meisten Nutzer finden über Google und Facebook auf die Seite, gefolgt von Partner-Websites.

Nutzer können auf der Plattform ein eigenes Musterdepot, Wikifolio genannt, anlegen oder die Depots anderer Anleger beobachten – und wenn sie wollen, auch Beträge ab 100 Euro investieren. „Unsere Trader folgen überwiegend einem sehr aktiven Handelsstil. Sie schichten häufig um und nutzen auch sehr kleine Marktchancen", erklärt Kern. Für kleine Investments von wenigen hundert Euro ist so eine Strategie aufgrund der Gebühren ansonsten nicht lohnend. „Im Durschnitt wird pro Monat das 15-fache des investierten Kapitals umgeschichtet", sagt Kern.

Suche nach Portfolios auf Wikifolio.
Suche nach Portfolios auf Wikifolio. Screenshot Wikifolio

Wer mindestens 20 Nutzer auf der Plattform für sein Portfolio begeistern kann, bekommt ein handelbares Wertpapier zugeordnet, welches das Portfolio abbildet – samt Wertpapiernummer ISIN. Die Zertifikate werden vom Düsseldorfer Börsenspezialisten Lang & Schwarz herausgeben und können über die Börse Stuttgart frei gehandelt werden. „Wikifolios sind bei allen Brokern handelbar", sagt Kern.

„Follow the money"

Wikifolio leitet anhand einer Reihe von Kriterien zu bestimmten Portfolios. Unter dem Punkt „Wikifolios entdecken" listet der Dienst die „Top Wikifolios" auf, die nach bestimmten Kriterien gerankt sind. Dabei zählt nicht alleine die bisherige Wertentwicklung des Portfolios. „Wir haben unterschiedliche Kriterien verknüpft", sagt Kern. „Dazu zählt die Performance im Vergleichzu den anderen Depots, der bislang größte Verlust aber auch wie aktiv der Trader ist, wann er sich das letzte Mal auf der Seite angemeldet hat. Außerdem wie viele andere Nutzer diesen Trader vorgemerkt haben und ganz wichtig, wie viel Geld dem Trader folgt".

Die Anbieter der Musterdepots sollen mit Prämien gelockt werden. In das Zertifikat sind zwei Gebühren eingebaut, die in den Handelspreis automatisch eingerechnet werden: Eine Performance-Gebühr und eine Zertifikategebühr. 0,95 Prozent des investierten Kapitals pro Jahr werden für die Zertfikategebühr fällig. Die Performance-Gebühr richtet sich nach dem Erfolg des Investments. „Wenn in einem Portfolio ein Gewinn entsteht, wird ein Teil vom Gewinn einbehalten." Wie groß dieser Teil ist, legt der Ersteller des Portfolios fest – er wählt eine Gebühr zwischen 5 und 30 Prozent aus. Je dynamischer die Strategie, desto höher in der Regel die Gebühr.

„Radikales Angebot" am Markt

Von dieser Gebühr gehen bis zu 50 Prozent an den Ersteller des Portfolios, den Rest behalten Lang & Schwarz sowie Wikifolio selbst ein. Je mehr Anleger dem Ersteller des Wikifolios folgen, desto höher fällt sein Anteil an der Gebühr aus. Wenn weniger als 10.000 Euro von Nutzern in das Wikifolio investiert wurden, hat der Ersteller nichts davon. Darüber steigt er mit einer Beteiligung von 30 Prozent an der Perfomance-Gebühr ein, die schrittweise auf bis zu 50 Prozent steigt. Dafür verlange Wikifolio – anders als herkömmliche Anbieter – keine Gebühren für das Erstellen eines Zertifikats, sagt Kern. „Ich glaube schon, dass das Angebot ziemlich radikal ist am Markt", fügt er hinzu.

In den Beschreibungen der Wikifolios müssen die Trader ihre Anlagestrategie offenbaren und sie als „sicherheitsorientiert" oder „chancenorientiert" kennzeichnen. Zudem muss sich jeder Trader vor dem Handel aus etwa 50 Anlagekategorien auswählen, die er handeln will – zum Beispiel ausschließlich Dax-30-Aktien. Diese werden dann systemtechnisch erzwungen – die Anleger wissen also vorher, in welche Art von Anlagen sie ihr Geld investieren. Wikifolio bietet derzeit rund 2500 handelbare Werte – davon zwei Drittel Aktien aus der ganzen Welt. Der Rest sind börsengehandelte Fonds (ETF). „Über die ETFs kann man alle möglichen Asset-Klassen wie beispielsweise Rohstoffe abbilden", sagt Kern.

Musterdepots, in die der Ersteller selbst mindestens 5000 Euro investiert hat, werden mit einem „Real Money"-Zeichen ausgezeichnet. Die Angaben, die die Trader zu ihrer Strategie machen, werden von Wikifolio laut Kern grob darauf geprüft, dass sie keine irreführenden Angaben enthalten. Letztlich müssen die Anleger aber vor allem dem Anbieter des Depots vertrauen.

Investoren legen ihre Anlagestrategie offen

Als vertrauensbildende Maßnahme begründen viele der Trader ihre Investitionsentscheidungen. Besonders erfolgreich seien vor allem jene Trader, hat Kern festgestellt, die ihre Käufe und Verkäufe auf der Plattform ausführlich rechtfertigen. Eines der Portfolios habe sogar einen eigenen Blog, indem jeder Handel mittels technischer Analyse begründet werde. Erst nach einer Testphase von 21 Tagen und der Identitätsprüfung des Erstellers wird das Musterdepot für Investments zugelassen. Die Strategien der Wikifolios würden im Durchschnitt sehr gut funktionieren, sagt Kern. Seit dem Start hätten in etwa drei Viertel aller Wikifolios den Dax geschlagen.

Die Nutzer können sich die Portfolios nach verschiedenen Kriterien anzeigen lassen. Bei den Anlegern der Plattform besonders hoch im Kurs stehen offenbar spekulative Investments. Mehr als 2,7 Millionen Euro haben Wikifolio-Nutzer beispielsweise schon in ein Musterdepot namens „MomentumTrading-spekulativ" gesetzt. Das Zertifikat legte seit dem Beginn fast 60 Prozent an Wert zu – der von Wikifolio angegebene maximale Verlust konnte auf 7,08 Prozent begrenzt werden.

Insgesamt haben Nutzer rund 3000 Wikifolios auf der Plattform gestartet. Nur 111 davon haben genug Nutzer überzeugen können, dass tatsächlich ein Zertifikat aufgelegt wurde. Laut Kern werden die Portfolios vor allem von semi-professionellen Tradern betreut. „Leute, die das Thema Kapitalmarkt als Hobby und die zum Teil auch einen Hintergrund im Bankenbereich haben".

Die Idee zu einer Social-Trading-Platform kam schon 2008 zustande, sagt Kern. Bis zum Start Anfang August waren aber noch viele rechtliche Hürden zu überwinden. „Ich habe in den letzten Jahren sehr viele Anwälte kennengelernt", lacht Kern.

Bislang ist Wikifolio, dessen Unternehmenssitz Österreichs Hauptstadt Wien ist, nur in Deutschland aktiv. Der bekannteste Konkurrent ist der aus Israel stammende Anbieter Etaro. „Die sind aber sehr fokussiert auf Fremdwährungen und damit ganz anders positioniert", sagt Kern. Bei anderen Anbietern in den USA wird laut Kern die Handelsstrategie eines anderen Anlegers eins zu eins kopiert, statt sie über ein Zertifikat abzubilden. Das lohne sich aufgrund der damit bei jedem Handel anfallenden Gebühren erst bei größeren Investitionssummen. Kommendes Jahr will Wikifolio in die Länder Frankreich, Spanien, Italien, Österreich und die Schweiz expandieren.

Wirtschaftsblogger Dirk Elsner vom Blick Log, der für das Wall Street Journal Deutschland die Kolumne „Bankenwandler" schreibt, beobachtet Wikifolio schon länger. „Ich finde den Ansatz des Social Tradings insgesamt sehr fortschrittlich und das Konzept von Wikifolio selbst erstklassig", sagt er. „Sehr interessant an dem Konzept ist die Umsetzung von Strategien in Zertifikate mit einem professionellen Partner wie Lang & Schwarz. Damit setzt man außerdem spannende Anreize für Nutzer. Freilich drohen hier auch Gefahren." Rein anlegerrechtlich bewegen sich die Investments in der fünften und damit höchsten Risikoklasse.

Anlegerschützer nennt Alternative zum Social Trading

„Grundsätzlich gilt für Social-Trading-Ansätze das gleiche, was auch sonst im Anlagebereich gilt: Transparenz – sowohl was Strategien als auch was Kosten angeht – ist ein Muss", sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. „Nun scheint Wikifolio ja nach eigenen Angaben einen transparenten Ansatz zu verfolgen. Die Anleger sollten dies nutzen und sehr genau prüfen, ob sich ein Engagement tatsächlich lohnen kann", so der Anlegerschützer. Insgesamt hält er Social Trading eher für eine Modeerscheinung. Auf die Expertise andere Investoren zurückzugreifen könne man auch einfach durch die Gründung eines Investmentclubs. „Das geht auch via Social Network und hat den Vorteil, dass man eigene Erfahrungen einbringen kann", sagt Kurz.

Die Strategie, einem anderen Nutzer „blind" zu vertrauen, ist auch nicht für jeden Anleger etwas. „Ich selbst wäre wahrscheinlich kein guter ‚Follower' einer fremden Strategie, weil ich zu skeptisch gegenüber ‚erfolgreichen' Strategien bin", sagt Wirtschaftsblogger Elsner. „Keiner Anlagestrategie sieht man nämlich an, ob sie nur vorübergehend und wegen des hohen Risikos oder gar aus Zufall erfolgreich ist." Auch Kern gibt zu: Eine Strategie, die in der Vergangenheit erfolgreich war, muss damit nicht unbedingt in der Zukunft erfolgreich sein.

Kontakt zum Autor: stephan.doerner@wsj.com

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